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Hollywood: Älter werden verboten!

Wer Ende 30 ist, hat es als Frau in Hollywood schwer, gute Rollen zu bekommen. Der Jugendwahn in der Filmbranche wird immer absurder. Botox und Schönheits-OPs sind für viele Schauspielerinnen der letzte Ausweg - mit manchmal fatalen Folgen.

F-E-T-T. Vier Buchstaben,die für Frauen in Hollywood nur eines bedeuten: Ihre Karriere ist, nun ja, gegessen.

Kirstie Alley hat es immerhin geschmeckt. In den vergangenen Jahren futterte sich der einstige Star der "Kuck' mal, wer da spricht"-Filme auf runde 90 Kilogramm hoch - und brachte es damit zur Lieblingsheldin aller amerikanischen Tratschblätter, die ihr Gewichtsdrama genüsslich in endlosen "Kuck mal, wer da frisst"-Fortsetzungen auf dem Titel ausschlachteten. Nur richtige Rollen gab es für die Komödiantin nicht mehr.

Bis Kirstie Alley

beschloss, mit ihren Pfunden zu wuchern. In der ziemlich nah am Leben gebauten Fernsehserie "Fat Actress" jammert, wütet und witzelt sie nun über ihr Los als Frau "mit einem Hintern wie ein Taxi" in Hollywood: eine leckere, aber kalorienfreie Rache an der Filmindustrie. Die fette Reihe lief bestens auf einem Kabelsender, und die ganze Publicity hat Alleys parallel lancierte Biografie "How to Lose Your Ass and Regain Your Life" prompt in die Bestsellerlisten katapultiert. Denn die 54-jährige Alley ist die Erste, die ihre Klappe nicht nur aufreißt, um sich noch einen Frust-Hamburger einzuschieben. Die Erste, die in aller Öffentlichkeit ihre eigenen Karrierenöte zugibt und zugleich anprangert, was alle Frauen in Hollywood wissen und heimlich beklagen: Ihre Erfolgschancen bemessen sich mehr denn je danach, wie hoch die Herren der Filmbranche ihren "fuckability"-Quotienten ansetzen - sprich: Will man(n) die Dame vögeln oder nicht? Kein wirklich eleganter Begriff, aber immerhin schafft er Klarheit.

Entsprechend ist der Kampf um weibliche Rollen in Hollywood zum Kampf um ewige Jugend und Attraktivität entartet - und wenn Angelina Jolie, 30, in "Alexander" als Mutter des ein Jahr jüngeren Colin Farrell besetzt wird, wundert es eigentlich nicht, dass Aktricen auf alle Lehren von der inneren Schönheit pfeifen und sich stattdessen im Erbrechen üben, am besten ohne den Finger im Hals, denn das ruiniert die Maniküre. Oder sie stellen die Nahrungsaufnahme weitgehend ein: Von einer geht die Kunde, sie ernähre sich überwiegend davon, sich ein Spray mit künstlichem Buttergeschmack auf die Zunge zu sprühen.

Eine perfekte Nase, ein voller Mund, ein straffer Busen. Würden Sie sich dafür unter’s Messer legen?

Auch ist der Weg zum nächsten Chirurgen in Beverly Hills nie weit, wenn man sich die Lippen zu Collagenbageln aufblähen, hartnäckigen Speck absaugen, den Hintern lüpfen, die Brüste straffen, die Augenlider liften oder Gesichtslinien weglasern lassen will. Gerade Botox, die Spritz-und-Weg-Wunderdroge gegen Fältchen, ist zu einer regelrechten "Epidemie" geworden, wie ein Besetzungsdirektor witzelt. Vor großen Auftritten lassen sich viele Darstellerinnen das lähmende Gift selbst unter die Achseln spritzen, um Schweißflecken auf ihren Couture-Roben zu verhindern. "Ich kann nicht ertragen, was meine Altersgenossinnen mit ihren Gesichtern anstellen", klagt die Schauspielerin Ellen Barkin ("Sea of Love"), "es reicht wirklich." Aber Barkin, 51, hat gut reden: Sie hat sich vor ein paar Jahren weitgehend aus der Branche verabschiedet. Wer arbeiten will, hängt häufig an der Botox-Nadel. Und das nicht erst mit 40 oder 50, sondern inzwischen schon ab Mitte 20.

Nur bringt das

häufig nicht viel - und kann gar Karrieren ruinieren. Wenn Darstellerinnen mit Botox ihre Gesichtsmuskeln lähmen, radieren sie nämlich nicht nur Fältchen aus, sondern auch ihr ureigenes Talent. Wie sollen sie große Gefühle darstellen, wenn sie kaum noch in der Lage sind, die Augenbrauen zu heben? Selbst bei Nicole Kidman, 38, bemäkelte ein US-Klatschblatt unlängst ihre angeblich "zu stark gebotoxte" Stirn.

Auch ein Lifting kann verheerend wirken: Weil die chirurgisch nachgespannte Haut das Scheinwerferlicht nicht natürlich reflektiert, lassen sich geliftete Gesichter nur schlecht ausleuchten. "Manche Frauen sehen nach ihren Operationen nicht mehr aus wie 35-Jährige, sondern wie 55-Jährige mit Face-Lifts", sagt die Casting-Direktorin Jane Jenkins. "Tatsache ist, dass man zu dünn sein und zu viele Face-Lifts machen lassen kann."

