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Knigge 2.0: Ödipussi und Ökotussi

Kann man per SMS Schluss machen? Was erzählt man beim Online-Date? In einer neuen stern.de-Kolumne widmet sich Christoph Koch Fragen des guten Benehmens in Zeiten von Internet-Liebe und Gesäßtätowierungen. In der ersten Folge geht es darum, wie man Fehltritte bei der Einstands- oder Ausstandsfeier im Job vermeidet.

Ob Ein- oder Ausstand - ein Umtrunk im Büro muss der Situation angemessen sein. Dann klappt's auch mit den Kollegen

Ob Ein- oder Ausstand - ein Umtrunk im Büro muss der Situation angemessen sein. Dann klappt's auch mit den Kollegen

Den ersten Tag im neuen Job gleich mit einem rauschenden Fest für alle Kollegen zu feiern, mutet etwas bizarr an. Schließlich weiß ja noch niemand, ob Sie wirklich so ein Grund zur grenzenlosen Freude sind oder nur ein notorischer Busenglotzer mit extralauter Telefonstimme beziehungsweise eine Klatschtante, die jede zweite Woche krankfeiert. In Sachen Schnittchen und Prosecco ist am Anfang also eher Zurückhaltung angesagt, was nicht heißt, dass Sie nicht ein paar freundliche bis enthusiastische Worte verlieren sollten, wenn Sie in einer Sitzung oder bei ähnlicher Gelegenheit den Kollegen vorgestellt werden.

Sollte das nicht der Fall sein, drehen Sie selbst eine kleine Runde im neuen Büro, am besten in Begleitung eines Kollegen, der schon länger im Haus ist. So kann er Sie gleich mit allen bekannt machen und Ihnen verraten, wer Praktikant ist und wer als Betriebsrat die exakte Höhe Ihres Gehalts kennt. Unbedingt dabei zu beachten: Auch wenn Sie - wie im Übrigen viele Menschen - "total schlecht mit Namen sind": Vermeiden Sie es, Eselsbrücken laut vor sich hin zu murmeln. "Gloria sieht aus wie 'ne Ökotussi ... das reimt sich auf Ödipussi ... und das ist von Loriot ... und das klingt ja wiederum fast wie Gloria. Hey, echt einfach zu merken, Ihr Name!" - mit solchen Merkhilfen machen Sie garantiert keinen guten Eindruck.

Die Ausgestaltung Ihres Abschieds hängt natürlich davon ab, wie lange Sie in der Firma waren, wie angenehm diese Zeit war und von wem Sie sich verabschieden. Wer nach einem zweiwöchigen Schnupperpraktikum tatsächlich erwartet, dass alle ihren Freitagnachmittag opfern, um im Konferenzraum stundenlang Früchte in einen Schokofonduetopf zu tauchen, verlangt viel. Vor allem von Menschen, die vermutlich nicht einmal wissen, wer Sie sind. Mit längerer Dienstzeit ist es jedoch angemessen, den zeitlichen Rahmen der Feier zu vergrößern und die Qualität der Speisen sowie die Volumenprozentzahl der gereichten Alkoholika zu steigern.

Selbst wenn Sie eine kleine, schmierige Provinzklitsche verlassen und zum unangefochtenen Star der Branche gehen: Beschränken Sie sich in Ihrer Abschiedsrede darauf zu betonen, wie toll die Zeit war, wie schwer Ihnen der Abschied fällt und sparen Sie sich jedes böse Wort. Sollte man Sie jedoch behandelt haben wie einen räudigen Hund und der Hass in Ihnen flackern wie ein Elmsfeuer, verzichten Sie lieber ganz auf einen Ausstand. Feiern Sie Ihren letzten Tag außerhalb der Firma mit den wenigen angenehmen Kollegen und Ihren wahren Freunden.

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