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Fall Baldwin Es kann immer wieder passieren: Darum sind auch Platzpatronen eine tödliche Gefahr

Alec Baldwin
Alec Baldwin tötete bei den Dreharbeiten versehentlich die Kamerafrau Halyna Hutchins
© Steve Mack/Everett Collection / Picture Alliance
Bei den Dreharbeiten zum Western "Rust" hat Hauptdarsteller Alec Baldwin versehentlich die Kamerafrau Halyna Hutchins tödlich getroffen. Wie die Tragödie passieren konnte, erklärt Waffenexperte Lars Winkelsdorf. 
Von Lars Winkelsdorf

Bei den Dreharbeiten zur Hollywood-Produktion "Rust“ kam es in den USA zu einem tödlichen Unfall, bei dem der Schauspieler Alec Baldwin die 42-jährige Kamerafrau Halyna Hutchins erschossen und den Regisseur Joel Souza schwer verletzt hat.

Alec Baldwin: Filmwaffen nicht ungefährlich

Obwohl bei solchen Dreharbeiten seit Jahrzehnten mit speziell abgeänderten Filmwaffen geschossen wird, bei denen in der Regel keine scharfe Munition geladen werden kann, sind die Risiken bei Actionfilmen keinesfalls zu unterschätzen. Schon mehrfach kam es beim Umgang mit den knallenden Requisiten zu tödlichen Unfällen, etwa 1993 beim US-Schauspieler Brandon Lee, der durch Fragmente einer zuvor verwendeten Darstellungspatrone erschossen wurde: Kleine Splitter hatten sich unbemerkt im Waffenlauf verklemmt und wurden durch die Platzpatrone mit tödlicher Wirkung aus dem Lauf geschleudert.

Die Darstellung von Schusswaffen in Filmen hat nur herzlich wenig gemein mit der Realität. Echte Schussgeräusche würden Kinozuschauer mit schweren Gehörverletzungen im Saal zurücklassen und schon rein physikalisch kann sich ein Mensch auch nicht überschlagen oder wegfliegen, wenn er von einem Geschoss aus einer Pistole getroffen wird. All dies sind künstlerische Übertreibungen, die der Unterhaltung dienen. Und selbst der Schuss aus einem hochwertigen Schalldämpfer ist noch immer um ein Vielfaches lauter als das Zischen, das in Filmen präsentiert wird.

US-Schauspieler Alec Baldwin tötet Kamerafrau Halyna Hutchins bei Dreharbeiten mit Schusswaffe

Spezielle Platzpatronen

Selbst die als gefährlich geltenden Pumpguns sind eine Mystifizierung von Hollywood: Sie verschießen die gleichen Patronen im Kaliber 12/76, die in Doppelflinten zur Entenjagd verwendet werden und selbst mehrfache Schüsse können Autos nicht zum Explodieren bringen.

Damit der Zuschauer das Mündungsfeuer überhaupt bemerken kann und die Waffenfunktion erhalten bleibt, werden spezielle Platzpatronen verwendet und die Waffen entsprechend umgebaut. In der Regel werden dabei Düsen in die Läufe eingebracht, um den deutlich geringeren Gasdruck trotzdem für die Funktion nutzen zu können und beeindruckende Feuerbälle vor der Waffe zu erzeugen.

Möglicher Unfallhergang

Gerade das wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im Falle der Dreharbeiten zu "Rust" die Unfallursache gewesen sein: Statt eines Geschosses dürfte sich diese Düse gelöst haben, die dann aus dem Lauf beschleunigt wurde und wie ein Projektil unkontrolliert durch die Gegend flog.

Die Sicherheitsmaßnahmen bei solchen Filmproduktionen waren bisher in der Regel lasch. Nach dem tragischen Unfall in New Mexico werden sich die Produktionsfirmen die Frage stellen müssen, ob man in Zukunft nicht besser doch bei solchen Dreharbeiten Schutzwesten und sogar Helme verwenden sollte.

Dass die Realität die Fiktion auf eine so tragische Weise einholen musste, war angesichts des gefährlich verantwortungslosen Umgangs mit Waffen, wie er seit Jahrzehnten in Filmen für immer spektakulärere Bilder gezeigt wird, aber nur eine Frage der Zeit angesichts der wichtigsten Regel: "Richte die Waffe niemals auf etwas, auf dass du nicht schießen willst!"

Zur Person: Lars Winkelsdorf ist freier Journalist und Waffensachverständiger. Er arbeitete unter anderem für ARD Report München, ZDF Frontal21 und die Tagesschau.


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