GESCHICHTE Huch! War Robin Hood schwul?

Der grün-bestrumpfte Rächer der Enterbten gibt Wissenschaftlern weiterhin Rätsel auf: War er Förster, Waldschrat oder Rebell? Und hat er übrhaupt gelebt?

Nach einer Umfrage ist in England nur Jesus noch bekannter als Robin Hood. Der Mann, der die Reichen ausraubte und die Armen beschenkte, gilt auf der Insel seit über fünfhundert Jahren als Nationalheld. Doch wer er letztlich war, darüber streiten die Gelehrten. Die Meinungen gehen weit auseinander: Förster, Waldschrat oder Schwuler - jede Theorie hat ihren eigenen Professor. Es besteht noch nicht einmal Einigkeit darüber, ob Robin Hood wirklich gelebt hat.

Theorie 1: Er war Förster

Gerade haben die beiden Historiker Richard Almond und Tony Pollard die neueste Studie vorgelegt. Sie besagt, dass der Rächer der Enterbten ursprünglich ein braver Förster war: »Eine Art Waldaufseher, der etwas falsch gemacht hatte und deshalb in die Wildnis fliehen musste.« Das kann man angeblich daraus ableiten, wie Begriffe der Jäger- und Falknersprache in den Robin Hood-Balladen des 15. Jahrhunderts verwendet wurden.

Theorie 2: Er war Bauer

Die beiden Forscher vom Darlington College und von der Teesside-Universität haben damit eine neue Front im Kampf um die vorherrschende Lehrmeinung eröffnet: Bisher hing das eine Forscher-Lager der Ansicht an, dass Robin Hood ein einfacher Bauer war, während das andere mit gleicher Vehemenz die These von seiner adeligen Herkunft vertrat (Theorie 3). »Wir sagen, die Wahrheit liegt in der Mitte«, erklärt Almond.

Theorie 4: Ein verfolgter Schwuler

Der Schrecken aller traditionellen Hood-Exegeten ist Stephen Knight, Professor für englische Literatur an der Universität Cardiff in Wales. Nach seinen Erkenntnissen war Robin Hood ein verfolgter Schwuler. Von der heterosexuellen Gesellschaft geächtet, zog er sich mit seinen »merry men« (fröhlichen Männern) in die Wälder zurück. »Wegen der damals vorherrschenden Moralvorstellungen konnten die Balladen nicht offen sagen, dass er schwul war, aber sie enthalten jede Menge erotische Bilder«, erläutert Knight. »Der grüne Wald selbst ist ein Symbol der Fruchtbarkeit, und die vielen Verweise auf Pfeile, Köcher und Schwerter sprechen für sich selbst.«

Maid Maryan: Später hinzuerfunden

Die liebliche Maid Maryan kommt in den Balladen bezeichnenderweise nicht vor. Sie wurde nach Knights Vermutung im 16. Jahrhundert dazu erfunden, um Hood eine Alibi-Geliebte an die Seite zu stellen. Seine wahre große Liebe soll jedoch sein Gefolgsmann Little John gewesen sein. Knight steht mit seiner Meinung nicht ganz allein. Barry Dobson, Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Cambridge, weist darauf hin, dass Homosexualität im 12. Jahrhundert weithin akzeptiert gewesen sei: »Aber im 13. Jahrhundert nahm die Toleranz der Kirche stark ab, so dass die Betroffenen in den Untergrund abgedrängt wurden.« Die britische Schwulen-Organisation »Outrage!« hält Robin Hoods Outing für »längst überfällig«.

Theorie 5: Ein Waldschrat

Andere Auslegungen haben mit der vertrauten Hauptfigur so vieler Hollywood-Filme wohl noch weniger gemein. Danach ist Robin Hood eine Legende, die sich aus heidnischen Vorstellungen von Fruchtbarkeitsgöttern in den Tiefen des Sherwood Forest entwickelt hat: Robin Hood - eine Art Waldschrat? Nein, sagen wieder andere, er war ein frommer Einsiedler (Theorie 6). Aber auch über Robin, den Ketzer, den politischen Rebellen oder den gewöhnlichen Räuber sind ganze Bücher geschrieben worden Theorie 7, 8 und 9). Natürlich gibt es auch längst Verfechter der These, dass Robin Hood noch nicht mal Engländer war: ein Schotte soll er gewesen sein, und zwar ausgerechnet der Freiheitskämpfer William Wallace (»Braveheart«), der die Engländer gehasst und bekämpft hat (Theorie 10). Klar ist nur eines: So wie einst dem Sheriff von Nottingham, so entzieht sich Robin Hood nun dem Zugriff der Wissenschaftler.

Christoph Driessen


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