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Knigge 2.0: Finger weg von der Diddltasse!

Volle Aschenbecher, private Schnappschüsse, angeknabberte Brötchen - Büroschreibtische erinnern nicht selten an einen Mülleimer. stern.de-Kolumnist Christoph Koch erklärt, was als kreatives Chaos durchgeht und ab wann das Messie-Syndrom zur Kollegen-Beleidigung wird.

Irgendwo zwischen Rechnungen, Notizzetteln und anderem Schreibtischgerümpel finden sich die gesuchten Unterlagen

Irgendwo zwischen Rechnungen, Notizzetteln und anderem Schreibtischgerümpel finden sich die gesuchten Unterlagen

Zunächst einmal sind Menschen, die sich auf ein "kreatives Chaos" berufen und damit angeben Unordentlichkeit zu brauchen, mindestens genauso anstrengend wie diejenigen, die stolz damit hausieren gehen, "immer alles auf den letzten Drücker" zu machen, weil sie "den Druck einfach brauchen". Selbst für den Fall, dass das stimmen sollte, braucht man keine Philosophie daraus zu machen und seine Mitmenschen mit einer ständigen Ich-bin-eben-so-Egozentrik zu nerven. Besser: die Klappe halten und sich ein klein wenig zusammenreißen.

Was den Schreibtisch betrifft: Wenn Sie Zuhause arbeiten oder ein Einzelbüro haben, belästigen Sie zwar keinen Kollegen mit Ihrer Unordnung - aber Manieren sind selbstverständlich auch dann angebracht, wenn man alleine ist. Außerdem möchten Sie sich ja auch nicht jedesmal durch lautes Rufen und Winken bemerkbar machen müssen, wenn jemand den Kopf zu ihrer Bürotür reinstreckt und sie zwischen all den Müllbergen, "extrem wichtigen Unterlagen", Spielfiguren und anderem Schreibtischgerümpel nicht finden kann.

Zwingend erforderlich wird ein aufgeräumter Schreibtisch, wenn Sie sich diesen mit jemandem teilen, beispielsweise bei einer Halbtagsstelle. Räumen Sie wirklich jedes Mal, wenn Sie den Schreibtisch am Ende eines Arbeitstages verlassen, alles auf und werfen Sie nicht mehr benötigte Dinge weg. Dem anderen Schreibtischbenutzer einen Verhau aus Post-Its, Kaffeetassen, Zeitungen, Stiften und Dokumenten zu hinterlassen - "Ich dachte, du kommst erst nächste Woche aus dem Urlaub wieder" - ist ebenso mies wie Krümel in der Tastatur oder dicke Fingertappser auf dem Minitor, nur weil Sie einem Kollegen die besonders süßen Katzenbilder auf cuteoverload.com gezeigt haben.

Doch selbst, wenn Sie ihren eigenen Schreibtisch haben, entbindet Sie das nicht von einer gewissen Pflicht zur Ordnung. Solange andere Menschen im selben Büro sitzen wie Sie, müssen die schließlich den Anblick Ihres Schreibtisches ebenfalls ertragen – und überquellende Aschen- und leere Joghurtbecher oder zwei Aktenstapel, die über dem Monitor zusammenwachsen, findet niemand ansehnlich.

Natürlich kann sich im Laufe eines stressigen Höllentages mal ein Mikrokosmos aus Notizzetteln, Computerausdrucken, Nachschlagewerken oder Projektskizzen ansammeln. Spätestens am Abend jedoch, wenn Ruhe einkehrt und die Telefone aufhören zu klingeln, sollte eine Viertelstunde Zeit sein, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen und eine gewisse Grundordnung und Aufgeräumtheit wieder herzustellen - auf dem Schreibtisch wie im eigenen Kopf. Einen viel größeren Platz als Arbeitsmaterialien nehmen häufig jedoch persönliche Gegenstände, Erinnerungsstücke, Geschenke und anderer bunter Pastikquatsch ein. Nachfolgend eine kurze Übersicht, welcher Grad an Individualisierung erlaubt ist - und ab wann es peinlich wird.

Erlaubt

  • • Fotos, die die eigenen Kinder und/oder den Partner zeigen (gerahmt, bei Patchwork-Familien maximal zwei)
  • • Ventilator (so eingestellt, dass er allenfalls Ihre eigenen Papiere durcheinanderpustet)
  • • Gesundheitlich dringend erforderliche Hilfsmittel wie Bandscheibenkissen (Abgrenzung gegenüber unten erwähntem esoterischen Hokuspokus via ärztliches Rezept)
  • • Trophäen firmeninterner Sportwettbewerbe (vor allem, wenn Sie dabei unter Einsatz Ihrer Karriere Ihren Chef in den Staub geschickt haben)
  • • Ein Musikabspielgerät Ihrer Wahl (kleiner als Ihr Monitor und mit Kopfhörern)

Ausnahmsweise

  • • Wimpel des Lieblingsfußballvereins (für den Zeitraum von zwei Wochen nach Meisterschaft, Pokalsieg oder Aufstieg)
  • • Selbstgemalte Bilder ihres Kindes (falls dieses Kind mindestens eine Galerie außerhalb Deutschlands vorweisen kann, die seine Werke zeigt)
  • • Religiöse Bilder oder Symbole (falls Sie in einer religiösen Einrichtung arbeiten, die gezeigte Person also unter Umständen ihr oberster Vorgesetzter ist)
  • • Zimmerspringbrunnen (nur falls Sie in einer Firma für Zimmerspringbrunnen arbeiten und häufig Kundenbesuch empfangen)
  • • Schreibtischdeko mit aneinanderklackenden Kugeln (nur falls Sie eine Wette in ihrem Freundeskreis abgeschlossen haben, wer sich in Jahresfrist in seinem Job die meisten Feinde macht)

Keinesfalls

  • • Individuelle Tassen (mit dazugehörigen Warnhinweisen im Küchenschrank: "Die Diddltasse bitte nicht benutzen - ist meine! Danke sagt: die Moni")
  • • Jegliche Form von sexuell konnotiertem Spielzeug oder (beinhaltet Aufziehpenisse und Pin-Up-Kugelschreiber, ist aber keinesfalls darauf beschränkt)
  • • Devotionalien moderner Ersatzreligionen wie "Star Wars", "Star Trek" oder "Herr der Ringe" (beziehungsweise aller Arten von Computerspielen)
  • • Spielzeug oder Figuren aus Überraschungseier (auch wenn Ihnen diese von Kollegen geschenkt wurden)
  • • Esoterisches Hokuspokus wie Traumfänger oder "heilende" Steine (dazu zählt auch die Neuausrichtung ihres Arbeitsplatzes einem Feng-Shui-Kurs an der Volkshochschule)
  • • Spielzeug, das beim Draufdrücken Lieder abspielt oder sonstige Geräusche von sich gibt (egal für wie witzig die Person es hält, die es Ihnen schenkte)
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