HOME

Heide Simonis: Ihr letztes Gefecht

Heide wer? Um die ehemalige First Lady Schleswig-Holsteins ist es still geworden. Jetzt meldet sich Heide Simonis zurück: mit einer Klage gegen die "Bild"-Zeitung. Doch nicht nur für ihr Recht auf ungestörtes Privatleben streitet die Kielerin - sie kämpft um ihren Platz in der Geschichte.

Von Jan Rübel

Rache, sagt der Volksmund, ist eine Speise, die man kalt genießt. Heide Simonis hatte genug Zeit zum Abkühlen. Heute verhandelt der Bundesgerichtshof in Karlsruhe ihre Klage, es ist ihr Tag, seit Langem mal wieder. Und er blickt zurück auf Wunden, die in den vergangenen drei Jahren geschlagen wurden. Heute, so denkt sich Simonis, ist Zahltag.

Es geht eigentlich um wenig Spektakuläres: Durfte die "Bild"-Zeitung Fotos veröffentlichen, die Simonis kurz nach ihrer Verabschiedung als Ministerpräsidentin Schleswig-Holsteins im April 2005 beim Einkaufen zeigten? Oder sind sie dem Privatbereich zuzuordnen? Tüdelkraam, würde der Norddeutsche dazu sagen, oder: Kinkerlitzchen. Aber Simonis gönnt Deutschlands größtem Boulevardblatt keinen Spaß auf ihre Kosten. Nicht nach der Schlammschlacht, die "Bild" mit der Ex-Landeschefin angezettelt hat.

Es war im April 2006, Simonis war gerade Unicef-Chefin geworden und tanzte sich durch die RTL-Tanzshow "Let's Dance"; die Tantiemen sollten in das Kinderhilfswerk fließen. Keine schlechte Idee, gar Werbung für eine gute Sache – hätte die Zeitung mit den großen Buchstaben nicht die Gelegenheit für eine ihrer berüchtigten Kampagnen gesehen: Mit Beginn des wochenlangen Tanztees tauchte Simonis als "Hoppel-Heide" auf der ersten Seite auf. Die Zeitung kübelte nahezu täglich Spott und Häme ob der etwas spärlichen Tanzdarbietungen von Simonis. "Bild" biss sich fest. "Platschfüßig", "kein Taktgefühl" und "stocksteif wie ein Brett", johlte die Zeitung die Jury-Urteile nach, zitierte Politiker, die sich für Simonis "fremd schämen".

Simonis streitet um ihren Platz in der Geschichte

Den Höhepunkt bildeten Foto-Montagen, die Simonis wahlweise im "Dschungel-Camp" oder bei "Big Brother" wähnten. So funktioniert Berichterstattung bei "Bild": "Heide Simonis jetzt ins Dschungel-TV?" titelte das Blatt, ignorierte die bekannten abschlägigen Antworten und suggerierte das Gegenteil. Simonis stieg vorzeitig aus der Tanzshow aus. Ein Kreislaufzusammenbruch habe sie dazu gezwungen. "Dieser kam infolge körperlicher Belastung und vor allem des medialen Drucks zu Stande", hieß es damals auf ihrer privaten Internetseite.

Mit "Bild" war Simonis nun über Kreuz. Und beschritt den Klageweg. Bis jetzt. Es geht ihr indes nicht nur darum, ob man sie mit Einkaufstüten sehen darf, oder gar beim Auswählen einzelner Produkte am Supermarkt-Regal. Simonis, die wohl wunderlichste Politikerin Deutschlands, streitet um ihren Platz in der Geschichte.

Zuerst gab es für sie nur den Weg nach oben, Simonis setzte für Frauen Maßstäbe: jüngste Bundestagsabgeordnete und bisher einzige Ministerpräsidentin eines Bundeslandes. Schnell wuchs ihr zum Markenzeichen, was Freund und Feind mit "Authentizität" beschrieben. Mit frecher Schnauze und einer für Politiker seltenen Nähe zu "den Leuten da draußen im Lande" (so drückt es Angela Merkel oft vielsagend aus) avancierte sie in jungen Jahren zur finanzpolitischen Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion.

