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Johnny Depp: Der Staatsfeind Nr. 1

Sie wundern sich? Johnny Depp? Ausgerechnet dieser coole Hund, dieser absolute Sympathieträger soll ein Staatsfeind sein? Nun, zumindest in seinem neuen Film spielt er so einen. Und das sehr überzeugend. Vielleicht muss man einfach mit Inbrunst Gangster oder Irre spielen, wenn einen alle so penetrant mögen.

Von Christine Kruttschnitt

Neulich auf der Comicmesse in San Diego löste er eine Art Masseneisprung unter heranwachsenden Mädchen aus. Sie atmeten schwer bei seinem Anblick, kreischten vor sich hin, schlugen sich mit Handys und Ellbogen näher an das Podium, von dem aus er zu 6000 angereisten Film- und Comicfans sprach. Er wirkte wie immer leicht befremdet ob des Aufruhrs und strich sich verlegen und oh-so-sexy das Haar aus dem Gesicht, etwa tausendmal.

Und es sind nicht nur pubertierende Mädchen: In Ehren ergraute Journalistinnen analysieren auf Knien sein unermessliches Schauspieltalent (oder die sexy Art, sich Haarsträhnen aus dem Gesicht zu streichhhhen), und in einem Hotel in Los Angeles vor einigen Wochen, als er seinen neuen Film "Public Enemies" bewarb, lauerten sie ihm gar auf den Fluren auf und flehten um Autogramme. Wenn kleine Jungs seine Anziehungskraft beschreiben, klingt das so: "Er ist so cool! Alles, was er macht, ist cool! Und er sieht cool aus!" Und erwachsene Männer brummen anerkennend "toller Schauspieler". Alte, Junge, Mütter, Schwule, Kunstfilmliebhaber, Actionfans, Märchenfreunde und Zyniker: Alle lieben Johnny Depp. Amerikas derzeit umschwärmtester Schauspieler ist dreifach Oscar-nominiert, zum "Sexiest Man Alive" gewählt und Multimillionär nicht zuletzt dank einiger Disney-Filme, in denen er einen goldbezahnten Piraten spielt - aber wenn man Depp fragt, wie er sich und sein OEuvre selbst so findet, nuschelt er: "Geht mich doch gar nichts an."

Mit der letzten Klappe ist die Arbeit beendet

Was "der" da oben auf der Leinwand macht, versichert der 46-Jährige glaubhaft, interessiere ihn nicht die Bohne. Filmen mache Spaß, durchaus. Aber den ganzen Quatsch hinterher über sich ergehen lassen? Nein: Depp ist der Meinung, seine Arbeit sei beendet, wenn die letzte Klappe fällt. Was die Welt dann macht mit seinen Helden, ist ihm schnuppe.

Kann es ihm auch sein. Wir müssen uns Johnny Depp als glücklichen Menschen vorstellen. Der jeden Morgen Yoga macht und zwischen seinen Filmen auf der eigenen Bahamasinsel entspannt, bevorzugt beim Schnorcheln mit Sohn und Tochter oder bei einem Glas Rotwein, selbst angebaut, mit der französischen Lebensgefährtin und Mutter der Kinder, Vanessa Paradis. Auf dem 3,6-Millionen-Dollar-Eiland habe er endlich eine Zuflucht, gar seinen Frieden gefunden, sagt der von Paparazzi und Fans Belagerte, dessen Frustration über die Nebenwirkungen des Ruhms sich früher im Demolieren von Hotelzimmern und im deutlichen Ekel über Medien und Öffentlichkeit entlud. Als er das erste Mal seinen Kopf meterhoch auf einem Straßenplakat sah - damals frisch gebackenes Teenie-Idol in einer Fernsehserie -, kaufte er sich einen Eimer Farbe und malte in der Nacht einen Groucho-Marx-Schnurrbart aufs Konterfei.

Ständiges Enthübschen

Eigentlich hat Johnny Depp seine ganze Karriere lang versucht, dieses Teenie-Idol zu überpinseln. Er wollte nie der "Pretty Boy" sein, nach dem er aussah: diese fast femininen Züge, denen die exquisiten Wangenknochen - Geschenk seiner indianischen Vorfahren - unverhoffte Kanten und eine unbestimmte, fast träumerische Exotik verleihen. Nach wie vor betreibt er eine Menge Aufwand, sich zu enthübschen - trägt Pennerlook und Fetthaar -, und empfindet diebische Freude daran, seine Arbeitgeber und andere Autoritäten vor den Kopf zu stoßen. Nach den ersten Drehtagen von "Fluch der Karibik", erzählt er, riefen die Studiobosse aufgeregt am Set an. Ob Depp - in seiner nunmehr weltberühmten Rolle als Captain Jack Sparrow - etwa betrunken sei? Oder schwul? Oder beides? "Wenn du diese Leute nicht irritierst", sagte Depp in einer Talkshow und lächelte beglückt vor sich hin, "machst du etwas falsch."

Auch seine Rolle als Gangsterboss John Dillinger im Drama "Public Enemies" ist wieder gegen den Strich gebürstet. Das sei gar kein Gangsterfilm, verkündete Depp frühzeitig genug, um alle Beteiligten nervös zu machen: Das sei eine Lovestory. Und in der Tat ist er - als Amerikas Robin Hood, der in den 30er Jahren Banken erleichterte - von erstaunlicher Zartheit, und seine Szenen mit Leinwand-Geliebter Marion Cotillard sind packender als all das Gehirschel, für das Regisseur Michael Mann so berühmt ist.

Derzeit verfilmt Depp in Puerto Rico das Leben seines Idols Hunter S. Thompson, des 2005 verstorbenen Journalisten und Waffennarren, mit dem er befreundet war. Quertreiber und Anarchisten haben Depp schon immer fasziniert. Ansonsten will er seine Ruhe. Sein ganzes Geld, seufzte er einmal, nutze er, um sich eine Privatsphäre zu kaufen. Ein "simples Leben", so sagt er und meint es keineswegs zynisch, sei ihm nur auf seiner Bahamasinsel möglich. Vielleicht täte man Johnny Depp einen Gefallen, wenn man ihn nicht ganz so doll liebte.

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