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Bully und Otto: "Ich stehe noch unter Schock"

Das ist der Gipfel: Zum Kinostart der Animationskomödie "Lissi und der wilde Kaiser" bat der stern Michael "Bully" Herbig und sein Idol Otto Waalkes zum ersten gemeinsamen Interview. Ein Gespräch über zeitlose Witze, verpuffte Gags, lockere Deutsche und heißen Ramazzotti.

Bully, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Otto-Moment?

Bully: Die erste Single, die ich gekauft habe, dazu stehe ich, war von Dschingis Khan. Und meine erste LP war diese weiße Otto-Platte mit dem gezeichneten Gesicht. Ich saß in der Badewanne und habe die nacherzählt.

Haben Sie die Platte noch?

Bully:

Selbstverständlich. Am liebsten habe ich sie übrigens auf 45 Umdrehungen gehört.

Otto:

Die habe ich auch auf 45 aufgenommen.

Bully:

Und ich kannte die natürlich auswendig. Alle kannten die auswendig! Jeder auf dem Schulhof besaß diese Platte. Da muss ich wohl zehn gewesen sein.

Otto:

Die war von 1972.

Bully:

Mein Gott, da war ich erst vier!

Otto:

Und schon gebadet.

Bully:

Dann muss ich die wesentlich später gekauft haben. Ein paar Gags habe ich auch überhaupt nicht verstanden. Auf jeden Fall war die Platte total versaut. Die schweinischen Witze habe ich dann bei Oma und Opa erzählt. Die sahen mich entgeistert an und fragten: Also Junge, woher hast du denn das? Ich habe gesagt: Das ist Otto, Otto versaut Hamburg!

Wen hat Otto in der Badewanne rezitiert?

Otto: Ich habe nie gebadet. Leute wie Heinz Erhardt, Jerry Lewis, später Gernhardt, Eilert und Knorr, mit denen ich meine Programme geschrieben habe, waren prägend. Ich wollte vor allem Musik machen. Aber die Gags waren stärker.

Wurde in Ihren Familien viel gelacht?

Bully:

Vor allem in der meiner Mutter. Wenn die zusammenkam, war das immer eine Riesengaudi. Mein Großvater hat am Tisch mit ein paar Löffeln getrommelt oder mit der Ziehharmonika aufgespielt. Die Humorausbildung hat aber auch viel mit dem Freundeskreis zu tun. Wenn du im Kindergarten oder der Schule für Dinge Lacher erntest, selbst wenn du sie anders gemeint hast.

Otto:

Humor hat wohl mit Kompensation zu tun. Bei mir zu Hause war mein Vater der Lustigere. Der hat Konflikte mit meiner Mutter oft einfach weggelacht. Das hat mich positiv beeinflusst.

Warum ist Ottos Humor seit über 30 Jahren so erfolgreich?

Bully: Otto ist schlichtweg ein Phänomen. Das erste Mal habe ich ihn in einer Volksmusiksendung erlebt. Otto kam in diese Riesenhalle mit bestimmt 5000 Leuten und rief: "Ahhh! Haalloo Echo!" Darauf der ganze Saal: "Hallo Otto!"
Otto: Logisch, sie hatten mich erkannt.
Bully: Unfassbar! Das funktioniert noch nach so vielen Jahren. Was aber ganz stark mit einer Persönlichkeit zusammenhängt, mit einer Figur, die man mag.

Ottos Humor ist zeitlos?

Otto:

Ich mache das seit 35 Jahren. Bis jetzt ist das Verfallsdatum nicht erreicht.

Bully:

Es gibt immer wieder Generationen, die einen Witz noch nicht kennen, die wachsen ja nach. Einen guten Gag kannst du also tatsächlich alle 10 bis 20 Jahre wiederholen. Und Otto hat ja damals wirklich Pionierarbeit geleistet. Keiner ist zu der Zeit in dieser Dimension solo auf Tour gegangen.

Was hat sich seitdem verändert?

Bully:

Das Tempo. Die Gag-Dichte in einem Film muss sehr viel höher sein.

Otto:

Auf der Bühne ist die Präsenz entscheidend. Stehe ich zu einem Gag, überträgt sich das aufs Publikum, meistens. Komik, die von Tabubrüchen lebt, hält sich nicht lange. Ich habe auch schon mal den Drang, eins zu verletzen. Aber auf der Bühne merkst du schnell: Das war kein Tabu mehr, jedenfalls nicht für die anderen.

Bully:

Das ist alles eine Bauchsache.

Otto:

Du willst dich wohlfühlen mit dem, was du erzählst. Sonst wirst du irgendwann unglaubwürdig.

Sind die Deutschen heute lockerer?

Otto:

Ich kann nur über die sprechen, die zu mir kommen. Da sitzen dann drei Generationen, unterschiedliche Bildungsgänge, unterschiedliche Einkommensklassen, unterschiedliche Haarfarben - und alle freuen sich über dieselben Scherze. Die Deutschen sind heute vergnügungssüchtiger.

