Leseprobe John F. Kennedy


"Wir werden Jack wie Seifenpulver verkaufen", sagte der Vater. Und der Sohn schaffte mit Charme und Charisma den Weg ins Weiße Haus.

"Wir werden Jack wie Seifenpulver verkaufen", sagte der Vater. Und der Sohn schaffte mit Charme und Charisma den Weg ins Weiße Haus. Nur 1036 Tage war er im Amt, als er vor 40 Jahren erschossen und damit zum Mythos wurde – und zur ewigen Galionsfigur eines guten Amerika. Birgit Lahann erzählt von seinem Aufstieg zwischen Liebe und Kubakrise, Lebedamen und Vietnamkrieg

Der junge John F. will seinen Papa überraschen. Er sieht ihn doch so selten. Dauernd hat der in Hollywood zu tun, wohnt monatelang in Beverly Hills, ist ja nicht nur millionenschwerer Banker und Börsianer, sondern auch Produzent, ein Filmmogul, der Western und Actionfilme finanziert und in Zeiten der Prohibition auch noch mit Schwarzbrennern und Alkoholschmugglern illegale Geschäfte macht.

Nun ist der Papa endlich mal wieder nach Hause gekommen, in die feudale Sommerresidenz bei Cape Cod in Massachusetts, zu Frau Rose und den acht Kindern – das neunte ist noch nicht da. Und er hat jemanden mitgebracht. Gloria Swanson. Hollywoods berühmtesten Glamourstar. Das Ansehen des Vaters steigt ins Olympische. Gloria! Jeder kennt sie, jeder hat ihre Filme gesehen, "Madame Sans Gene" und "Sadie Thompson". Und mit dieser Luxus-Diva hat Vater nun, 1929, eine Produktionsgesellschaft gegründet. Wahnsinn! Das muss natürlich alles genau und ganz ungestört beredet werden. Am besten auf seinem Segelboot "Rose Elizabeth". Ein hübscher Törn bei Sonne und Wind ist beschlossen. Und der zwölfjährige Jack, wie John Fitzgerald genannt wird, krabbelt unbemerkt unter Deck, versteckt sich, bis das Boot abgelegt hat, dann steigt er hoch, um den Vater zu überraschen.

Das gelingt ihm. Denn Mr Kennedy liegt gerade lustvoll in den Armen der hüllenlosen Gloria. Der Sohn ist vom bloßen Anblick des ringenden Paares so geschockt, dass er sich über die Reling stürzt. Und dann schwimmt der schmächtige Knabe, der an Asthma leidet, gegen den Strom auf die offene See hinaus. Der entsetzte Vater hechtet hinterdrein und rettet den Sohn.

In dieser Familie ist alles dramatisch, tragisch, wild. Im Leben wie im Tod. Und den Geist der Familie hat der Vater Joseph gesät: Wir wollen keine Verlierer unter uns haben, werdet nicht Zweiter oder Dritter – das zählt nicht. Ihr müsst gewinnen!

So setzt der irischstämmige Katholik seine Kinder unter Druck. Tag für Tag. John F. Kennedy wird dieses ewig kontrollierte Leben zwischen Hausaufgaben, Beten, Leibeserziehung, Essen und Gehorchen inmitten eines Heeres von Kindermädchen, Köchinnen, Turnlehrern, Putzfrauen, Chauffeuren und Gärtnern später als Leben wie in einer Anstalt beschreiben, wie in einem Gefängnistrakt.

Licht aus!, predigt die geizige Mutter, wenn die Kinder von einem Zimmer ins andere gehen. Nach der Sonntagsmesse wirft sie gerade mal einen Dollar in den Klingelbeutel, der Sekretärin schenkt sie ihre ausgeleierten Büstenhalter, und die Kinder bekommen nur 40 Cent Taschengeld. Der zehnjährige Jack bittet den Vater schriftlich um eine Erhöhung von 30 Cent, weil er als Pfadfinder etwas solventer sein möchte.

Im Großen spielt Geld natürlich keine Rolle. Kennedy senior hat es und gibt es aus. Für ein Anwesen in New York, für Feriendomizile in Hyannis Port und Palm Beach, und wenn er in Hollywood lebt, wohnt er am Rodeo Drive, der teuersten Meile von Kalifornien, in einem Haus mit Swimmingpool und privatem Tennisplatz.

Und da, fern der Familie, langt der losgelassene Biedermann kräftig zu, lässt die Mädels tanzen, Starlets und Statisten, und er kriegt, was er will, weil das junge Filmgemüse glaubt, über das Bett des Produzenten eine Rolle zu bekommen.

Rose bleiben die Sexualausflüge ihres Mannes nicht verborgen, auch nicht, dass er die katholische Kirche vergebens bekniet hat, mit Gloria Swanson zusammenleben zu dürfen. Einfach so. Neben seiner Ehe mit Rose. Dafür lässt sie ihn bluten. Jahrelang. Deckt sich auf Luxusreisen durch Europa ein mit Brillanten und Haute Couture. Auf so einer Reise ist sie auch 1941, als ihr Mann das Leben der Tochter Rosemary zerstört. Das Kind passt einfach nicht in die Familie. Ist viel zu verschlossen. Überhaupt nicht wettbewerbsorientiert. Kämpft nicht mit den Geschwistern. Hat keinen Siegeswillen. Lernt auch schlecht. Macht Fehler. Hat Schreibschwächen.

Woher hat sie das? Ist sie schwachsinnig? Als der Vater später bei ihr sexuelle Zügellosigkeit wittert, lässt er einen neuen, kaum erprobten chirurgischen Eingriff am Gehirn der Tochter vornehmen, eine Lobotomie. Die Operation misslingt. Das 23-jährige Mädchen steht von nun an auf dem geistigen Niveau einer Vierjährigen und wird in einem Nonnenkloster versteckt. Die Mutter verdrängt und erfährt die Wahrheit erst nach Jahrzehnten.

In dieser Atmosphäre zwischen Kampf und Sieg im Luxuskäfig wächst Jack, der künftige Präsident JFK, auf. Ewig im Streit mit dem älteren Bruder Joe, der Jack täglich und erbarmungslos verprügelt. Denn Joe ist kräftig, knackig und kerngesund. Ist Vaters Liebling. Joe, sagt der, wird einmal Präsident der Vereinigten Staaten.


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