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Daniel Craig: Der coolste Hund

Dank ihm darf ein Mann wieder ein Mann sein. Sexy, knackig, kantig: Der Brite hat aus dem Geheimagenten Ihrer Majestät einen modernen Actionhelden gemacht - und einen altmodischen Kerl zugleich.

Von Christine Kruttschnitt

"Alles in der Kunst und im Leben hat mit Sex zu tun", spricht Daniel Craig gelassen. Und auch wenn diese Erkenntnis nicht gerade neu ist, so wird sie doch belegt durch die unaufhaltsame Wirkung einer babyblauen Badehose. In jener entstieg der Mann aus Liverpool vor zwei Jahren den Fluten der Karibik, und seitdem ist nichts mehr, wie es einmal war. Seine Karriere nicht. Sein Leben nicht. Selbst die Kunstwelt jenes Kinohelden nicht, den Daniel Craig kürzlich das zweite Mal verkörperte.

James Bond, seit 46 Jahren bewährte Männerfantasie, zog plötzlich mehr Frauen in die Kinos als sämtliche Inkarnationen vor Craig, inklusive Sean Connerys haariger Schottenbrust und Pierce Brosnans gepflegter Föhnwelle. Dank jenem babyblauen Höschen aus dem Haus La Perla - und der babyblauen Augensterne seines Trägers - wurde Bond mit "Casino Royale" selbst zum ultimativen Bond-Babe: sexy wie Pussy Galore, knackig wie Holly Goodhead, scharf wie Xenia Onatopp. Brachte Craig einerseits eine barsche Männlichkeit in den Geheimdienst Ihrer Majestät zurück, so bot er mit ähnlicher Entschlossenheit dem weiblichen Publikum die Kehle dar - und lieferte sich aus als Sexobjekt. Und sein Appeal beschränkt sich nicht nur auf die Badehose.

Craig und die wahre Männlichkeit

In "Ein Quantum Trost" beschläft er nicht mal einen Bruchteil der weiblichen Belegschaft - Sean Connery hätte kopfschüttelnd die Dreharbeiten abgebrochen - und wird doch von Frauenzeitschriften als "männlichster aller Männer" gefeiert. Liebevoll beschreiben Reporterinnen Craigs Gladiatorenschädel, und verzückt nehmen Zuschauerinnen hin, dass der einst so geschmeidige Superagent neuerdings wortkarg und uncharmant ist, bullig, ein wundes Raubtier, das einen Martini nicht von einem Loch im Boden unterscheiden kann. Craig hat Bond in einen modernen Actionhelden verwandelt. Und zugleich in einen altmodischen Kerl.

An dieser Stelle brauchen männliche Leser ein Quantum Trost: Jahrelang haben ihre Frauen auf sie eingeredet, sie sollen gefälligst weniger "kerlig" sein und dafür kuschelig, sollen sich fürs Kochen und Müllrausbringen interessieren statt für Autos und Waffen, sollen reden und zuhören, sich um die Kinder kümmern und auch mal zur Fußpflege. "Während wir daran gearbeitet haben, die Welt frauenfreundlicher zu machen", schreibt die Journalistin Kathleen Parker in ihrem Aufruf "Save the Males", Rettet die Männer, "haben wir eine Kultur geschaffen, die feindlich gegenüber Männern ist und alles Maskuline verachtet." Auftritt Daniel Craig. Beinahe im Alleingang hat er die Diskussion um wahre Männlichkeit wieder angeheizt - ein Sexsymbol, das längst nicht so gefällig ist wie George Clooney oder Brad Pitt; ein britischer "bloke", ein Allerweltstyp, der über seinen Alkoholkonsum Witze reißt und es zutiefst bedauert, dass er nicht mehr unerkannt in der Eckkneipe ein Bierchen zischen kann. Kollegen beschreiben ihn als umgänglich, warmherzig, unkompliziert.

