HOME

Audrey Tautou: Die fabelhafte Welt der Chanel

Diese Rolle passt perfekt: Audrey Tautou, bekannt geworden als fabelhafte Amélie, spielt Coco Chanel. Das tut sie mit Bravour - auch wenn ihr die dunklen Seiten der genialen Modeschöpferin ziemlich fremd sind.

Von Stefanie Luxat

Das hätte Coco Chanel gar nicht gefallen, wie Audrey Tautou da im Berliner Luxushotel sitzt, so weit zurückgelehnt im Stuhl. "Nehmen Sie gefälligst Haltung ein!", hätte sie bestimmt gezetert. Und: "Ziehen Sie diese lächerliche Jeans aus!"

Ansonsten hätte Mademoiselle Chanel, geboren als Gabrielle Bonheur 1883 in Saumur, gestorben als Coco 1971 in Paris, wohl nicht viel an der Frau auszusetzen gehabt, die sie im Kino spielt und die an ihren Karrierebeginn vor 100 Jahren erinnern soll. Audrey Tautou sieht ihr verblüffend ähnlich: Sie ist extrem dünn, hat dunkelbraune Augen, kurze Haare. Sie raucht, wie Coco. Ist 30, wie Coco in ihren schillernden Anfangsjahren, als sie als Ausnahmetalent gehandelt wurde und noch nicht als Tyrannin galt.

Der Film "Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft" (Start: 13. August) zeigt die ersten 30 Lebensjahre von Chanel: Man sieht, wie ihr Vater sie und ihre Schwester ins Waisenhaus abschiebt und wie sie vergeblich auf seine Rückkehr hofft. Man sieht, wie sie sich als Varietésängerin versucht. Mit den Chansons "Qui qu'a vu Coco?" (zu Deutsch: Wer hat Coco gesehen?) und "Cocorico" (Kikeriki) handelt sie sich den Spitznamen "Coco" ein. Man sieht sie als Näherin in einem Hinterzimmer und verfolgt, wie sie schließlich aus der Provinz in die Nähe von Paris zu ihrem Verehrer flüchtet, dem reichen Pferdezüchter Etienne Balsan, und wie sie von dort aus ihre Moderevolution startet, zunächst als Hutdesignerin.

Unerzählte Moderevolution

Am Ende sitzt Audrey Tautou als Coco auf der berühmten Spiegeltreppe ihrer Boutique in der Rue Cambon. Stolz auf die erste eigene Kollektion.

Leider endet der Film genau hier, wo die Karriere von Chanel und der Mythos beginnen. So bleibt unerzählt, was diese Frau in der Mode Außergewöhnliches geleistet und wie viel sie gewagt hat. Als die Frauen der französischen Elite sich Anfang des 20. Jahrhunderts noch wie Weihnachtsbäume kleideten - überschmückt mit Broschen, Ohrringen, pompösen Hüten und Ketten, die so eng wie Hundehalsbänder waren -, entschied sich Chanel für den Purismus. Sie entwarf schlichte Kleider wie das berühmte kleine Schwarze, wählte Blusen, Hosen, lange lockere Ketten. Den Korsett-Trend schnitt sie sogar demonstrativ auf. Und schneiderte Männerkleidung für Frauen um. Chanel wollte nicht den Männern in eng geschnürten Kleidern hinterherwackeln, sie wollte voranschreiten. Sie gab den Frauen Bewegungsfreiheit. Und feierte ab 1915 damit Erfolge, von "Harper's Bazaar" kassierte sie das Kompliment: "Die Frau, die nicht wenigstens ein Stück von Chanel besitzt, ist hoffnungslos aus der Mode."

Nur mit zwei Phänomenen konnte sie sich bis zu ihrem Tod nicht anfreunden: Mit Miniröcken - sie hielt das Knie für eine der hässlichsten Sachen der Welt. Und mit homosexuellen Designern. Die giftete sie immer wieder an: "Sie lassen Frauen aussehen wie Transvestiten. Sie kennen die Frauen nicht. Sie haben nie eine Frau gehabt." Karl Lagerfeld, der 1983 ihr Erbe als Chefdesigner bei Chanel antrat, sagte einmal: "Im Allgemeinen sind Frauen mit Kindern nicht so bösartig wie die ohne. Die Chanel - wer weiß, wenn sie Kinder gehabt hätte, wäre sie vielleicht netter gewesen."

