Anne Hathaway Eine Prinzessin auf dem Weg zur Königin


Sie ist die Frau mit dem gewissen Alles: sehr große Augen, sehr volle Lippen, sehr breites Lächeln, sehr gute Manieren, sehr viel Talent und sehr entzückend. Logische Folge: Anne Hathaway, ab nächster Woche mit der Spionagekomödie "Get Smart" im Kino, ist dabei, ein sehr großer Star zu werden.
Von Christine Kruttschnitt

Schauspielerin wollte sie immer werden, aber natürlich nicht in dieser Schmierenkomödie. Anne Hathaway, 25, spielt dieser Tage eine äußerst unglückliche Rolle in der Klamotte um Raffaello Follieri, ihren nunmehr Ex-Boyfriend, der vor zwei Wochen von der New Yorker Staatsanwaltschaft des Überweisungsbetrugs und der Geldwäsche angeklagt wurde und der, wie nun bekannt wurde, in seinem Kleiderschrank zwei katholische Priesterroben hängen hat, weil er gern Nähe zum Vatikan demonstrierte.

Schon vergangenes Jahr war der italienischstämmige Immobilienmakler von einem Geschäftspartner wegen Veruntreuung verklagt worden. Mittlerweile hat man sich geeinigt. Aber es stand der Vorwurf im Raum, er habe von einer 100-Millionen- Dollar-Einlage unter anderem seiner Freundin Reisen im Privatjet und nicht weiter ausgeführte Arztbesuche spendiert; zu den Partnern des Investors wiederum zählt Bill Clinton, was der Komödie gar einen Stich ins Weltpolitische gibt. Auch der Papst spielt mit, am Rande: In dessen Auftrag, behauptete Follieri, sei er unterwegs, Grundbesitz der Kirche an Investoren zu vermitteln. Und um seine Mission noch etwas christlicher zu gestalten, gründete der 30-Jährige eine Stiftung für arme Kinder in der Dritten Welt, im Vorstand saß die erwähnte Freundin.

Und die bereiste zur selben Zeit, als die Follieri-Farce sich in Manhattan entfaltete, den Erdball und machte tapfer Werbung für jene andere Komödie, bei der mitzuarbeiten ihr so viel mehr Vergnügen bereitet hatte. In "Get Smart" spielt Anne Hathaway eine sexy Agentin, die auf Zehn- Zentimeter-Absätzen kickboxt und ihre Gegner im Nahkampf per Kuss außer Gefecht setzt. Von ihrem illustren Lebenspartner hatte sie sich kurz vor dessen Verhaftung getrennt, und in Interviews ließ sie knapp wissen, so etwas sei "immer schmerzhaft, nächste Frage bitte".

"Ich muss nicht mein Leben lang Prinzessin sein"

Wie Julia Roberts ist Anne Hathaway eines dieser Wunderwesen, dessen Einzelteile bei strenger Betrachtung ganz und gar unkompatibel sind und die sich doch zu einem sensationellen Ganzen formen. Sie hat Augen wie aus einem Manga-Comic, eigentlich viel zu groß für diesen schmalen Kopf. Ihre Lippen: sehr breit, sehr voll, was sie auch sein müssen, denn die Zähne dahinter sind sehr groß, sehr viele. Ihre Nase: bisschen krumm. Krumm!

Anne Hathaway zeigt die großen Zähne, ihr Lächeln ist ganz und gar entzückend: "Als Teenager war ich todunglücklich, ich wollte eine neue Nase. Aber je älter ich werde, desto weniger denke ich darüber nach, was die Leute von mir halten. Ich bin sogar froh, dass ich die Nase nicht richten ließ. Sie macht mich als Schauspielerin einsatzfähiger. In diesem Film, klar, spiele ich die einzige Frau, den Hingucker. Aber im nächsten eine Drogenabhängige, ich sehe echt fertig aus. Das ist das Gute an meinem Gesicht, in dem nichts zusammenpasst: Ich muss nicht mein Leben lang Prinzessin sein."

