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Büro-Knigge: Benehmen in der Kantine will gelernt sein

Die Kantine verwechseln viele Arbeitnehmer mit Muttis Küchentisch. Was im Restaurant verboten ist, scheint beim Mittagstisch im Büro plötzlich erlaubt zu sein. stern.de-Autor Christoph Koch klärt die wichtigsten Benimm-Regeln in der Kantine.

Von Christoph Koch

Mittags, halb eins in Deutschland: Viele Arbeitnehmer essen in der Kantine

Mittags, halb eins in Deutschland: Viele Arbeitnehmer essen in der Kantine

Getty Images

Wie man sich während der Büroarbeitszeiten verhält, scheint vielen vollkommen klar zu sein. Doch in der Mittagspause beginnen die Unsicherheiten: Unter welchen Voraussetzungen darf ich mich in der Kantine bei jemandem dazusetzen - und darf ich auch jemandem verbieten, sich zu mir zu gesellen? Außerdem: Vom Kantinenkumpel bis zum Selbstkocher - die wichtigsten Kollegentypen und ihr Verhalten zur Mittagszeit.

Mittags in der Kantine: Mit dem dampfenden Tablett in der Hand steuern Sie ausnahmsweise alleine durch das Besteckgeklapper und Kollegengeplapper. Nun gilt es zu entscheiden: als Einzelner einen freien Tisch besetzen? Oder sich bei anderen dazusetzen? Was wirkt eigenbrötlerisch und was aufdringlich? "Denk an die Soft Skills! Der Chef sieht immer zu!", scheint eine Geisterhand in den Kartoffelbrei geschrieben zu haben. Bei Kollegen, mit denen Sie nicht direkt zusammenarbeiten, gilt die Regel, dass, solange freie Tische verfügbar sind, diese auch genutzt werden sollten. Erst wenn das Kontingent an komplett unbesetzten Tischen aufgebraucht ist, sollte man zum "Dazusetzen" übergehen - dann wiederum an den Tischen, an denen noch am meisten Platz ist, um einen gewissen Höflichkeitsabstand zu ermöglichen. Bei Kollegen, die Sie tatsächlich gut kennen, ist ein Dazusetzen natürlich kein Problem - dass man sowohl bei denen als auch bei Unbekannten freundlich fragt, ob der Platz noch frei ist, versteht sich von selbst.

Darf ich meinen Kollegen an den nächsten Tisch schicken?

Eine solche Frage abzulehnen, ohne arrogant zu wirken, ist wiederum äußerst schwierig. Sitzt man allein, ist dieses Unterfangen sogar geradezu unmöglich. Sollten also der schwitzende Personalrat und die dröhnend lachende Vertriebsassistentin mit den schlechten Witzen auf Ihren Tisch zusteuern: Wenn Sie auf der nächsten Weihnachtsfeier nicht als autistischer "Rain Man" persifliert werden wollen, geben Sie die Plätze an Ihrem Tisch mit einer freundlichen Geste frei.

Auch größere Runden können kaum etwas dagegen sagen, wenn sich noch jemand ans Ende des Tisches quetschen möchte, um dort seine "gefüllte Paprika Balkan-Art" und die "Paradiescreme" als Dessert wegzuspachteln. Allenfalls zu zweit kann man die freundlich vorgebrachte Entschuldigung, man habe gerade etwas Privates und/oder Vertrauliches zu besprechen, als Argument gegen Dazusetzer geltend machen. Zumindest solange die Kantine nicht aus allen Nähten platzt und jeder Stuhl gebraucht wird.

Freunde macht man sich mit einer solchen Geheimniskrämerei allerdings auch nicht. Und sollten Sie mit jemandem vom anderen Geschlecht am Tisch sitzen und die Karte des "privaten Gesprächs" ausspielen, wundern Sie sich nicht, wenn Ihnen im Laufe des Nachmittags über Umwege zu Ohren kommt, Sie hätten eine Affäre. Dafür mussten Sie wenigstens keine schlechten Witze über das neue Firmenlogo ertragen.