Die kühle Designerin

Und diese Frau wird nun also von Audrey Tautou gespielt, an der seit acht Jahren die Rolle der süßen Amélie Poulain aus "Die fabelhafte Welt der Amélie" haftet. Tautou versuchte, sich davon freizuspielen: Sie mimte eine Kriegswitwe, eine Magersüchtige, eine Jesus-Urururenkelin im "Da Vinci Code". Doch irgendwie blieb sie dabei stets die fabelhafte Amélie. Mit Coco hat sie jetzt die Chance auf einen neuen Stempel - "der wäre mir eine Ehre", sagt sie.

Audrey Tautou lächelt viel, ganz weich und warm. Das ist der wohl größte Unterschied zu Coco Chanel. Die Modeschöpferin war für unterkühlte Auftritte bekannt - und Warmherzigkeit konnte man ihr wahrhaftig nicht nachsagen. Ob Tautou so richtig verstanden hat, für was für ein Kaliber Frau sie sich da eine Rolle "nach ausführlicher Recherche zusammengereimt" hat? Es erstaunt sie zu hören, dass Chanel die heutigen Firmenbesitzer, die jüdische Familie Wertheimer, im Zweiten Weltkrieg zu ihren Gunsten enteignen lassen wollte. Für eine Beteiligung von zehn Prozent überließ Chanel 1924 dem damals größten Parfümunternehmer Frankreichs Pierre Wertheimer die Rechte an ihrem Duft "No. 5". Im Laufe der Jahre wurde der zum bestverkauften Duft der Welt. Chanel sah sich um ihren Gewinn betrogen und begann einen Rechtsstreit. Als die Wertheimers 1940 vor den Nazis flüchten mussten, versuchte Chanel sich die Rechte zurückzuholen. Und scheiterte. Vierzehn Jahre später - Chanel war in Not geraten - kaufte die Familie Wertheimer das gesamte Unternehmen.

Auch dass Chanel im besetzten Paris, im Hotel "Ritz", mit dem Nazi-Offizier Hans Günther von Dincklage zusammenlebte, den Coco "Spatz" nannte, hört Tautou zum ersten Mal. "Das ist eines der Paradoxa, die Chanel ausgemacht haben. Auf der einen Seite war sie sicher eine große Patriotin, andererseits: Wenn sie einen Mann geliebt hat, hat sie gern die Augen vor der Realität verschlossen", sagt Tautou. "Vielleicht sind die Gerüchte aber auch viel schlimmer als das, was passiert ist."

Ähnlichkeiten und Unterschiede

Obwohl dieses Jahr noch ein weiterer Film ("Coco Chanel & Igor Strawinsky") über Mademoiselle in die Kinos kommt, nennt Karl Lagerfeld Audrey Tautou "die einzig wahre Chanel". Bei aller gern eingeräumten Ähnlichkeit mit Coco Chanel pocht Tautou auf einen großen Unterschied: Sie habe nicht wie Mademoiselle Chanel den Ehrgeiz zum großen Auftritt. "Ich wäre gern unsichtbar." Dabei ist sie bald überaus sichtbar: Der Rolle als Coco Chanel wird eine große Werbekampagne folgen - Tautou als neues Gesicht für "Chanel No. 5".

Eigentlich verbittet sich Audrey Tautou, über Privates zu sprechen. Zu dem Gerücht, sie habe auch im wahren Leben eine Liaison zu Benoît Poelvoorde, dem Etienne-Balsan- Darsteller, kein Kommentar. Aber die Frage, ob sie es wie Marilyn Monroe halte, die einmal sagte, sie trage nachts nichts außer ein paar Tropfen "No. 5", reizt sie dann doch. Tautou richtet sich in ihrem Stuhl auf und sagt mit verschmitztem Lächeln: "Nein, ich lege mein Parfüm erst am Morgen auf. Aber dann nackt." Das hätte Chanel gefallen.

print