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Dieter Bohlen: "Selbstzweifel sind nur was für Weicheier"

In seinem neuen Buch "Der Bohlenweg" erklärt Musikproduzent Dieter Bohlen den Deutschen, wie man erfolgreich und glücklich wird. Ein Gespräch über Geld, Sex - und Gott.

Vor uns liegt das neue Bohlen-Buch, 450 Seiten, deutlich dicker als die Vorgänger …

… aber diesmal geschrieben vom Pop-Titan himself!

Ohne Hilfe? Können Sie schreiben?

Das wusste ich auch nicht, als ich angefangen habe, aber mit jeder Seite hat es mir mehr Freude bereitet. Es war eine wahnsinnige Erfahrung, in meiner Wohnung auf Mallorca, draußen rauschen die Wellen, die Leute gehen schwimmen, ich sitz da tik-tak-tik-tak an meinem Laptop.

In einem Satz: Was ist Ihre Botschaft?

Vor den Erfolg hat der liebe Gott den Schweiß gesetzt.

Ist er das, der "Bohlen-Weg"?

Ich bin ein ziemlich erfolgreiches Kerlchen, und nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. Das Leben ist kein Ponyhof. Es geht um Leistung. Du musst von morgens bis abends schuften wie ein Galeerensträfling.

Bohlen mit einer Mission.

Ich wende mich an die kleinen Leute, die davon träumen, Erfolg zu haben. Es ist ein Buch über mein Leben und darüber, was ich richtig und was ich falsch gemacht habe. Zum Beispiel, wie ich einmal mein gesamtes Geld in Aktien gesteckt hab, dann sauste der Kurs in den Keller - und ich war pleite. Oder wie auf meinem Boot das Klo explodiert ist, was für eine Schweinerei das war: Alles, was fünf Leute in zwei Wochen verdaut hatten, ist uns mit 100.000 atü um die Ohren geflogen. Aber auch darüber, wie man zum erfolgreichsten Mann im Entertainment-Business wird.

Ein Plädoyer für bürgerliche Tugenden: Fleiß, Zielstrebigkeit, Leistung?

Exakt. Leider bekommen heute viele junge Menschen Botschaften vermittelt wie: Leistung ist Käse, Kiffen ist geil, haut dem Lehrer auf die Fresse, brecht die Schule ab, ihr könnt auch so ganz viele Autos und Mädels haben. Das kriegen die doch dauernd eingehämmert von diesen Rappern mit ihren Schwachsinnstexten. Das ist einfach Tinnef, da krieg ich einen dicken Hals. Da muss ich dagegenhalten. Jede These braucht eine Antithese.

Eigentlich ist der Bohlen-Weg eine Sackgasse. Sie schreiben: "Ich habe in einer großen Villa gelebt und in einer kleinen Wohnung, ich kann nur sagen, dass die kleine Wohnung glücklicher macht." Wenn Reichtum so unzufrieden macht - wozu dann die Plackerei?

Der Wert von Geld interessiert mich null. Mich interessiert die Freiheit, die das Geld mir verschafft: morgens aufstehen und machen, worauf ich Lust hab. Eigentum wie zum Beispiel eine große Villa hat auch große Nachteile. Du brauchst Angestellte, und wenn du Angestellte hast, kannst du zum Beispiel nicht mehr nackt im Haus rumlaufen und einfach mal laut pupsen.

Können Sie nachvollziehen, dass ein Leser, der in einer Einzimmerwohnung haust, einen ollen Opel fährt und sich nicht mal Malle pauschal leisten kann - dass der sich von solchen Sätzen verhöhnt fühlt?

Ich hoffe, dass er das nicht tut. Das wäre das Gegenteil von dem, was ich erreichen möchte. Ich will ihm nur nahebringen, dass vieles, was man ihm vorgaukelt, nur Illusionen sind und es ihm objektiv besser geht, als er das empfindet.

Ein neuer Bohlen?

Wieso?