Als solche hat sie nämlich angefangen. Mit ihrem ersten Kinofilm, der Disney- Romanze "Plötzlich Prinzessin" von 2001, wurde die hübsche Brünette zum Teenie-Idol, angebetet von kleinen Mädchen weltweit, deren Mütter erleichtert vernahmen, dass die damals 18-jährige Anne über tadellose Manieren und einige Semester Englischstudium am renommierten Vassar- College im Staat New York verfügte.

Weg mit dem Good-Girl-Image

Überhaupt, was für ein braves Mädchen: aufgewachsen in einer Kleinstadt in New Jersey, ausgebildet zur Sopranistin, Ballettstunden natürlich, in der Schule hervorragend. Als einziger Teenager unter lauter gestandenen Schauspielern war die talentierte Anwaltstochter an einer Bühne in Manhattan für Theaterkurse angenommen worden. Vom Theater kam auch ihre Mutter, eine Schauspielerin, und so war Anne seit frühester Kindheit umgeben von Darstellern, Regisseuren, Künstlervolk. Kein Wunder, dass sie einem ein bisschen vorkommt wie ein junges Vollblut aus exzellentem Stall, perfekt trainiert, Muskeln geschmeidig, bereit für das große Rennen.

"Ich kenne soooo viele Kollegen, die talentierter sind als ich", sagt sie auf ihrem "Get Smart"-Werbefeldzug. "Aber ich habe einfach Glück." Tatsächlich traf Anne immer wieder glückvolle Entscheidungen: Sie schüttelte das Good-Girl-Image ab, "mir wurde langweilig". In "Brokeback Mountain", als Cowgirl Lureen, zeigte sie nicht nur unerwartet erwachsene Härte, sondern, fast noch überraschender, eine nackte Brust. Und in der Komödie "Der Teufel trägt Prada" ließ sie sich nicht vollständig von Meryl Streep an die Wand spielen, was im Survivaltraining für Starlets einer Goldmedaille gleichkommt. "Als ich sie das erste Mal traf, dachte ich nervös, sie will bestimmt mit mir die Rolle besprechen, und ich brabbelte was von Kunst und Herausforderung und so. Aber sie lächelte mich nur an: Schätzchen, wir werden viel Spaß haben."

Im Gespräch wirkt Anne Hathaway sehr selbstbewusst, aber sie wehrt ab, das sei nur Freundlichkeit, in Wahrheit wolle sie ja gar nicht über sich reden. Auf einer Pressekonferenz am Vormittag saß sie auf dem Podium zwischen Steve Carell - dem Titelhelden Maxwell Smart -, und Oscar- Preisträger Alan Arkin, aber gut drei Viertel aller Fragen richteten sich an sie. Sie schien nicht verblüfft über die Aufmerksamkeit. Aber auch nicht eitel. Sie wirkt eben wie die Prinzessin, die in Erwartung auf den Thron großgezogen wurde und nicht wirklich staunt, wenn schon mal der rote Teppich ausgerollt wird.

Anne macht ihre Sache super

Anfang zwanzig steckte Anne in einer Depression. Wie viele, die quasi vor der Kamera erwachsen werden, kam sie für eine Weile mit ihrem jungen Leben nicht zurecht. Sie sah die Zielgerade nicht mehr, bekam Angst vor dem großen Rennen. "Ich habe mir über alles Sorgen gemacht und mich furchtbar wichtig genommen. Das ist mein idiotischer Hang zum Perfektionismus. Er ist nicht nur lähmend. Er sorgt dafür, dass Furcht dein einziger Antrieb wird." Von ihrer Mutter habe sie den Hang zum Theatralischen. "Wir können uns richtig reinsteigern in unsere ach so großen Gefühle. Vor allem in die negativen. Aber immer wenn ich dabei bin, ein großes Drama zu veranstalten, sagt sie: Jetzt stell dir Freude vor."

Nun, das ist leicht im Moment. Einerseits. "Get Smart" wurde in den USA zwar von den Kritikern mau aufgenommen, belegte aber souverän Platz eins. Und was immer genörgelt wurde, einig waren sich alle: Anne macht ihre Sache super. Angebote stapeln sich, das Rennen ist eröffnet. Aber andererseits. Siehe oben. So traurig, so schmerzhaft. Was also tun? Ganz einfach. Smart sein. Und auf Mutti hören.

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