Das "Enfant terrible" wird Ministerpräsidentin

Aus dieser Zeit stammt ihre Freundschaft zu Michael Glos, ihrem damaligen Gegenpart in der Union. Mit dem aktuellen Wirtschaftsminister verband sie ihr vorlautes und schnoddriges Auftreten eines Volkstribuns. Nur schriller war sie als der Christsoziale aus Franken, zu dessen 60. Geburtstag sie im Januar 2005 allein deshalb nicht kommen durfte, weil auch ihr Herausforderer Peter Harry Carstensen von der Nord-CDU zugegen war – und Glos diesen Affront nicht wagte.

Ein "Enfant terrible" blieb Simonis, als sie im Mai 1993 zur First Lady Schleswig-Holsteins avancierte. Der Rücktritt von Björn Engholm wegen seiner Falschaussagen in der "Barschel-Affäre" war ihre Chance: Die SPD lag am Boden und erhoffte Rettung. Auch von einer Frau. Ähnlich verlief es Jahre später bei Angela Merkel; die damalige CDU-Generalsekretärin nutzte 2000 ihre Chance im Rahmen der Kohl'schen Spendenaffäre, um sich am angeschlagenen CDU-Chef Wolfgang Schäuble vorbeizuschießen. Gelegenheiten, die Frauen nutzen müssen in der von Männern dominierten Politik in Deutschland.

Simonis indes regierte zwölf Jahre in Kiel, am Ende war sie in Umfragen beliebter denn je – und holte mit der SPD bei der Landtagswahl im Februar 2005 doch nur magere 38,7 Prozent. Das Votum war der Anfang vom Ende Gerhard Schröders in Berlin. Statt der erhofften Renaissance von Rot-Grün gab es am Ende im Herbst 2005 die überstürzten Neuwahlen im Bund und dann die große Koalition. Simonis bastelte in Kiel noch an einer Minderheitsregierung unter Duldung der dänischen Minderheit im Landtag, eine Koalition mit der etwas stärkeren CDU lehnte sie in der Talkshow "Beckmann" mit den Worten "Und wo bleibe ich dabei?" ab. Sie sprach zwar nur aus, was jeder Politiker an ihrer Stelle denken würde. Und doch gab es einen spürbaren Knacks. Plötzlich galt sie als egoistisch und machtbesessen.

Per Dolchstoß ins politische Abseits

Das Drama nahm seinen Lauf. Ein bis heute unerkannt gebliebener SPD-Abgeordneter versagte ihr in vier geheimen Abstimmungen die Wiederwahl zur Ministerpräsidentin. Simonis gab auf. Der unrühmliche Abgang sollte gefedert werden durch ihren neuen Posten als Chefin des Kinderhilfswerks. Doch man passte nicht zueinander.

Wochenlang stritt sich Simonis öffentlich mit Unicef-Geschäftsführer Dietrich Garlichs um angebliche Verschwendungen bei der deutschen Sektion des UN-Werks. Simonis wollte aufklären, sprach aber wohl mehr mit den Medien als mit dem eigenen Vorstand und verlor dort das Vertrauen. Im Februar dieses Jahres trat sie von ihrem Ehrenamt zurück, weil man sie bei Unicef nicht mehr wollte. Seitdem ziert ihre private Internetseite nur noch die dürre Meldung, dass sie von ihrem Amt zurücktrete und nun versuche, "öfter auch mal wieder ein Buch in die Hand zu nehmen oder einen Quilt anzufertigen".

Es ist ruhig um sie geworden. Dabei würde Kurt Beck sie um ihr schnelles Mundwerk beneiden und Frank-Walter Steinmeier sie um ihr flottes Auftreten. Ein wenig schrill täte der SPD ja gut in diesen Tagen. Aber die Geschichte scheint an der 64-Jährigen vorbeigezogen zu sein. Weil Frauen im Zweifelsfall doch härter bestraft werden als Männer?

An diesem Dienstag wird Heide Simonis noch einmal in den Schlagzeilen sein, zumindest ein bisschen, etwas hinten und kleiner. Am Mittwoch wird man sie wieder vergessen haben.