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Deutschlandtag "Absolute Frechheit": Junge Union rechnet mit Parteispitze ab – Merz nur als "Berater" erwünscht

JU-Vorsitzender Tilman Kuban (links) und Friedrich Merz, nach dessen Rede am Freitag auf dem Deutschlandtag der Jungen Union
JU-Vorsitzender Tilman Kuban (links) und Friedrich Merz, nach dessen Rede am Freitag auf dem Deutschlandtag der Jungen Union
© Bernd Thissen / DPA
Die Junge Union rechnet auf dem Deutschlandtag mit der alten Parteiführung ab – und beklatscht potenzielle Laschet-Nachfolger. Den Ambitionen von Friedrich Merz verpasst der JU-Chef allerdings einen herben Dämpfer.

Dass nach der vergeigten Bundestagswahl die Stimmung auf dem Jahrestreffen der Jungen Union nicht die beste sein würde, war abzusehen. CSU-Chef Markus Söder war daher vorsorglich lieber gar nicht erst in Münster erschienen. Noch-CDU-Chef Armin Laschet kam – und lieferte endlich einmal, was man von ihm erwartete: Der gescheiterte Kanzlerkandidat zeigte sich demütig und übernahm die Verantwortung für das Wahldesaster.

Viele der jungen Delegierten, die anschließend zur Aussprache ans Mikrofon traten, würdigten ausdrücklich Laschets Selbstkritik und seine Courage, überhaupt zu dem für ihn wenig erbaulichen Termin anzutreten. "Respekt", war vielfach zu hören. Den Ärger der Jungen Union über die kurzfristige Absage Söders, der kürzlich bei der JU im Freistaat Missmut einstecken musste, bekam dagegen vor allem CSU-Generalsekretär Markus Blume ab. Er wurde am Nachmittag gemeinsam mit CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak zur Zielscheibe für den geballten Unmut der jungen Straßenwahlkämpfer über die Zwistigkeiten zwischen den Schwesterparteien, mangelnde Professionalität beim Auftritt in den Sozialen Medien oder auch fehlende Positionierungen beim "Wahl-O-Mat". 

"Leider hat der Gegner nicht mitgekuschelt"

So will etwa der Vorsitzende der JU NRW, Johannes Winkel, keine Beschwichtigungen der Generalsekretäre mehr hören: "Ihr beide habt es zu verantworten, dass im Bundestagswahlkampf die Jusos und Olaf Scholz geschlossener waren als die CDU und CSU. Das ist eine absolute Frechheit." Winkel betont in seiner Rede aber auch den Anteil von Merkels Parteiführungsstil, der die CDU "systematisch destabilisiert und entkernt" habe und fordert "eine interne Aufarbeitung der letzten 16 Jahre".

Ein JU-Delegierter aus Schleswig-Holstein macht in der erstaunlich offenen Debatte eine von der Öffentlichkeit entkoppelte "Berliner Blase" für das schlechte Abschneiden bei der Bundestagswahl mitverantwortlich. Ein Berliner JU-Wahlkämpfer wirft Laschet vor: "Sie haben uns auf einen Kuschel-Wahlkampf eingestellt. Nur leider hat der politische Gegner nicht mitgekuschelt."

Potenzielle Nachfolger laufen sich warm

Der Deutschlandtag des Unions-Nachwuchses ist aber nicht nur Abrechnung, sondern auch Bühne für neue Leitwölfe. Zwei der möglichen Nachfolgekandidaten für den CDU-Bundesvorsitz, Jens Spahn und Carsten Linnemann, richten den Blick vor dem politischen Nachwuchs gezielt nach vorn. Ihre forschen Ansprachen an die Delegierten klingen schon wie Bewerberreden – vor allem Linnemann wird umjubelt.

