VG-Wort Pixel

Vergewaltigung Die Anklage gegen Harvey Weinstein war riskant – warum der Schuldspruch bahnbrechend ist

Nach einem wochenlangen Prozess ist Harvey Weinstein in zwei von fünf Anklagepunkten schuldig gesprochen worden. Was das Urteil für #MeToo bedeutet und was den ehemaligen Filmproduzenten jetzt erwartet. 

Es ist ein Schuldspruch, der noch hohe Wellen schlagen wird. Harvey Weinstein ist in New York in zwei von fünf Anklagepunkten schuldig gesprochen worden: Vergewaltigung in einem minder schweren Fall und schwere sexuelle Nötigung. So hat die zwölf-köpfige Jury entschieden, das Strafmaß wird erst am 11. März verkündet.

Weinstein könnten fünf bis 29 Jahre Haft bevorstehen.

Harvey Weinstein als Vergewaltiger verurteilt

So die Fakten. Doch das Urteil ist viel mehr als das nüchterne Ende eines Gerichtsprozesses. Das Verfahren war das große Finale eines jahrelangen Kampfes von Weinsteins Opfern gegen ihn selbst, die öffentliche Wahrnehmung und am Ende auch die Justiz. Gleichzeitig ist es - so hoffen viele derer, die sich in der #MeToo-Debatte eingesetzt haben - der Anfang einer neuen Zeit. Denn dass Weinstein tatsächlich verurteilt würde, damit hatten nur wenige Menschen gerechnet. 

Die Anklage der New Yorker Staatsanwaltschaft war, gelinde gesagt, riskant. Denn zwei der Frauen, die vor Gericht gegen den 67-Jährigen ausgesagt haben, pflegten nach seinen Verbrechen noch Beziehungen zu ihm. Obwohl so ein Verhalten nicht unüblich ist nach sexuellen Übergriffen, ist es für die Strafverfolgung problematisch. Dazu kommt, dass die Ermittler um Joan Illuzi kaum physische Beweise hatten – Ergebnisse von medizinischen Untersuchungen zum Beispiel.

Umso offensichtlicher war die Strategie von Weinsteins Anwaltsteam um Strafverteidigerin Donna Rotunno. Mit aller Macht versuchte die Anwältin vor Gericht, die Opfer ihres Mandanten zu diskreditieren, vor der Jury als unglaubwürdig dastehen zu lassen. Weinstein sei nicht Täter, sondern Opfer der #MeToo-Bewegung, die Frauen selbst schuld an ihrem Schicksal.

Ein Erfolg für #MeToo

Am Ende des Prozesses, in ihrem abschließenden Statement, ließ Rotunno Jury und Richter wissen, die Bewegung schaffe "ein Universum, das erwachsenen Frauen den gesunden Menschenverstand, die Autonomie und die Verantwortung" entziehe. Mit ihrem Urteil hat die Jury dieser These und letztlich der Strategie von Weinsteins Team vehement widersprochen. 

Jodi Kantor und Megan Twohey, die zwei "New York Times"-Journalistinnen, die die kriminellen Machenschaften Weinsteins mit aufgedeckt hatten, erklären in ihrer Analyse des Schuldspruches in Bezug auf Rechtsexperten: "Das Weinstein-Urteil könnte sich als ein symbolischer Wendepunkt erweisen, (...) der zeigt, dass Sexualverbrechen nicht unbedingt sauberen Abläufen folgen. Die öffentliche Wahrnehmung könnte umgestaltet werden - Opfer verdienen, vor Gericht gehört zu werden."

Jury unentschlossen

Heißt: Die Jury hat den Frauen geglaubt, obwohl sie weiterhin Kontakt zu Weinstein hatten. Ein symbolischer und rechtlicher Wendepunkt, der auch durch die #MeToo-Bewegung begünstigt wurde. Die Geschworenen haben damit anerkannt, dass einvernehmlicher Geschlechtsverkehr in einer Situation nicht ausschließt, dass Weinstein Frauen an einem anderen Tag vergewaltigt hat. Es zeigt nur, wie der ehemalige Produzent über Jahrzehnte seine Macht ausgenutzt hat. Sein Urteil konnte Karrieren starten oder beenden. Leicht gemacht hat es sich die Jury trotzdem nicht. Ihr Urteil wirkt paradox. Eine ihrer Anfragen am Freitagnachmittag offenbarte, dass sie bei den beiden schwersten Vorwürfen mit sich rangen. Am Ende stand der Schuldspruch in zwei Fällen, ein Freispruch in dreien. 

"Wie kann so etwas in Amerika passieren?", sagte Weinstein in Schockstarre nach Angaben seines Anwalts. Die Antwort darauf ist: Anders als man manchmal vermuten könnte, haben die vergangenen drei Jahre und die vielen, unermüdlichen Anstrengungen von Frauen und auch Männern, tatsächlich Früchte getragen. Gut möglich, dass manch anderer mächtiger Täter es gerade mit der Angst zu tun bekommt. 

Quellen: "New York Times" / Nachrichtenagentur AFP


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker