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Rechtsextreme Musik: Volksverhetzung im Viervierteltakt

Sie tragen die tumben Parolen der Rechtsextremen unters Volk: Neonazi-Bands, die in ihren Liedern den Holocaust leugnen oder zum Mord aufrufen. Der aktuell vorgelegte Verfassungsschutzbericht zeigt auch: Mit der hasserfüllten Musik rekrutiert das rechte Lager Nachwuchs.

"Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, denn böse Menschen kennen keine Lieder", meint der Volksmund und liegt damit kilometerweit daneben. Das zeigt der am Donnerstag von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble vorgelegte Bericht des Bundesverfassungsschutzes (BfV). Rechtsextremistische Musik "hat für die Entwicklung und den Bestand der gewaltbereiten rechtsextremistischen Szene eine herausragende Bedeutung", heißt es darin.

Es sind Bands mit Namen wie "Sturmkommando", "Werwolf" oder "Volkszorn", die mit hasserfüllter Stimme und schlichtem Viervierteltakt die tumben, menschenverachtenden Neonaziparolen durch das Land trompeten. 146 Gruppen und 26 einzelne Liedermacher, die bei Konzerten auftraten oder Tonträger veröffentlicht haben, hat der BfV im Jahr 2007 gezählt. Ein Millionengeschäft für Produzenten und Vertreiber des Nazi-Rocks, die das Geld in die Finanzierung neuer Musikprojekte stecken oder zur Unterstützung anderer Aktivitäten rechter Organisationen verwenden.

"Hohe Attraktivität rechtsextremistischer Musik"

Die Anzahl der Konzerte rechtsextremistischer Bands ist von 163 in 2006 auf 138 in 2007 zurückgegangen. Jedoch beobachten die Verfassungsschützer die verstärkte Einbindung der Rechts-Rocker bei Veranstaltungen von NPD und neonazistischen Kameradschaften. Die Musik soll dabei nicht nur eine integrierende Wirkung bei den Mitgliedern entfalten, sondern ebenfalls eine Werbewirkung nach außen. Nach Meinung des BfV wird über die Bands Nachwuchs rekrutiert, da die "hohe Attraktivität rechtsextremistischer Musik" insbesondere Jugendliche dazu verleiten würde, erste Kontakte zur rechtsextremistischen Szene herzustellen.

Neonazi-CDs auf Schulhöfen

Besonders besorgniserregend: Volksverhetzende Tonträger werden weiterhin kostenlos im Umfeld von Schulen verteilt. Im Juni 2007 war etwa eine CD mit dem Titel "60 Minuten Musik gegen 60 Jahre Umerziehung" verbreitet worden, auf der sich 21 Lieder rechtsradikaler Bands aus dem In- und Ausland befinden. Allein wegen des Textes des Liedes "Du denkst", in dem der Holocaust geleugnet wird, wurde die CD bundesweit beschlagnahmt: Laut Verfassungsschutzbericht heißt es in dem Song: "Du glaubst, die Deutsche Wehrmacht war eine Verbrecherbande. Du glaubst an Deutschlands große Schuld und die ewige Schade. Du glaubst an Reemtsma-Fotos und an all die Leichenberge. Du glaubst alles, was sie dir in deinen Schädel blasen, und ich glaub' an den Weihnachtsmann und an den Osterhasen."

Für fast alle dieser Songs gilt, dass sie entweder unterschwellig oder aber ganz offen rassistisch und antisemitisch, nationalistisch und fremdenfeindlich sind. Der BfV-Bericht zitiert etwa aus dem Lied "Sturmabende" des Liedermachers "Arische Jugend", in dem der Nationalsozialismus verherrlicht, und der Holocaust geleugnet wird: "Macht sie nieder, die Herzlbrut. Hängt ihn an den Galgen, den ewigen Jud (…) bald werden an den Straßen die Bäume voll mit hängenden Juden stehen."

Vertrieb über das Internet, Produktion im Ausland

Aufrufe zum Mord gehören zum Standardrepertoire der Neonazi-Bands. Auf der seit August 2007 indizierten CD "Der Wahnsinn geht weiter" der Band "Sturmkommando" heißt es etwa laut BfV: "Semitenpack, Kanakenbanden werden vertrieben aus deutschen Landen. Sauber und rein soll das Vaterland sein, nicht besudelt wie das dreckigste Schwein. (…) das Urteil ist gesprochen. Tod durch den Strang. (…) Hängt sie auf, steinigt sie."

Die Aufführung solcher volksverhetzender Musikstücke kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren bestraft werden. Jedoch ist den Produzenten und Vertreibern nicht leicht beizukommen, da der Vertrieb häufig über das Internet abläuft und die CDs im Ausland hergestellt werden. Immerhin konnten im Oktober 2007 bei NPD-Bundesvorstand Thorsten Heise Tonträger, Waffen und Munition sichergestellt werden. Heise, Schwergewicht der Branche, war drei Monate zuvor bereits wegen des Importes von 5000 strafbaren Tonträgern aus Thailand verurteilt worden. Das Strafmaß: ein halbes Jahr auf Bewährung.

be