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"RM": Das tragische Ende eines Doppellebens

Öffentlich bekannte Rudolph Moshammer sich nie zu seiner Homosexualität, auch wenn sie als offenes Geheimnis galt. Selbst Nahestehende überrascht aber, wie leichtsinnig der 64-Jährige vorging.

Rudolph Moshammer lebte ein Doppelleben. Der Münchner Modemacher liebte zwar medienwirksame öffentliche Auftritte, doch privat muss er ein einsamer Mensch gewesen sein. Denn der 64- Jährige bekannte sich nicht zu seiner Homosexualität, auch wenn dazu manches gemunkelt wurde. Und so suchte er im Verborgenen und gegen Bezahlung Körperkontakt und Sex mit Männern. Das tat er auch am vergangenen Donnerstag: Er fuhr in der Nacht durch die Stadt und suchte nach einem Sexpartner. Kurz vor Mitternacht sprach er den 25 Jahre alten Iraker an, der nun als mutmaßlicher Mörder von Moshammer festgenommen wurde.

Moshammer gehörte zu einer Generation, die meist noch große Schwierigkeiten mit Bekenntnissen zur Homosexualität hat. Ganz anders als der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit (51), der sich offensiv geoutet hatte: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so." Aber auch viele Jüngere hatten erst spät den Mut zu einem öffentlichen Coming-Out, wie FDP-Chef Guido Westerwelle (43) oder Schlagerstar Patrick Lindner (44).

Im Verborgenen auf anonyme Suche

Weil Moshammer nicht zu seiner Homosexualität öffentlich stehen wollte, mied er auch die einschlägigen Schwulen-Lokale. Stattdessen zog es ihn nachts im Verborgenen auf anonyme Suche nach körperlicher Nähe und Sex. Der mutmaßliche Täter sagte bei der Polizei, in Iraker- Kreisen sei bekannt gewesen, dass Moshammer öfters im Bereich des Münchner Hauptbahnhofs junge Männer angesprochen habe. Nach den Worten des Soko-Chefs Harald Pickert haben die bisherigen Ermittlungen ergeben, dass Moshammer sich mehrmals in der Woche auf solche nächtlichen Touren durch die Stadt begab und Männer aus dem Auto heraus ansprach. Er fuhr immer erst spät los, wenn sein Fahrer schon gegangen war, und kehrte im Schutze der Dunkelheit zurück.

Moshammers Geheimniskrämerei um seine Homosexualität war sicher auch geprägt vom Umgang der Deutschen mit ihren Schwulen. Denn erst 1969 - da war Moshammer schon 29 Jahre alt - brach die sozialliberale Koalition von SPD und FDP unter Kanzler Willy Brandt eine Lanze für die Schwulen: Sie beschloss die Abschaffung des Strafrechtsparagrafen 175, der Homosexualität unter Strafe stellte. Vor allem in den 50er Jahren wurde Homosexualität streng verfolgt.

Doch auch heute noch fühlen sich viele Homosexuelle offen oder subtil diskriminiert. Manche glaubten auch diffamierende Zwischentöne zu hören, als CSU-Chef Edmund Stoiber vor einiger Zeit laut Medienberichten erklärte, die "ostdeutsche Protestantin" Angela Merkel und der liberale "Junggeselle" Westerwelle könnten der rot-grünen Bundesregierung nicht das Wasser reichen.

"Gleichberechtigung noch nicht viel weiter als früher"

Eindringlich warb Westerwelle im Sommer 2004 in einem Interview für mehr Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben. "Ich bin für mehr Selbstverständlichkeit im Umgang mit diesen Fragen", sagte der Chefliberale. Doch der homosexuelle Zeichner Ralf König (44), der mit seinen Schwulen-Comics berühmt wurde, ist pessimistisch. "Die Gleichberechtigung von Homosexuellen ist noch nicht viel weiter als früher. Zumindest nicht in kleineren Städten und auf dem Land", sagte König vor kurzem in einem Interview. "Dort haben Schwule immer noch die gleichen Probleme mit einem offenen Leben."

Jürgen Balthasar/DPA / DPA