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Rot-grünes Niedersachsen Stephan Weil ist neuer Ministerpräsident


Stephan Weil kann nach dem Machtwechsel zu rot-grün in Niedersachsen endlich jubeln. Bei seiner Wahl zum Ministerpräsidenten geht alles glatt. Sein Vorgänger McAllister ringt um Fassung.

Um 12.50 Uhr ist Stephan Weil am Ziel: Vier Wochen nach dem rot-grünen Zittersieg bei der Landtagswahl ist der SPD-Politiker am Dienstag neuer Regierungschef in Niedersachsen. "Herr Präsident, ich nehme die Wahl an", sind seine ersten Worte. Was folgt, ist rot-grüne Regierungsfreude pur. Minutenlang jubeln die 69 Abgeordneten von SPD und Grünen ihrem neuen Ministerpräsidenten zu. "Es fühlt sich noch sehr merkwürdig an, wenn von Herrn Ministerpräsident Weil die Rede ist", bekennt er kurze Zeit später vor laufenden Kameras.

Der 54-Jährige wirkt in der Sekunde seines Triumphs ebenso gelassen wie während der gesamten Sitzung. Wie erhofft gelingt es ihm, die hauchdünne rot-grüne Mehrheit von einer Stimme ins Ziel zu retten. Es gibt keine Zitterpartie mit mehreren Wahlgängen oder gar Abweichler in den eigenen Reihen, wie sie seiner Parteifreundin Heide Simonis 2005 in Kiel das Amt kosteten.

Stattdessen lautet die Botschaft an diesem Tag: Die Reihen von Rot-Grün in Niedersachsen sind geschlossen. Der gemeinsame Wille zur Macht und die Aussicht auf vier Ministerposten lässt auch bei den Grünen jedes Bedauern über inhaltliche Abstriche beim Koalitionsvertrag vergessen.

McAllister kämpft mit den Tränen

Während die Minuten nach der Wahl für Weil schöner nicht sein können, durchlebt sein Amtsvorgänger David McAllister (CDU) an diesem Morgen die wohl schwierigsten Stunden seit der schmerzhaften Wahlniederlage am 20. Januar. Erstmals seit seiner Amtsübernahme am 1. Juli 2010 muss der Deutsch-Schotte wieder knapp vier Meter von der Regierungsbank entfernt auf einem normalen Abgeordnetenstuhl Platz nehmen. Jedoch nicht in der dritten Reihe, wie zuvor angekündigt - sondern in der zweiten, direkt hinter CDU-Fraktionschef Björn Thümler.

McAllister wirkt abwesend, hat einen Tunnelblick. Immer wieder spielt er mit seinem Kugelschreiber, sortiert Akten, unterschreibt gar Autogrammkarten, schreibt SMS. Blicke in Weils Richtung versucht er zu vermeiden, vollends gelingt ihm das aber nicht. Als er zu Beginn der Sitzung namentlich aufgerufen wird, ist nur ein leises "Ja" zu hören. Der Politprofi und einstige CDU-Hoffnungsträger ist um Fassung bemüht, muss sogar mehrfach mit den Tränen kämpfen. Um 12.53 Uhr fasst sich McAllister ein Herz und gratuliert seinem Nachfolger.

Sachargumente, Wechsel in Bildungs- und Agrarpolitik

Bei Rot-Grün dagegen sorgt Weils Sieg über eine in Umfragen beliebte schwarz-gelbe Landesregierung auch im knapp 300 Kilometer entfernten Berlin für gute Laune. Um Union und FDP im Herbst auch auf Bundesebene abzulösen, werden sich die Parteispitzen wohl auch am Wahlkampf in Niedersachsen orientieren. Denn Weil setzte nicht auf Glanz und Pomp, sondern gewann die Wähler mit nüchternen Sachargumenten und dem Versprechen, einen Wechsel in der Bildungs- und Agrarpolitik einzuleiten.

Weil selbst will sich zur Bundestagswahl nicht äußern, er hält sich nüchtern-niedersächsisch mit Tipps für den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück zurück. Er hat nur einen einzigen Hinweis, doch der dürfte Steinbrück wenig weiterhelfen: "Erst die Wahl gewinnen - und dann gewählt werden."

Marco Hadem, DPA DPA

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