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Knigge 2.0: Grüß mir Mutti!

"Schreibst du mir eine Karte?", ist das erste, was jeder zu hören bekommt, der sich in die Ferien verabschiedet. Ganz gleich, ob er nach Buxtehude oder nach Bali verreist. Dabei sind Postkarten der Todesstoß für jeden Urlaub. Findet zumindest stern.de-Kolumnist Christoph Koch.

Wozu eine Karte schreiben, wenn man das wichtigste in 160 Zeichen mitteilen kann

Wozu eine Karte schreiben, wenn man das wichtigste in 160 Zeichen mitteilen kann

Nein, SMS statt Urlaubskarte sind keine Frechheit. Eine Frechheit ist es vielmehr, von einem Urlauber mit Füllfederhaltern verfasste Expeditionsberichte zu erwarten, wie sie seinerzeit die ersten Afrikareisenden in teils literarischer Qualität verfassen konnten - weil zweihundert eingeborene Träger gerade das Camp aufbauten. Während der Schreibende selbst bei einer Tasse Tee unter einem Sonnenschirm saß und seine "alle Sinne betäubenden Eindrücke" ausschweifend und angeberisch zu Papier brachte. Heute, da man sich in einer mühsam erkämpften Urlaubswoche in den Billigflieger wirft und Angst haben muss, dass der Job weg ist, wenn man wiederkommt, weil die Firma, bei der man arbeitet von einer skrupellosen Heuschrecke übernommen wurde, hat einzig und allein eine Sache Gewicht: Die eigene Entspannung und Erholung.

Und die geht definitiv verloren, wenn man zu viel Zeit auf die Kommunikation mit Zuhause verwendet - dem Ort also, von dem man ja in erster Linie weg wollte. Jede längere Botschaft an die Lieben daheim führt nur zu unschönen Gedanken: "Wie es Onkel Willi wohl geht mit dem neuen Hüftgelenk?", "Habe ich wirklich den Herd ausgestellt?", "Der freche Praktikant sägt doch bestimmt in meiner Abwesenheit heimlich an meinem Stuhl".

Dazu kommt, dass die schriftliche Kommunikation mit der Heimat in der Fremde nicht immer unkompliziert ist: Es gibt freilich immer Leute, denen es gefällt, auf der Suche nach einem Postamt eine fremde Großstadt komplett zu Fuß zu durchqueren, nur um dann festzustellen, dass im bereisten Land die Postämter ausgerechnet Dienstagvormittag geschlossen haben. Doch diese Menschen dürfen nicht die Richtschnur für alle Urlaubsreisenden sein. Sie haben vermutlich einfach sonst nichts zu tun. Wer statt dessen vom Strandhandtuch aus gemütlich eine SMS nach Hause sendet, signalisiert zweierlei: Ich denke an dich und bin dir gewogen - aber ich werde einen Teufel tun und meine Reisezeit mit der Suche nach Postkarten, Briefmarken und einem Postamt vertun.

Was die Länge der geschriebenen Nachricht betrifft, so ist sie bei der SMS ja sowieso meist auf 160 Zeichen beschränkt, die auch vollkommen ausreichen um oben erwähntes ich-denke-an-dich-Signal zu senden. Ausführliche Schilderungen des Wetters, der Hotelunterkunft und der Essensqualität stammen wiederum noch aus einer Zeit, in der eine Reise über den Brenner noch ein exklusives Abenteuer war, mit dem man den Daheimgebliebenen imponieren konnte, ja unter Umständen sogar musste. Heutzutage ist selbst bei Reisen nach Hawaii oder Feuerland die minutiöse Schilderung des Wetters unnötig: Entweder war der Empfänger vorige Woche selbst dort - oder er kann mit zwei Klicks im Internet nachsehen, wie die Wolken dort gerade am Himmel stehen.

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