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Knigge 2.0: Revierkämpfe an der Supermarktkasse

Im Alltag vergessen auch diejenigen ihr gutes Benehmen, die sonst immer ganz genau wissen, wie man sich in welcher Situation verhält. Bestes Beispiel für plötzliche Benimmamnesie: die Supermarktkasse. Da werden friedliche Einkäufer zu aggressiven Angreifern findet stern.de-Kolumnist Christoph Koch.

"Darf ich bitte mal vorbei?" An der Supermarktkasse gelten ganz eigene Regeln

"Darf ich bitte mal vorbei?" An der Supermarktkasse gelten ganz eigene Regeln

"Das sind doch alles Sebstverständlichkeiten", hört man den Volksmund oft stöhnen, wenn man sich öffentlich Gedanken über vernünftiges und unanstrengendes Benehmen in unseren heutigen Zeiten macht. "Vollkommen überfüssig", finden es gar manche Kommentarschreiber im Internet - das müsse man doch "niemandem mehr erklären, das weiß doch jedes Kind". Ach, wie schön es wäre, würde dies zutreffen und sich wirklich jeder so benehmen, wie es sich gehört: Gutes Benehmen auf Erden und den Mitmenschen ein Wohlgefallen.

Leider muss man nur ein einziges Mal an einer Supermarktkasse anstehen, um zu erkennen, dass wir noch ganze Lichtschaltjahre davon entfernt sind. Am deutlichsten wird diese Tatsache, wenn all jene, die stets kopfschüttelnd behaupten, gutes Benehmen sei "doch sowas von selbstverständlich" einen plötzlich mit ihrem Einkaufswagen beiseiterammen, sobald eine neue Kasse öffnet. Deshalb muss es eben doch erlaubt sein, die Frage zu stellen: Wie um alles in der Welt verhalte ich mich, wenn im Supermarkt eine neue Kasse öffnet?

Im Gegensatz zu den ganzen unzivilisierten Idioten um Sie herum sprinten Sie natürlich nicht vom hinteren Ende der Schlange an allen anderen Wartenden vorbei, um sich stolz über Ihre Reaktionsschnelligkeit vor der Kassiererin aufzubauen, die gerade erst das Türchen aufmachen und ihre Kassenschublade installieren will. Denn erstens droht immer die Möglichkeit eines Irrtums und die betreffende Dame will die Kasse gar nicht öffnen, sondern nur ihr vergessenes Handy mit in die Mittagspause nehmen. Große Demütigung.

Und selbst wenn Sie sich hundertprozentig sicher sind, dass eine neue Kasse öffnet und die Warteschlange entlastet, gebührt diese Entlastung eben allen Wartenden gleichermaßen. Menschen, die vor Ihnen in der Schlange stehen, warten schon länger als Sie - und sollten deshalb auch schneller drankommen. Lassen Sie Ihnen also den Vortritt. Wenn Sie in der Mitte der Schlange stehen, können sie natürlich auch von hinten heraneilende Kriegsgewinnler durch ein kurzes Querstellen ihres Einkaufswagen ausbremsen - dadurch wirken Sie aber eher wie ein pedantischer Studienrat als ein heroischer Fan der Anstellgerechtigkeit.

"Ich stehe nur sehr ungern in einer Warteschlange"

Ein anderes außergewöhnliches Ritual des Schlangenstehens gibt es im Grunde nur an der Supermarktkasse: Das "Vorlassen". Niemand würde beim Anstehen für Theaterkarten oder zwei Kugeln Eis auf die Idee kommen zu fragen: "Entschuldigung, würden Sie mich vielleicht vorlassen? Ich stehe nur sehr ungern in einer Wartteschlange. Danke sehr!". Im Supermarkt dagegen wird man - zumindest wenn man ein Gesicht irgendwo zwischen freundlich und naiv hat - ständig so etwas gefragt. Ist ja normalerweise auch kein Problem, jemanden vorzulassen, der nur eine Zeitschrift kaufen will, während man selbst zwei gehäufte Einkaufswägen mit Bier in Richtung Klasse bugsiert. Was aber, wenn man selbst gar nicht so viel Einkäufe hat - und zudem wenig Zeit? Darf man dem Frager seine Bitte auch abschlagen, noch dazu, wenn er selbst vielleicht nicht nur ein oder zwei Artikel hat sondern eher sieben oder neun? Kurz gesagt: Sie dürfen. Vorausgesetzt, es ist Ihnen egal, dass alle Umstehenden beim heimischen Abendbrot von Ihnen berichten werden: "Also heute im Edeka, da war ein fieser Typ...".

Nichtvorlasser haben keinen besonders guten Ruf in der Supermarktschlangen-Community. Dabei können Sie durchaus triftige Gründe haben: Sie müssen die Bahn oder ein Kind kriegen - oder haben im Lauf des Anstehens schon drei Leute vorgelassen und wollen nicht unbedingt im Supermarkt übernachten. Bringen Sie diese Gründe ruhig vor! Es wird aber nichts daran ändern, dass die Menschen um Sie herum Sie und Ihre Einkäufe so kritisch beäugen werden als hätten Sie laut das Horst-Wessel-Lied gerülpst. Beißen Sie also die Zähne zusammen und lassen Sie auch den dreistesten Frager mit einem Lächeln vor.

Das bedeutet umgekehrt aber natürlich auch, dass Sie selbst möglichst selten jemanden in diese unangenehme Situation bringen sollten. Bitten Sie also nur darum, vorgelassen zu werden, wenn Sie es wirklich extrem eilig haben, deutlich weniger Waren als die Person vor Ihnen bezahlen müssen - und dafür nicht eine verkratzte ec-Karte benutzen wollen, die erst nach dreimaligem Durchziehen funktioniert.

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