Bully:

Im Ausland ist das noch nicht ganz angekommen. Wenn du zum Beispiel in Amerika erzählst, du bist in Deutschland Komiker ...

Otto:

... gucken sie dich schräg an ...

Bully:

... und sagen: Oh, wirklich? Aber es spricht sich langsam rum, dass es hier komische Filme gibt, die sogar erfolgreicher sind als amerikanische Komödien.

Otto:

Mich fragten die Amerikaner immer: Oh, you come from Germany? The free part? Do you have television over there?

Gibt es momentan zu viel Comedy?

Bully: Seltsam, diese Frage wurde mir schon vor zehn Jahren gestellt, als wir mit der "Bullyparade" angefangen haben. Eigentlich begann ja alles mit "RTL Samstag Nacht". Da haben die Fernsehmacher irgendwie begriffen, dass noch eine Menge möglich ist. Heute füllt einer wie Michael Mittermaier auf seiner Tour wochenlang jeden Abend Hallen mit 4.000 Zuschauern. Es gibt nicht zu viel Comedy, es findet lediglich eine Weiterentwicklung statt.
Otto: Über mich schrieb man schon 1972, dass Otto Waalkes in einem halben Jahr keiner mehr kennen wird.
Bully: Echt?
Otto: Der Überraschungserfolg macht den Kritiker ratlos, weil er ihn nicht beeinflussen kann.
Bully: Es ist manchmal schon erstaunlich, was im Feuilleton steht. Da werden Dinge hineininterpretiert, über die man sich selbst überhaupt keine Gedanken macht. Unsere Aufgabe ist es, das Publikum zu unterhalten, egal ob mit einem Thriller oder einer Komödie.
Otto: Ich zucke jedes Mal zusammen, wenn mein Name im seriösen Feuilleton positiv erwähnt wird.
Bully: Wenn du den Grimme-Preis bekommst, müssten eigentlich die Alarmglocken läuten.
Otto: Soll ich meinen Grimme- Preis zurückgeben?
Bully: Wie, hast du einen?!
Otto: Ja, klar.
Bully: Dann will ich auch einen!

Muss man als Komödiant stärker um Respekt und Anerkennung kämpfen?

Bully: Erstaunlich ist: Wenn du dich hinter den Kulissen mit Leuten unterhältst, sind sich alle einig, dass es irre schwer ist, jemanden zum Lachen zu bringen.
Otto: Aber nur hinter den Kulissen.
Bully: Der Kunstanspruch ist das Drama. In den meisten Filmen, die ausgezeichnet werden, wird immer unfassbar viel hysterisch geschrien.
Otto: Dafür haben die Leute bei Komikern weniger Berührungsängste. Uns um ein Autogramm zu bitten fällt leichter als etwa bei Götz George oder Bruno Ganz.
Bully: Das hat auch mit der Kürze unserer Namen zu tun. "Bully!" oder "Otto!" kann man leicht mal über die Straße brüllen.
Otto: Ich hab's gern, wenn die Leute mich ansprechen. Für mich ist das ein Stimmungsbarometer. Ich genieße den Anonymitätsverlust, sonst wäre ich nicht Komiker geworden, sondern Trappistenmönch.

Darf man als Komiker erwachsen werden?

Bully:

Lässt sich nicht vermeiden. Komiker zu sein hat nichts mit zwanghaftem Jugendwahn zu tun.

Otto:

Du kannst zwar mit kindlichem Charme bestimmte Inhalte aufbauen, aber ein Komiker muss sich weiterentwickeln - egal wohin. Aber was ist denn die Definition von Erwachsensein?

Bully:

Ich werde nächstes Jahr 40. Als Zwölfjähriger war jemand in diesem Alter für mich ein alter Sack.

Otto:

Danke. Deswegen fahre ich so gern nach Florida, da bin ich der Jüngste.

Ist eine positive Lebenseinstellung Voraussetzung für Ihren Job?

Otto:

Ich muss mich nicht groß verstellen in der Öffentlichkeit. Aber privat kann ich schon sehr lustig sein.

Bully:

Wenn du ständig schlechte Laune hast, tust du dich ein bisschen schwer, andere Leute zum Lachen zu bringen.

Otto:

Womit wir endlich auch das Klischee vom depressiven Komödianten abgehakt hätten, der nur auf der Bühne lustig ist.

Bully:

Der traurige Clown.

Otto:

Ja, das ist ein Running Gag, dieses romantische Künstlerklischee.

Bully:

So wie der Satz: Der Applaus ist das Brot des Künstlers.

Otto:

Ich hätte gern ein Steak.

Kommt es vor, dass Sie etwas ernst meinen, aber die Leute halten es für einen Witz?

Bully:

Gestern saßen wir im Restaurant und wollten nach dem Essen einen Absacker bestellen. Otto sagt zur Kellnerin: Ich hätte gern einen Ramazzotti. Aber schön heiß! Ich habe mich weggeschmissen. Aber Otto wollte tatsächlich einen heißen Ramazzotti.