Na, bisher kannte man Sie als Rabauken, der über Kollegen und Ex-Frauen herzieht und vor laufender Kamera singende Heranwachsende erniedrigt. Und jetzt geben Sie Lebenshilfe?

Moooment! Es ist doch nicht so, dass ich bei "Deutschland sucht den Superstar" wahllos Kandidaten fertigmache. Es gibt gute, die haben von mir nichts zu befürchten. Es gibt mittlere, die lasse ich auch in Ruhe. Und es gibt Vollpfosten, die nichts können und dabei noch 'ne dicke Fresse haben. Die kriegen von mir.

Wir sind immer noch verwirrt. Bohlen als Coach der Nation, als Ratgeber in Sachen Karriere, Geld, Selbstwertgefühl - seit wann sorgen Sie sich so um Ihre Mitmenschen?

Es wäre doch einfach schade, wenn ich morgen tot umfalle und alles, was ich in 54 Jahren an Erfahrung und Erkenntnissen gewonnen habe, auf einmal weg ist.

Vom Saulus zum Paulus? Vom Joker zum Batman?

Darf man mit 54 nicht vernünftiger werden? Ich geh nicht mehr weg, mach keine Party mehr - haben Sie in den letzten Monaten was Skandalöses über mich gelesen?

Wir machen uns Sorgen! Was um Himmels willen ist bei Ihnen los?

Ich bin seit zweieinhalb Jahren mit der richtigen Frau zusammen …

… und drehen sich nach keiner andern mehr um?

Korrekt. Weil es mit Carina einfach supertoll ist. Mit allen Freundinnen, die ich im Leben hatte, habe ich mich oft gezofft. Mit Carina nicht. Ich hab keine Lust mehr auf Streit. Wenn sie zu mir sagt, der Fußboden ist rot, aber in Wahrheit ist er schwarz, dann denk ich mir: Du hast recht, und ich hab meine Ruhe. Ich verbrauch kein einziges Promille Energie mehr für solche Kabbeleien. Dadurch wird auch der Kopf ein bisschen klarer, und ich kann die gewonnene Energie besser einsetzen.

Sie schreiben, Ihre Morgenlatte sei auch nicht mehr das, was sie mal war.

Klar ist sie nicht mehr das, was sie mit 18 war. Ihr müsst die mal anfassen bei einem 18-Jährigen …

… hm …

… das ist ein Riesenunterschied, der ist noch im Voll-Power-Besitz. Im Lauf der Jahre lässt das natürlich auch bei mir geringfügig nach.

Hoffentlich nicht besorgniserregend!

Keine Bange, Carina und ich toppen definitiv den Bundesdurchschnitt. Der liegt bei zweimal die Woche.

Ist Carina die Frau fürs Leben?

Ich hoffe.

Das Einzige, was der Hitgigant Bohlen nicht hingekriegt hat, ist eine intakte Familie. Im Beruf Profi, privat Amateur.

Mir wär's lieber gewesen, ich hätte mit 20 die Frau fürs Leben kennengelernt. Ist eben nicht so gelaufen, stattdessen hatte ich viel Spaß und viel Terror und viel alles. Als junger Mann war ich wie eine Sektflasche, die man zu lange geschüttelt hat, und dann macht das pffffff.

Fühlen Sie sich als Versager?

Nein. Vielleicht konnte ich beruflich ja nur so erfolgreich sein, weil meine ganze Energie da reinging.

Sie beklagen in Ihrem Buch, dass Sie beschimpft werden als "Kackfaltensack, der seine Frauen nur kriegt, weil er sie bezahlt".

Ja, das hat dieser komische Friseur gesagt, der sich letztes Jahr bei "DSDS" blamiert hat. Ist dann auch in der ersten Runde rausgeflogen. Ich beklage mich nicht. Aber wenn ich so einem dann Kontra gebe, versteht das doch jeder.

Wenn es nicht Ihr Geld ist - was macht Sie dann liebenswert?