Doch die Kantine ist ja beileibe nicht der einzige Weg, den mittäglichen Hunger zu stillen. Folgende Typen begegnen einem im Lauf des Arbeitslebens immer wieder - nicht immer zur uneingeschränkten Freude:


Die/der Mitbringer/in

Öffnet zur Mittagszeit stets eine Tupperschüssel mit selbst gemachten Sandwiches, Salaten oder kleinen Aufläufen. Überdurchschnittlich oft ist der Mitbringer Vegetarier - oder aber Fan von im Urlaub aufgeschnappten Gerichten wie Couscous oder Porridge, die im Speiseplan deutscher Kantinen eher selten zu finden sind. In einer Art missionarischem Eifer bietet der Mitbringer, der häufig auch ein eigenes Getränk in einer Sigg-Flasche aus farbigem Aluminium mit sich führt, seinen Kollegen an, sie könnten "gerne mal probieren", und preist anschließend die Vorzüge der selbst zubereiteten Kost.


Die/der Keinezeithaber/in

Egal, wer von den Kollegen den Keinezeithaber fragt, ob er mit zum Mittagessen kommt, egal, welcher Ort angesteuert werden soll, die Antwort ist stets dieselbe: ein knappes, hinter dem Computerbildschirm hervorgeseufztes "Nee, ich schaff's heute nicht". In der Mittagspause mit den anderen über die letzte Folge von "Schlag den Raab" oder den derzeitigen Gemütszustand von Britney Spears zu debattieren ist in den Auge des Keinezeithabers etwas für Schwächlinge, die sich durch solche Fluchten vor der Arbeit drücken wollen - die selbstverständlich anschließend von ihm "weggeschafft" werden muss.

Die/der Selbstkocher/in

Gewissermaßen die ausgeweitete Form des Mitbringers, der gegenüber seinen Kollegen aber eine noch größere Zumutung darstellt. Zumindest, wenn er in der türlosen Kaffeeküche ohne jede Hemmung einen Topf Sauerkraut warm macht und angewidert dreinschauende Kollegen mit dem Wilhelm-Busch-Bonmot "Wofür sie besonders schwärmt / wenn es wieder aufgewärmt" in die Flucht schlägt. Im Gegensatz zu den gesundheitlichen beziehungsweise individualtouristischen Gründen des Mitbringers handelt der Selbstkocher häufig aus finanziellen Gründen: "6,40 Euro für einen Teller Nudeln?", stößt er empört hervor, wenn er gefragt wird, ob er mitkommt zum Italiener an der Ecke. "Die sind wohl verrückt geworden, dafür kann ich mir doch eine ganze Woche selber welche kochen!"


Die/der Prasser/in

Nutzt die gemeinsame Mittagspause zur Statusdefinition und -ausstellung. Wer mit dem Prasser speist, den führt er zielsicher zu diesem "wahnsinnig netten Franzosen", zu dem man jedoch leider nur per Taxi gelangt. Selbstverständlich gibt es dort keinen Mittagstisch, sondern nur Essen à la carte, wobei ein Hauptgericht ein komplettes Monatsgehalt des Praktikanten verschlingt. "Das ist doch einfach eine ganz andere Liga als dieser ewige Kantinenmampf", ruft der Prasser selbstgefällig in die Runde, und wenig später: "Wirklich niemand mehr Nachtisch? Die Crème brûlée ist eine Sensation, die müsst ihr unbedingt probieren - oder wir kommen morgen einfach noch mal hierher!"


Die/der Kantinenkumpel/in

Mit dem Kantinenkumpel die betriebliche Fütterungsstelle zu besuchen ist ein anstrengendes Unterfangen. Schon bei der Essensausgabe verfällt er mit jeder der stämmigen Kittelschürzen in einen ausgedehnten Plausch, der stets in einem "Oouuh, Inge! Na, wenn du glaubst, dass ich mir so ´ne Riesenportion erlauben kann, dann will ich mal nicht so sein ..." gipfelt. In der Kassenschlange hat er ebenfalls für jeden der umstehenden Kollegen einen flotten wie inhaltsleeren Spruch auf Lager, und auf dem Weg durch den Speiseraum gibt es so gut wie keinen Tisch, der von ihm nicht beklopft und mit einem lauten "Mahlzeit - oder meal-time, wie der Engländer sacht!" bedacht würde.

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