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Prozessende "Ein exorbitant hartes Urteil" - das sagt ein Anwalt zum Strafmaß für Harvey Weinstein

Harvey Weinstein
Harvey Weinstein muss für 23 Jahre ins Gefängnis
© Bruce Cotler / Picture Alliance
Harvey Weinsteins Stafmaß beläuft sich insgesamt auf 23 Jahre. Dem stern erklärt Dr. Alexander Stevens, spezialisierter Anwalt für Sexualstrafrecht, die Hintergründe aus Sicht eines Juristen.
Der ehemalige Filmproduzent und verurteilte Vergewaltiger Harvey Weinstein wurde am Mittwoch von einem New Yorker Richter zu insgesamt 23 Jahren Haft verurteilt. Dr. Alexander Stevens, spezialisierter Anwalt für Sexualstrafrecht und Autor des Buchs "Aussage gegen Aussage  – Urteile ohne Beweise", erklärt dem stern die Hintergründe zu dem spektakulären Urteil.

Harvey Weinstein zu 23 Jahren Haft verurteilt

Um was ging es bei den Vorwürfen in dem New Yorker Prozess gegen Weinstein?

Zwei Frauen haben Weinstein sexuelle Nötigung beziehungsweise Vergewaltigung vorgeworfen: Miriam Haley, eine frühere Produktionsassistentin, soll im Jahr 2006 von Weinstein in dessen Appartement zum Oralsex  gezwungen worden zu sein, Jessica Mann, eine Schauspielerin, behauptet, dass sie im Jahr 2013 von Weinstein in einem Hotelzimmer vergewaltigt wurde.
23 Jahre Haft, wie empfindet man als deutscher Strafjurist ein solches Strafmaß gegen Weinstein?
Das ist ein exorbitant hartes Urteil, selbst für amerikanische Verhältnisse. Denn zum einen muss man berücksichtigen, dass die Jury Harvey Weinstein von den beiden schwersten Anklagepunkten (predatory sexual assault) freigesprochen (und ihn "nur" wegen weniger schwerer Sexualstraftaten verurteilt) hat. Zum anderen lag das mögliche Strafmaß zwischen fünf und 29 Jahren, sodass das Gericht das Strafmaß mit den ausgeurteilten 23 Jahren sehr weit nach oben ausgeschöpft hat.
Ist das Urteil gerecht?
Über das, was jemand als gerecht empfindet, lässt sich streiten. Juristisch gesehen ist das gegen Weinstein verhängte Strafmaß unverhältnismäßig hoch. Denn bei der Bemessung der Strafe muss sich der Richter immer auch überlegen, in welchem Rahmen sich die Schwere der Schuld des Angeklagten bewegt: eher im oberen oder im unteren Bereich. Dazu vergleicht man die denkbar schwerste sexuelle Handlung (die eine Maximalstrafe von 29 Jahren rechtfertigt), und die denkbar mildeste sexuelle Handlung (die eine Strafe von nur 5 Jahren rechtfertigt) mit der tatsächlich vorgeworfenen Tat. 
Nachdem Weinstein bisher nicht vorbestraft ist, die beiden Opfer nach der Tat weiterhin sexuellen Kontakt mit ihm hatten und er bei den beschriebenen Taten auch nicht besonders brutal oder gewalttätig vorgegangen sein soll, wird man – zumindest juristisch gesehen – auch nach amerikanischen Verhältnissen kaum ein Strafmaß von 23 Jahren rechtfertigen können.
Wäre das Urteil anders ausgefallen, wenn ein anderer als Harvey Weinstein angeklagt gewesen wäre?
Ich glaube schon. Und ich glaube das Urteil wäre auch deutlich milder ausgefallen, wenn nicht Harvey Weinstein sondern "Hans Meier" auf der Anklagebank gesessen hätte.
Denn bei prominenten Angeklagten lastet ein erheblicher medialer Druck auf dem Gericht. Hinzu kommen oft Sozialneid und Missgunst, etwa weil der Prominente polarisiert oder es ihm einfach soviel besser geht als dem Otto-Normal-Verbraucher. Auch der sonst so häufige 'Deal', der in gut 70 Prozent aller Strafverfahren zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigern geschlossen wird, um das Verfahren zum Beispiel mit einem Geständnis gegen eine mildere Strafe abzukürzen, ist in Fällen, wo Prominente angeklagt sind, kaum möglich, da aufgrund der Medienöffentlichkeit das schnell als "Gemauschel" und Besserstellung verrufen wäre. Man kann also vielmehr sagen, wer als Promi angeklagt wird, deutlich schlechtere Karten als der Otto-Normal-Angeklagte.
Wie wäre das Strafmaß vor einem deutschen Gericht ausgefallen?
Übersetzt man die Harvey Weinstein zur Last gelegten Taten ins deutsche Strafrecht, hätte er sich wegen einfacher sexueller Nötigung (6 Monate bis 5 Jahre Haft) und sexueller Nötigung in einem besonders schweren Fall (2 Jahre bis 15 Jahre Haft) strafbar gemacht. Für aufgezwungenen Oralverkehr gibt es in der Regel in Deutschland (je nach Bundesland) als Ersttäter zwischen zwei bis vier Jahre Haft.

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