Ich bin einfach ein voll netter Mensch. Ich stehe jedem mit Rat und Tat zur Seite. Manchmal ruft mich sogar noch Daniel Küblböck an. Andere würden sagen, sorry, ich hab grad keine Zeit. Aber wenn ich irgendwie helfen kann, helfe ich jedem.

"Euer Herz lügt nicht", lautet eine Weisheit aus Ihrem Buch. Klingt ein bisschen wie "Der kleine Prinz": "Man sieht nur mit dem Herzen gut."

Ein schöneres Kompliment könnt Ihr mir nicht machen. Das treibt mir fast das Pipi in die Augen. "Der kleine Prinz" ist Weltliteratur.

Andere Stellen lesen sich eher wie Nietzsche.

Macht das doch als Überschrift, "Bohlen: Vom kleinen Prinzen zu Nietzsche"!

Im Ernst: Unbeirrt seinen Weg gehen, nicht nach links und rechts schauen, alle Hindernisse plattmachen - wenn das nicht Nietzsche ist?

So brutal hab ich das aber nicht geschrieben.

Seite 40, Mitte: "Alles, was sich in den Weg stellt, muss umgemäht werden."

Damit meine ich doch, dass Selbstzweifel nur was für Weicheier sind. Meetings übrigens auch. Wenn du alles ausdiskutierst, kommst du auf keinen grünen Zweig. Ich hab ja selber jahrelang in Meetings rumgesessen, das hat Zeit gekostet, gebracht hat's nichts. Träume lassen sich nur durch Taten verwirklichen. Die Leute denken immer, es sei wichtig, eine Idee zu haben. Völliger Quatsch! Ideen hat jeder. Durch mein Hirn flimmern den ganzen Tag Ideen, das geht so wie bei n-tv dieses Laufband mit den Dax-Werten. Das Problem ist: Wie setze ich eine Idee durch?

Ja, wie denn?

Allen strahlenden Ideen ist doch eins gemeinsam, du hast da 20 Leute sitzen, und die finden das alle scheiße. Das ging mir mein ganzes Leben lang so: bei meinen ersten Songs, bei meinem ersten Buch, bei "Dieter - Der Film". Du musst deine Idee gegen alle Widerstände durchboxen.

Ist Steinmeier den Bohlen-Weg gegangen, als er Kurt Beck wegputschte?

Das Problem der SPD war doch, dass sie keine Leitfigur hatte, keine Führung. Ich an Becks Stelle hätte mir dieses Theater in Hessen nicht bieten lassen. Dass da eine Ypsilanti wie ein bockiges Kleinkind aufstampft und sagt, ich will jetzt Ministerpräsidentin werden, und mir ist es scheißegal, wenn wir deshalb die Bundestagswahl verlieren - das kann doch alles nicht sein! Ich hätte den Hörer hochgenommen und gesagt: Passt mal auf, ich bin Parteivorsitzender, und ihr hört da sofort auf, sonst komme ich vorbei, und dann passiert was!

Andere Menschen sind für Sie vornehmlich "Neinsager, Rumnörgel-Heinis und Quengelkekse". Dieter gegen den Rest der Welt.

So hab ich es leider bei Entscheidungen zu oft erlebt.

Freunde kommen in Ihrem Buch nicht vor - höchstens in Warnhinweisen: Achtung, die wollen dich ja doch nur ausnehmen!

Wenn du Freunde hast aus der Zeit, als du Student warst und nichts hattest - denen kannst du trauen. Aber wenn ich jetzt morgen jemand kennenlerne, und der sagt: "Du, ich bin dein Freund", da muss ich doch auf der Hut sein.

Wie viele Freunde haben Sie?

Zwei, maximal drei.

RTL und "Bild" mitgezählt?

Das sind Verbündete, und natürlich gibt es da auch den ein oder anderen Freund.

Gab es in Ihrem Leben niemanden, der Sie gefördert hat?

Leider nicht. Ich hätte damals so einen 54- jährigen Dieter Bohlen gebraucht, dann hätte ich es einfacher gehabt.

Und Ihre Eltern? Haben die wenigstens an Sie geglaubt?

Nein. Die wollten natürlich nicht, dass ich in das Entertainment-Business gehe.

Der einzige Mensch, der bei Ihnen gut wegkommt, ist Ihre Oma. Deren Weisheiten ziehen sich leitmotivisch durch das Buch.

"Nur der frühe Vogel fängt den Wurm"… … oder "Glück hat auf Dauer nur der Tüchtige".

Hat Sie auch mal den Satz fallen lassen: "Bescheidenheit ist eine Zier"?

Vielleicht, aber nicht bei mir.

Was war sie für eine Frau?

Sie war eine sehr kluge Frau, geboren in Ostpreußen, nach dem Krieg ist sie mit meiner Mutter geflohen. Sie hatte das größte Herz der Welt und machte die geilsten Bratkartoffeln und die besten Kaninchen, sie hat da so Knoblauchzehen reingesteckt, dass die aussahen wie Igel. Und abends hat sie mir immer was vorgesungen. Christliche Lieder wie "Jesu, geh voran, auf der Lebensbahn".

Glauben Sie an Gott?

Ich bete jeden Abend. Das beruhigt unheimlich, ich schlafe dann viel ruhiger ein, weil ich mit mir im Reinen bin.

Ist Gott Musiker?

Ich glaube, Gott ist einfach Hoffnung. Vielleicht ist Gott auch ein bisschen man selber. Ein Gebet ist immer auch ein Selbstgespräch, da will man nicht lügen oder rumschleimen, man muss da Tacheles reden.

Als Kind sind Sie einmal knapp am Tod vorbeigeschrammt.

Ich muss wohl im Sportunterricht vom Reck gefallen sein und bin dann mit dem Kopf irgendwo aufgeschlagen. Mir lief das Blut aus den Ohren und aus der Nase. Schädelbasisbruch, ein Haarriss durch den ganzen Kopf. Ich hab das nur verschwommen mitbekommen, fetzenweise. Irgendwie bin ich dann noch kilometerweit durch Oldenburg gelaufen, die Klamotten verkehrt rum an. In den Armen meiner Eltern bin ich dann zusammengebrochen.

Man sollte erwarten, dass einen so etwas demütig macht.

Ich bin immer demütig und dankbar und habe immer noch so eine Grundangst, dass ich eins über die Rübe kriege, deswegen hab ich mich aus Schlägereien immer rausgehalten. Und auf der Autobahn tucker ich eher so vor mich hin, vor Unfällen hab ich echt Manschetten.

Haben Sie jemals an Selbstmord gedacht?

Als meine erste Freundin mich verlassen hatte, da war ich zwölf oder dreizehn. Ich war gefühlsmäßig völlig Schrott und total am Ende. Aber es gibt dann diese Schwelle, so ein eingebautes Stoppschild.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie drüber weg waren?

Ich hatte nie mehr was von ihr gehört. Vor einem halben Jahr hab ich sie aus Jux angerufen. Und sie hat gleich gesagt: "Du bist noch genauso verrückt wie früher."

Da wir gerade von den letzten Dingen sprachen: Wie möchten Sie nach Ihrem Tod in Erinnerung bleiben?

Ich möchte im Winter sterben, und dann sollen sie meine Asche auf den Bürgersteig streuen. Wenn eine Oma dadurch vor dem Ausrutschen bewahrt wird, habe ich zumindest noch ein gutes Werk getan.

Ein Menschenfreund bis in den Tod.

So bin ich.

Klingt alles sehr abgeklärt. Haben Sie denn noch "genügend Chaos in sich, um einen tanzenden Stern zu gebären"?

Wow, cooler Spruch! Könnte von mir sein!

Ist aber von Nietzsche.

Hammertyp! Ich bin immer wieder erstaunt, dass andern Leuten auch geile Sachen einfallen.

Interview: Oliver Fuchs und Alexander Kühn / print