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Editorial Von der stern-Chefredaktion: Darum wollen wir ein Zeichen setzen

Die stern-Chefredakteure Anna-Beeke Gretemeier und Florian Gless
"Was die Klimakrise angeht, ist der stern nicht länger neutral": stern-Chefredakteure Florian Gless und Anna-Beeke Gretemeier
© Gruner+Jahr
Die Chefredakteure des stern, Anna-Beeke Gretemeier und Florian Gless, erklären die Zusammenarbeit mit Fridays for Future.

Liebe Leserin, lieber Leser!

Der stern sieht heute anders aus als sonst. Nicht nur, weil wir uns heute und morgen überwiegend mit der Klimakrise auseinandersetzen und Ihnen aus unterschiedlichsten Perspektiven zeigen, wo wir als Menschheit stehen, was das bedeutet und was jetzt zu tun ist. Sondern auch, weil wir, die stern-Redaktion, heute im Hintergrund von einem Team der Fridays-for-Future-Bewegung begleitet werden, mit dem wir gemeinsam die aktuelle Nachrichtenlage diskutieren und daraus Themen entstehen lassen. 

Heißt: Die stern-Redaktion recherchiert und schreibt wie sonst auch die Artikel, macht die Überschriften und wählt die Bilder aus. Stellt sich aber zuvor der Diskussion mit jungen KlimaaktivistInnen, die neben ihrer nun inzwischen seit eineinhalb Jahren gelebten Streik- und Protestkultur nicht müde sind, uns – die Medien – für unseren Journalismus zu kritisieren: Wir seien mit verantwortlich für die dramatische Entwicklung des Klimas, weil wir zu wenig, zu unentschieden und zu unaufgeregt über die Lage der Welt berichteten.

Nick Heubeck von Fridays for Future sagte uns im Gespräch: "Die Redaktionen wollen nicht zu alarmistisch sein, weil die Leserinnen und Leser das angeblich nicht mögen. Dadurch wird die Bedrohung aber längst nicht so ernst dargestellt, wie sie tatsächlich ist." 

Wir geben Kritik den Raum

Heute geben wir ihrer Kritik intern den Raum, lassen uns von ihren Argumenten überraschen, befruchten und vielleicht auch das ein oder andere Mal überzeugen. Es wird für uns alle interessant sein zu sehen, welche News des Tages die Aktivisten nicht machen würden, damit mehr Zeit für ihre Themen rund um wissenschaftlich basierte Fakten zur Klimakrise bleibt. 

Vergangene Woche haben wir bereits das monothematische Klima-Heft "#KeinGradWeiter" in einer Kooperation mit Fridays for Future zum Weltklimatag produziert, es erscheint heute. Nach nunmehr zwei Wochen intensivem Kontakt miteinander können wir mit voller Überzeugung sagen: "FFF und den stern verbindet der unbedingte Respekt vor der wissenschaftlichen Erkenntnis." So urteilt Christoph Koch, Co-Leiter unseres Wissenschaftsressorts, der sich wie viele andere unserer Redaktion intensiv mit den Themenvorschlägen von Fridays for Future auseinandergesetzt hat. Er ist einer derjenigen, die unser Kollege Walter Wüllenweber von Anfang an für seinen Report rund um diese Aktion befragt und begleitet hat, damit wir Ihnen allen einen transparenten Einblick in die Zusammenarbeit geben können. 

Das aktuelle Heft gibt es hier zu kaufen. Den stern im Abo gibt es hier.
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Eines war uns von Beginn an klar: Das wird kein unumstrittenes Experiment. Weder intern bei uns, noch extern in der Medienwelt und bei Ihnen, unseren Lesern. Warum haben wir es trotzdem gemacht? Weil wir finden, dass das Thema Klimaschutz nach wie vor die größtmögliche Aufmerksamkeit braucht, und wir selbstkritisch erkennen, dass wir genau das in den letzten Monaten journalistisch versäumt haben. Wir räumten der Berichterstattung rund um das Coronavirus verständlicherweise viel Raum ein, anstatt uns weiter mit der anderen Überlebensfrage unserer Zeit zu beschäftigen.

Was die Klimakrise angeht, ist der stern nicht länger neutral

"Deutschland entscheidet, erst 2038 aus der Kohle auszusteigen – und es ist nicht wochenlang ein Skandal. Die EU beschließt ein riesiges Corona-Finanzpaket – und Journalist*innen berichten darüber fast ausschließlich als historische Meisterleistung", schreibt die Journalistin Sara Schurmann in einem offenen Brief an alle Journalisten so treffend und wurde aufgrund ihrer Medienkritik heute ebenfalls von uns dazu eingeladen, es anders und besser zu machen. Ihren Leitartikel lesen Sie hier. 