Otto:

Mir schmeckt so was.

Bully:

Manchmal ist es auch schwer, ernst zu bleiben. Bei meiner Hochzeit mussten wir uns tierisch zusammenreißen!

Otto:

Wie lange seid ihr verheiratet?

Bully:

Vier Jahre.

Otto:

Euch wird das Lachen noch vergehen.

Bully:

Mein Kollege Rick Kavanian war Trauzeuge und saß neben mir. Die Standesbeamtin kam herein, neigte den Kopf zur Seite und sagte mit diesem niedlichen Blick "Grüß Gott". Ich fühlte mich wie in einem Sketch. Ich wusste, wenn ich jetzt Rick anschaue, platzt alles raus. Mir lief der Schweiß runter.

Otto:

Ich war mal bei "Wetten, dass...?", Gottschalk hat mich interviewt. Wie es so ist, immer gut drauf sein zu müssen, jahrelang als Berufsjugendlicher rumzuturnen mit den Klamotten und der Frisur. Danach haben wir dann über mich gesprochen.

Und Gags, bei denen keiner lacht?

Bully:

Das passiert immer wieder.
Otto: Wobei das nicht an der Qualität des Gags liegen muss. Manchmal kann eine kleine Umstellung die Pointe retten, manchmal die Betonung, manchmal das Timing - und manchmal eben nicht. Dann lässt du sie irgendwann einfach weg.

Bully:

Dafür lachen in jedem Film die Leute an einer Stelle, wo du das überhaupt nicht erwartet hattest.

Otto stammt aus Ostfriesland, Bully aus Bayern. Ist das relevant für den Humor?

Otto: Früher habe ich tatsächlich noch Friesenwitze erzählt, heute ist das bekannt, woher ich komme. Sag mal ’nen Satz mit Gammelfleisch: Wieso schlägt Döner auf den Magen? Gammelfleisch das einer sagen? Das kannst du in Flensburg und in München erzählen.
Bully: Manche Witze funktionieren auch unterschiedlich. Einer meiner Lieblingsgags aus "(T)Raumschiff Surprise": Wenn die Königin vor der Schlacht zum Senator sagt: Es gibt da etwas, was Sie noch wissen müssen. Ich habe meinen BH vergessen. Der Senator greift in sein Hemd, holt seinen BH raus und sagt: Hier, nehmen Sie meinen! Für mich ein guter Gag, der hier aber nicht wirklich gezündet hat. Dann lief der Film in Amerika auf einem Festival, und an dieser Stelle haben sich die Zuschauer weggeschmissen.
Otto: Ich hatte mal einen Auftritt in Ostwestfalen und ein ganz flaues Gefühl dabei. Anschließend saß ich im Hotel und fragte mich, was ich falsch gemacht hatte. Am nächsten Tag stand in der Zeitung: Ostwestfalen raste vor Begeisterung.
Bully: Manche zeigen das auch anders. Je weiter du aufs Land kommst, desto dankbarer sind im Prinzip die Leute. Die können teilweise nicht fassen, dass du wirklich da bist. Michael Mittermaier hat mir da mal eine sensationelle Geschichte erzählt. Er war irgendwo Klamotten kaufen, und die Verkäuferin sagt zu ihm: Mei, wissen Sie, wie Sie ausschauen? Wie der Michael Mittermaier! Darauf sagt der Mittermaier: Ja, vielleicht bin ich's ja. Da hat die nur gelacht. Michael bezahlt mit seiner Kreditkarte, die Verkäuferin sagt: Mei, und jetzt heißt er auch noch so! Das ging nicht in ihren Kopf, dass der Mann, den sie aus dem Fernsehen kennt, gerade vor ihr steht.

Und wie findet Otto das neue Bully-Werk "Lissi und der wilde Kaiser"?

Otto:

Ich stehe noch unter Schock: Die Gag-Dichte, die Produktionsweise oder dieser bayerische Jäger, der so komisch spricht, dass ich kein Wort verstanden habe - oane Schpitzenloastung.

Wir hätten trotzdem gern den Realfilm mit Bully als Lissi gesehen.

Bully:

So blöd das klingt: In dem Film steckt sogar etwas mehr Bully als in allen anderen Filmen zuvor. Ich glaube ganz ehrlich: Ich als Sissi mit Kleid, Korsett und Perücke, das wäre spätestens nach einer halben Stunde nur noch eine schlechte Travestienummer geworden.

Otto:

Die Rocky Horror Bully Show.

Bully:

Und der erste Film, den ich jemals machen wollte, war ein Zeichentrickfilm. Damit hab ich in den Sommerferien angefangen, bis ich gemerkt habe, dass man ja pro Sekunde 24 Bilder braucht. Und dann sind mir die Stifte ausgegangen.

Interview: Matthias Schmidt und Bernd Teichmann / print