Hollywood reagiert mit einem gnadenlosen Backlash auf jeden Anschein von Künstlichkeit: Wem die chemische und chirurgische Nachbesserung allzu deutlich anzusehen ist, der wird von den Besetzungslisten getilgt - und kann anfangen, sich eine Zweitlaufbahn als Seehundbabyretterin, Aquarellkünstlerin oder Alkoholikerin zu suchen.

Natürlich ist es infam, wenn eine Branche erst einen perfekten Körper zur Einstellungsbedingung macht und dann diejenigen als Barbies verunglimpft, die ihr Heil im künstlichen Jungbrunnen gesucht haben. Aber man muss gerechterweise zugeben, dass so mancher geliftete Star auch bei den Zuschauern ein unbehagliches Schaudern bewirkt.

Denn wir wollen nicht daran erinnert werden, wie aufwendig auf der Leinwand das Ideal weiblicher Schönheit hergestellt werden muss, mit wie viel Disziplin, Arbeit und Schmerz die angebliche Gottesgabe verbunden ist. Wir wollen, dass diese Schönheit natürlich ist, und wir wollen sie einfach genießen. Wir wollen, dass die Glamour-Stars etwas Besonderes sind, unseren eigenen beschwerlichen Lebensbedingungen entrückt.

Was aber noch lange nicht heißt, dass wir immer nur Glamour-Stars auf der Leinwand sehen wollen. Doch gestandene, komplizierte, kantige Frauen, die was erlebt haben, denen man das auch ansehen kann und denen man gern bei ihrer Kunst zuschaut - die bekommen schon so lange in Hollywood keinen Stich mehr, dass wir uns inzwischen an den Irrwitz einer Leinwandwelt gewöhnt haben, in der die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen bei 35 Jahren liegt. Darüber hinaus, ach, da sind sie bloß noch Untote.

Bei Männern gibt es keine derartige Verfallsgrenze. Keanu Reeves, 40, Brad Pitt, 41, und Johnny Depp, 42, oder Tom Cruise, 42, dürfen unverdrossen weiter die jugendlichen Abenteurer geben. Und während Frauen Runzeln kriegen, kriegen Männer wie Harrison Ford, 62, und Jack Nicholson, 68, bekanntlich Charakter - und haufenweise jüngere Frauen. Sicher, ein paar weibliche Alibi-Stars heben den Altersdurchschnitt. Ab und an erwischt Meryl Streep, 56, noch einen ansehnlichen Part, zuletzt in "Der Manchurian Kandidat", und Susan Sarandon ("Alfie"), 58, Julianne Moore ("Laws of Attraction"), 45, und Kim Basinger ("Final Call"), 51, schlagen sich auch ordentlich, weil sie immer noch als sexy gelten.

Aber Holly Hunter ("Dreizehn"), 47, Sissy Spacek ("In the Bedroom"), 55, und Sigourney Weaver ("The Guys"), 55, treten fast nur noch in Independentfilmen auf. Mit der wunderbar stachligen Patricia Clarkson ("Ein Tag mit April Burns"), 45, und der herrlich patenten Frances McDormand ("Laurel Canyon"), 48, wusste Hollywood noch nie viel anzufangen - sie kommen allenfalls als Schulter zum Ausweinen vor. Nur noch ein Wunder kann die Karriere von Meg Ryan, 43, nach zwei schweren Reinfällen ("Die Promoterin", "In the Cut") retten. Und viele andere Klassefrauen sind schon jetzt völlig verschwunden: Wann hat jemand zuletzt eine Spur von Michelle Pfeiffer, 47, gesehen? Oder von Helen Hunt, 42, der Oscar-Gewinnerin des Jahres 1998? Oder von Kathleen Turner, 51? Oder Rene Russo, 51?

Wenn Hollywood mit diesen Zwangsverrentungen weitermacht, wird sich die Filmbranche allerdings bald arg in die Bredouille bringen: In wenigen Jahren sind nämlich auch die weiblichen Topstars fällig für den Vorruhestand. Julia Roberts (Platz 1 bei den Gagen) und Nicole Kidman (Platz 3) sind inzwischen 37 und 38 Jahre alt, Halle Berry (Platz 6) ist 38, Sandra Bullock (Platz 7) ist 40, Renée Zellweger (Platz 9) und Jennifer Lopez (Platz 10) sind auch schon 35. Was macht Hollywood dann? Sich die Frauen pixeln?

Kirstie Alley

hat ihren Frust immerhin Pfund für Pfund zu Geld gemacht. Und weil das die einzige Sprache ist, die Hollywood versteht, werden vielleicht demnächst ein paar dicke Frauen auf der Leinwand probelaufen. Aber Alley ist auch ehrlich genug, nicht einfach "fat is beautiful" zu verkünden, sondern zuzugeben, dass ihre Pfunde auf ihrem Selbstwertgefühl lasten, weil Fette in Amerika "ausgestoßen, verachtet und für minderwertig erklärt" werden. Ihr neuester Job: Vorzeigedame eines Diätkonzerns. 15 Kilo hat sie schon runter.

Susanne Weingarten / print