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Bohlen-Prozess: "Ich dachte, die knallen mich ab"

Ausnahmezustand im Amtsgericht von Recklinghausen: Dieter Bohlen sagte im Prozess um den Raubüberfall auf sein Haus als Zeuge aus. "Stark dramatisiert" habe er, meint der Verteidiger. Der Prozesstag endete mit einer Überraschung.

Von Björn Erichsen, Recklinghausen

Amtsgericht Recklinghausen, Reitzensteinstraße 17. Um den Neubau herum liegen Einfamilienhäuser mit großen Vorgärten - eine ruhige Ecke unweit der Innenstadt. Für den Nachmittag sind zwei Zwangsversteigerungen angesetzt. Ein ganz normaler Tag also? Mitnichten. Am Montag tagte dort ebenfalls die Große auswärtige Jugendkammer des Landgerichtes Bochum, die Anklage lautete: erpresserischer Menschenraub und räuberische Erpressung. Der Name des Geschädigten: Dieter Bohlen.

Und wie meistens, wenn der Musikproduzent irgendwo auftaucht, herrscht Unruhe. Drei dutzend Journalisten haben sich vor dem Gerichtsgebäudes postiert, es schüttet wie aus Eimern. Ein paar Schaulustige finden sich ein, drei Mädchen, gerade einmal 16, schwänzen die Schule, "um den Dieter zu sehen" Auch Timo Tasche ist da, seines Zeichens arbeitsloser Berufsdemonstrant. Bei allen großen Prozessen rückt der 27-jährige an, um seine Botschaften unter das Volk zu bringen. "Heute demonstriere ich im Dienste der Wahrheit", sagt er. Auf seinem großen Pappschild steht in roter Schrift: "Dieter, was ist mit den Moneten?"

Kurz vor neun kommt Bohlen. Als die dunkelblaue Miet-Limousine heranrauscht, geht ein Blitzlichtgewitter nieder. Bohlen trägt eine Jeans, ein blaues Jacket, ein weiß-blau gestreiftes Hemd. Er sieht müde aus. Natürlich. Immerhin ist er heute morgen um fünf Uhr aufgestanden, um seine Aussage zu machen. "Können die uns nicht einfach in Ruhe lassen?", hatte er sich schon vorher via "Bild"-Zeitung beklagt.

Carina hängt in Dieters Schlepptau

Die Journalisten ignoriert er vollständig. Kein derber Spruch, nicht mal ein daher gemotztes "Hallo, hier bin ich". Nichts. Wortlos bahnt er sich den Weg ins Gericht, Freundin Carina, die ebenfalls aussagen soll, im Schlepptau. Die Treppe hinauf in den Saal 125, wo die Verhandlung stattfindet, wird zum Nadelöhr. Gedränge, Geschubse, Ellenbogen. Ein Justizwachtmeister muss zwei Fotografen stützen, die die Treppe hinunter zu fallen drohen. 14 Beamte sind heute im Einsatz, eigens angefordert von anderen Gerichten. Ausnahmezustand im Amtsgericht.

Dabei ist der Tathergang weitgehend unstrittig. Die beiden Angeklagten, Tom F. und Osman Z., zur Tatzeit 17 und 18 Jahre alt, haben gestanden, nachdem sie durch den Hinweis eines anonymen Informanten im Juli verhaftet worden waren. Am ersten Verhandlungstag am Donnerstag gaben sie zu Protokoll, dass sie Anfang Dezember letzten Jahres bewaffnet mit einer Schreckschusspistole und einem Küchenmesser vor der 600-Quadratmeter-Villa von Dieter Bohlen in Tötensen aufgetaucht sind und Geld geraubt haben. Bohlen, dessen Freundin Carina, sowie die Haushälterin und den Gärtner hatten sie mit Kabelbindern gefesselt.