Der 44-jährige Wirtschaftspolitiker fordert die Union auf, "auch die ganz heißen Eisen anzupacken". Dazu zähle das künftige Rentensystem und das strittige Thema Verbeamtungen. Für die CDU gehe es um ihren Status als Volkspartei, mahnt Linnemann in einer sehr kurzen, aber hörbar gut ankommenden Rede. Außenpolitiker Norbert Röttgen, der neben dem Wirtschaftsexperten Friedrich Merz und Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus ebenfalls als möglicher Nachfolger für die Parteispitze gehandelt wird, lauscht der Rede aufmerksam als Gast zwischen den Delegiertenreihen. 

CDU-Vorsitzender Armin Laschet kündigt Rücktritt auf Raten an

Spahn dekliniert mit viel Emphase "Leitsätze" durch – "wenn man nachts wach gemacht wird und sagen soll: wofür steht die CDU?". Der 41-Jährige hinterfragt das bürgerliche Verständnis von Leistungsgesellschaft und wie Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen partizipieren können vom wachsenden Wohlstand von Menschen mit "leistungslosem Einkommen und Vermögen".

Der 41-Jährige präsentiert sich als schneidiger Erneuerer, aber auch sehr persönlich. Er spricht über das neue Verständnis von Familie, über Homosexualität und seinen Ehemann. Er erzählt, dass er in die Politik gegangen sei, weil er Verantwortung übernehmen wollte. Dazu bekenne er sich weiter, obwohl er mehr als einmal als "Volksverräter" und "schwule Sau" beschimpft worden sei. "Die CDU ist nicht erledigt", ruft er den Delegierten zu. Jetzt gehe es darum, nach dem Wahldebakel wieder aufzustehen. "Ich habe Lust darauf, diese neue CDU zu gestalten." 

JU-Chef will Merz nur als "Berater und Unterstützer"

Friedrich Merz, der bereits am Freitagabend auf dem Deutschlandtag eine Rede gehalten hatte, muss dagegen am Rande der Veranstaltung einen deutlichen verbalen Dämpfer von JU-Chef Tilman Kuban einstecken. "Wir brauchen vor allem mehr junge, frische und unverbrauchte Köpfe in der Parteispitze", sagte Kuban den Sendern RTL und ntv. "Friedrich Merz ist ein kluger Kopf, der sicherlich auch als Berater und als Unterstützer mit dabei sein kann." Allerdings gehe es in Zukunft nur mit einem "gesunden Mix" aus Jung und Alt, sagte Kuban und fügte hinzu: "In den letzten Jahren hatten wir den eben nicht."

Angesprochen auf eine mögliche Mitgliederbefragung, um den neuen CDU-Chef zu ermitteln, sagte Kuban: "Eine Mitgliederbefragung kann schnell stattfinden, indem sie online stattfindet oder als sogenannte Urnenwahl in den Kreisgeschäftsstellen." Dies sei auch rechtlich und technisch möglich: "Man muss es nur wollen", so der CDU-Politiker.

Hoffnungsträger Wüst

Immerhin einen Hoffnungsträger können die JU-Mitglieder in Münster schon abfeiern. Hendrik Wüst, 46 Jahre alt und ehemaliger JU-Landesvorsitzender, soll in Kürze als Laschets Nachfolger zu Nordrhein-Westfalens jüngstem Ministerpräsidenten gewählt werden. Zu den Trommeln des "Höhner" Songs "Jetzt geht' s los (Wir sind nicht mehr aufzuhalten)" wird Wüst auf dem Podium von Fahnen schwenkenden JU-Delegierten umjubelt.

"Wir haben die Bundestagswahl verloren, ja, und nach Lage der Dinge haben wir auch die Regierungsbeteiligung verloren", rief Wüst in die Münsterlandhalle. "Aber wir dürfen nicht noch unsere Haltung, unser Benehmen und unsere Selbstachtung verlieren." Nicht zuletzt mit Blick auf die vier Landtagswahlen im nächsten Jahr gelte: "Haltung statt Spaltung muss der Maßstab sein!"

bak DPA

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