Was die Klimakrise angeht, ist der stern nicht länger neutral. In seinem Werkstattbericht über die Zusammenarbeit der Klimaaktivisten schreibt unser Kollege Walter Wüllenweber: "In der gesamten Redaktion gibt es niemanden, dem die existenzielle Bedrohung durch die Klimakrise nicht bewusst ist." Nur geht es uns nicht nur darum, die Klimakrise in ihrem ganzen Ausmaß anzuerkennen – sondern auch dementsprechend zu handeln.

Die Marke stern verpflichtet sich ab sofort, den Klimaschutz mit unseren publizistischen Mitteln regelmäßig zu unterstützen und als eines unserer Schwerpunktthemen zu verstehen. Denn verändern wir Menschen nicht genau JETZT grundlegend unsere wirtschaftlichen, politischen und persönlichen Entscheidungen, werden nachfolgende Generationen keine Freude mehr auf diesem Planeten haben.

Schon jetzt leben vielerorts Menschen mit Ernteausfällen durch Trockenheit, massiven Überschwemmungen, Waldbränden und Wirbelstürmen – darüber berichtet unser Kollege Martin Schlak eindringlich in unserer Heft-Titelgeschichte. Und zitiert darin auch eine aktuelle Studie, nach der wir nur noch etwa vier, maximal 15 Jahre Zeit haben, um daran etwas zu ändern. Die gute Nachricht: Noch hat der Mensch seine Zukunft in der Hand. Genau jetzt. Fangen wir also endlich gemeinsam damit an! 

Danke, dass Sie den stern lesen.

PS: Wir haben es oben erwähnt: Es sind nicht nur Worte, sondern auch Taten gefragt

• Für jedes verkaufte Exemplar des "#KeinGradWeiter"-Heftes und für jeden Besucher am Weltklimatag (25.9.) auf stern.depflanzen wir einen Baum für einen neu entstehenden stern-Wald. 

• Außerdem lesen Sie ab kommende Woche regelmäßig unsere neue Kolumne "Die Öko-Bilanz", die klare Orientierung für einen nachhaltigen Alltag gibt. Was ist besser: ein gedrucktes oder ein elektronisches Buch? Bio- oder regionale Lebensmittel? Outlet- oder Online-Shopping? Wir haben in den Diskussionen mit Fridays for Future in den vergangenen Wochen immer wieder von ihnen gehört: Um Konsumkritik gehe es hier nicht, das Vermeiden einer Plastiktüte würde die Menschheit nicht retten, wir müssten über die großen Hebel sprechen. Ja, das stimmt. Und trotzdem brauchen wir – davon sind wir überzeugt – als Menschen und Leser das Gefühl, auch bei uns selbst im Kleinen etwas umstellen und somit schon etwas verändern zu können. Das ist für uns das Prinzip der Hoffnung, nicht nur auf andere vertrauen zu müssen. Trotzdem gilt: Wir vom stern geben der jungen Generation das Versprechen: Wir werden journalistisch nicht nachlassen und auch die großen Hebel immer wieder thematisieren und aufs Tableau bringen.

• Dafür haben wir die Struktur geschaffen: Ab sofort finden Sie bei uns auf der Startseite das Ressort "Klima & Nachhaltigkeit", wo wir Sie täglich mit News, Hintergründen und Berichten aus dem Bereich informieren werden.

• Die Auseinandersetzung mit uns selbst als Medienmarke, mit unserem Verlag und unseren Produktionsweisen – einer der von Fridays for Future geforderten großen Hebel ("Bringt Eure Arbeitgeber als große Unternehmen dazu, etwas zu verändern"): Der Verlag Gruner und Jahr hat sich in diesem Februar dazu verpflichtet, bis 2030 klimaneutral zu arbeiten. Das gilt natürlich auch für den stern, der bei Gruner und Jahr erscheint. Wir haben uns auf den Weg begeben und merken, es liegt viel Arbeit vor uns. Wir drucken auf zertifiziertem Restholzpapier. Sollten wir auf Recyclingpapier umstellen? Wir fliegen gelegentlich innerhalb Deutschlands. Sollten wir das lassen? Plastik immerhin lassen wir bei den großen Ballen, die wir dem Handel ausliefern, inzwischen weg und sparen so schon mal 13 Tonnen Verpackungsmüll. 

• Wir sind und waren rund um diese Aktion nicht nur mit der Klima-Bewegung Fridays von Future im Austausch. Sondern auch mit den großen Umweltverbänden Deutschlands. Auch wenn die Herangehensweisen der etablierten und Jahrzehnte lang tätigen NGOs andere sind als die der jungen Bewegung von Fridays for Future. So unterstützen sie unser gemeinsames Anliegen mit Fridays for Future, die Klimakrise nach ganz oben auf die Liste der globalen Prioritäten zu setzen, mit einem extra entstandenen offenen Brief, den Sie hier nachlesen können. Alle an einen Tisch zu bekommen, um – von uns Journalisten moderiert – Argumente untereinander auszutauschen und sich gegebenenfalls auf einen Weg für das große Ziel zu einigen, verstehen wir ebenfalls als eine der Aufgaben, die wir uns selber als stern stellen wollen.


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