Das Motiv: "Wir brauchten Geld", sagte Tom F. bei seiner Aussage. Beide Täter seien arbeitslos gewesen und hätten Schulden gehabt. "Wie wir genau darauf gekommen sind, weiß ich heute nicht mehr." Das Geld hätten sie inzwischen ausgeben, für Kino- und Restaurantbesuche, Handys und Sportgeräte. Und für eine schwarze Lederjacke, die Tom F. auch noch vor Gericht anhatte.

Bohlen nimmt Entschuldigung nicht an

Ein echter Aufreger für Bohlen. Ansonsten würdigt er die beiden Angeklagten im Gerichtssaal keines Blickes, die Entschuldigung von Tom F., vorgetragen durch seinen Anwalt, nimmt er nicht an. Lieber erzählt er ausführlich von den Folgen des Überfalls. Noch heute könne er schlecht schlafen, sagt er. Und in seiner Villa fühle er sich ohnehin nicht mehr sicher. Daran würden auch die neuen Sicherheitsvorkehrungen nichts ändern. "Die machen immer mehr ein Gefängnis aus dem Haus", gibt er zu Protokoll. Alles sehr erschütternd, bei der Aussage von Freundin Carina fließen sogar Tränen.

"Bohlen hat bei seiner Aussage doch stark dramatisiert"; findet Siegmund Bennecken, Anwalt von Tom F. "So hat er etwa angeben, dass er nach seiner Flucht in Unterhosen zu den Nachbarn gelaufen ist, was die Bilder der Überwachungskameras nicht bestätigten. Auf denen trug er eine Jeans, sah fast aus wie heute"; sagt der 63-jährige. Seine Angaben zur Höhe des geraubten Geldes haben mich ebenfalls nicht überzeugt."

Bohlen bekräftigte im Zeugenstand, dass ihm 60.000 Euro entwendet worden seien. "Es waren zwei Kuverts, ich nehme an, dass jeweils 30.000 Euro darin waren.", sagte Bohlen. "Gezählt habe ich allerdings nicht." Das taten nur die Angeklagten und kamen lediglich auf 29.500 Euro. Aussage steht gegen Aussage, wie viel Geld tatsächlich geraubt wurde, bleibt weiterhin unklar.

"Das ist nur eine von vielen Merkwürdigkeiten in Bohlens Aussage", meint Henry Alternberg, Anwalt des Angeklagten Osman Z. Die Worte "versuchter Versicherungsbetrug" will der Verteidiger aber nicht in den Mund nehmen. "Schlussfolgerungen aus der Faktenlage müssen andere ziehen."

Verteidiger mutmaßt über Auftraggeber

Im Vorfeld hatte Alternberg bereits Andeutungen gemacht, dass es Hintermänner geben könnte. "Es gibt bestimmte Anhaltspunkte, dass das kein normaler Raubüberfall war", sagte er gegenüber der "Westfälischen Rundschau" und bezieht sich damit auf Briefe, die auftauchten, kurz nachdem die Angeklagten in Untersuchungshaft gekommen waren. Handelt es sich beim Überfall auf Bohlen also um eine Auftragsarbeit?

Aufklärung wird es erst später geben. Am Nachmittag wurde bekannt, dass der Prozess überraschend auf den 21. September vertagt worden ist. Alternberg zweifelt an, dass die Gewährung der Anonymität für den geheimen Hinweisgeber rechtens ist. Nun soll der zuständige Staatsanwalt aus Stade vorgeladen werden.

Als dies bekannt wird, hat Bohlen sich schon längst wieder auf den Weg gemacht. Wieder wortlos, aber doch ein bisschen freundlicher als noch am Morgen. Dennoch war es für ihn ein lausiger Tag: Früh aufstehen, die Erinnerungen an den Überfall wieder aus dem Gedächtnis kramen und den Spießrutenlauf durch die Journalistenmeute absolvieren. Immerhin, er wird entschädigt, und zwar wie jeder andere Normalsterbliche auch. Er bekommt Zeugengeld: 17 Euro pro Stunde, dazu 25 Cent Fahrgeld pro Kilometer, fast 200 Euro. Zumindest was diese Summe angeht, besteht Klarheit.