Sein Ehrgeiz ist enorm

Selbst im Tom-Ford-Dinnerjacket - Bond hat den Schneider gewechselt, statt weichen italienischen Brioni-Designs trägt er jetzt scharf auf Taille geschnitten - sehe Craig "gewalttätig" aus, schrieb mit unübersehbarer Bewunderung die amerikanische "Men's Vogue". Auf seinen Status als Sexsymbol angesprochen, grinst Craig breit - "Damit kann ich überhaupt nichts anfangen". Der 40-jährige Sohn einer Kunstlehrerin und eines Pub-Betreibers ist kein schöner Mann. Aber, wie seine Fans seufzen würden: ein richtiger. Fans, das ist etwas relativ Neues für Daniel Craig. Vor "Casino Royale" war er kein hoch bezahlter Star; für seinen dritten Bond-Film, den er im neuen Jahr zu drehen beginnt, wird er wohl 15 Millionen Dollar Gage bekommen. Er kam vom Theater, nennt sich "arrogant genug, niemals etwas anderes werden zu wollen als Schauspieler". Er ergatterte nach seinem Debüt im Jahre 1992 eine kleine, fiese Rolle im Historiendrama "Elizabeth", trat auf als Rivale und ziemlich fieser Geliebter von Angelina Jolie in "Lara Croft: Tomb Raider", spielte Paul Newmans fiesen Sohn im Gangsterdrama "Road to Perdition". An Einzelheiten kann man sich kaum erinnern, nur an diese blauen Augen. Und an die Spannung, die von dem Blonden ausging. Als bränne da etwas in ihm. Als bränne es gleich durch die Leinwand.

Sein Ehrgeiz als Schauspieler ist enorm, niemand soll ihn festnageln können. Was nach dem Erfolg seines jüngsten 007- Abenteuers, das weltweit eine halbe Milliarde Dollar eingespielt hat, eine irgendwie niedliche Vorstellung ist. Aber er probiert’s. Im Drama „Defiance", das US-Zuschauer noch zum Jahreswechsel sehen werden, spielt er einen polnischen Widerstandskämpfer, der mit seinen Brüdern in der Wildnis einen geheimen Mini-Judenstaat errichtet. Es ist eine wahre Geschichte, über tausend jüdische Flüchtlinge wurden von den Bielski-Brüdern im "Dritten Reich" vor den Nazis gerettet. Das Drehbuch habe ihn zutiefst bewegt, sagt Craig. Meilenweit entfernt von der letztlich schwerelosen Welt des Ian Fleming. Er sieht ausgezehrt aus im Film, aber das liege am Wetter, "es war saukalt, du nimmst schon ab, wenn du nur vor die Tür trittst". Eine Nachrichtenagentur fing an, von der Oscar-Nominierung zu träumen.

Er lächelt und schweigt

"Zurückhaltend und bescheiden" nennt "Quantum Trost"-Regisseur Marc Forster seinen Helden. Craig spricht nicht gern über sich, das wird ihm zuweilen auch als patzig ausgelegt. "Du erzählst den Leuten, wie toll deine Frau ist und wie toll deine Kinder sind und wie toll dein Haus ist und so weiter, und dann kommt etwas dazwischen, und sie sagen, na, so toll ist es ja wohl nicht mehr", sagte er jetzt sarkastisch in einem Interview. Sein tolles Haus, er hat es erst kürzlich gekauft für vier Millionen Pfund, in London. Seine tolle Frau, das war einmal eine schottische Schauspielkollegin. Sein tolles Kind, das ist die heute 16-jährige gemeinsame Tochter Ella. Die Ehe ist geschieden, und Craig schweigt eisern über das Mädchen. Einige Jahre lebte er mit der deutschen Schauspielerin Heike Makatsch zusammen, es folgten Affären mit dem Model Kate Moss und dem britischen Starlet Sienna Miller. Seit drei Jahren ist er liiert mit einer US-Filmproduzentin. Wenn sie auf dem roten Teppich mit ihm auftaucht, wird er gefragt, wann sie heiraten. Er zeigt dann sein eisblaues Lächeln und wendet sich ab, als wäre ihm eingefallen, dass er ja noch den Müll rausbringen muss.

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