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Blick auf einen normalen Tag Was jeder Einzelne tun kann

HIGH-RES:
Wer die Klimakrise bekämpfen will, muss Druck auf die Politik machen. Und doch ist es nicht egal, wie unser Alltag aussieht. Denn auch unser Konsum ist ein Signal an die Mächtigen – und an die Menschen, mit denen wir leben.

7.00 Uhr

Aufstehen. Der erste Weg führt bei den meisten zur Kaffeemaschine. Doch bei jeder Tasse fallen insgesamt durchschnittlich 74,9 Gramm CO2 an. Bei drei Tassen täglich kommen pro Jahr über 82 Kilo zusammen. Nicht der Transport, sondern der Anbau macht Kaffee zur CO2-Schleuder: 33 Gramm ­fallen pro Tasse an.

Ab unter die Dusche. In nur fünf Minuten sind 60 Liter warmes Wasser verbraucht. Immer noch besser als ein Vollbad (180 Liter), aber mit einem Sparduschkopf, ab 20 Euro in jedem Baumarkt zu haben, kann man den Verbrauch auf bis zu zehn Liter pro Duschgang reduzieren.

Wer lange Haare hat und sie fünf Minuten föhnt, verantwortet im Schnitt 60 Gramm CO2. Lufttrocknen ist die Alternative.

7.30 Uhr

Frühstück. Margarine statt Butter ist ebenfalls gut fürs Klima. Denn bei der Herstellung von einem Kilo Butter entstehen 24 Kilo CO2. Das liegt daran, dass die Kühe so viel Methan ausscheiden. Die Deutschen sind nach Franzosen und Dänen die größten Butterkonsumenten Europas. Pro Kopf verbrauchen wir sechs Kilo jährlich.

8.00 Uhr

Auf zur Arbeit. Mit dem Fahrrad am besten. Laut Umweltbundesamt sparen wir mit dem Rad 138 Gramm CO2 pro Kilometer ein. Ein Berufspendler, der je fünf Kilometer mit dem Rad statt mit dem Auto unterwegs ist, reduziert seine jährliche CO2-Emission um 300 Kilo.

Ein Mann auf einem Rad
© LIGHTFIELD STUDIOS - stock.adobe.com

Wer Bus oder Bahn benutzt, holt spätestens jetzt das ­Handy raus. Aber muss es das neueste Modell sein? 65 Millionen Deutsche benutzen Smartphones. Gleichzeitig liegen knapp 200 Millionen funktionstüchtige Alt­geräte unbenutzt in unseren Schubladen. Ein Smartphone zweitzuverwerten spart 48 Kilogramm CO2. Spenden kann man Altgeräte auf handysfuerdieumwelt.de.

Über Möglichkeiten, umweltbewusster zu leben, informieren übrigens zahlreiche Podcasts (beste Unterhaltung für Berufspendler). "Umwelt und Verbraucher" vom Deutschlandfunk etwa. Auch gut: der Nachhaltigkeits-Podcast "Green Vibes" mit klugen Gedanken über Naturkosmetik und Mode, Fair Fashion statt Fast ­Fashion – unter welchen ­Bedingungen wurde das T-Shirt, das ich gerade trage, eigentlich hergestellt?

9.00 Uhr

Im Büro gilt wie so oft: Ohne Online-Recherche geht nichts.* Die Berliner Betreiber der Suchmaschine ecosia.org geben einen Großteil ihrer Gewinne für Aufforstungsprojekte aus, eine der wirksamsten Methoden, Kohlendioxid zu neutralisieren. Für 45 Anfragen pflanzt Ecosia einen Baum. Über 100 Millionen sind es schon.

Auch bei E-Mail-Accounts gibt es umweltbewusste Anbieter. Posteo zum Beispiel, ebenfalls ein Berliner Start-up. Es betreibt seine Server mit sauberer Energie und regelt seine Finanztransaktionen ausschließlich über Umweltbanken.

Für die nächste Woche muss noch eine Dienstreise gebucht werden. Innerhalb Deutschlands natürlich mit dem Zug statt mit dem Auto. Von München nach Berlin spart das 250 Kilo CO2. Wer ins Ausland fliegen muss, sollte Economy statt Business buchen. Beinfreiheit ist bequem, aber klimaschädlich. Hochgerechnet sind es 2500 Kilo mehr CO2 auf der Strecke Köln–New York.

Ein ICE
© Deutsche Bahn

Heute ist Freitag, kurze Woche, Feierabend? Nicht vergessen: Bürogeräte übers Wochen­ende vollständig abschalten, denn der Stand-by-Modus frisst unnötig Energie.

13.00 Uhr

Zeit fürs Mittagessen. Currywurst oder Tofu-­Burger? Die Deutschen essen im Schnitt 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr, so der Bundesverband der Fleischwarenindustrie. Wenn jeder einen Tag pro Woche auf Fleisch verzichtet, würde das jährlich rund 93 Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen einsparen. Ein Kilo Rindfleisch zu produzieren verursacht ungefähr so viel Treibhausgas wie 100 Kilometer Autofahren. Tofu-Herstellung 15-mal weniger.

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Zum Trinken statt Mineral- besser Leitungswasser aus der selbst mitgebrachten Flasche. Trinkwasser ist in Deutschland das am strengsten kontrollierte Lebensmittel. Und günstig sowieso: 2,5 Liter Wasser pro Tag ­kosten im Jahr durchschnittlich 1,82 Euro, für die gleiche Menge Wasser aus PET-Flaschen müsste man über 270 Euro ausgeben.

14.00 Uhr

Schnell noch Geld abheben fürs Wochenende. Am besten bei einer Bank, die nicht mit Nahrungsmittelpreisen ­spekuliert oder Kohle- und Atomenergie unterstützt. Einen Überblick über alter­native Geldhäuser wie die ­Ethik-Bank oder die Umwelt-Bank bekommt man auf fairfinanceguide.de. Die ­GLS-Bank etwa finanziert den Bau von Biogasanlagen in Entwicklungsländern.

14.30 Uhr

Auf zum Shoppen in der City. Zwar argumentieren Onlinehändler, dass jeder Ladenbesuch pro Kunde 1,27 Kilo CO2 verursacht (durch Heizung, Lieferverkehr etc.), im Gegensatz zu 600 Gramm beim Internetkauf. Aber die Deutschen sind absolute Europa­meister im Zurückschicken, was die Onlinebilanz ruiniert. Außerdem: Wer will schon tote Innenstädte?

Ein Einkaufszentrum
© DPA

Secondhand-Mode ist am besten für die Klimabilanz. Flohmärkte und Humana-Stores gibt's fast überall. Auf Websites wie Tchibo kann man Klamotten sogar mieten. Ideal für Kinderkleidung. Wer nichts Getragenes will, kann sich am "Grüner Knopf"-Siegel des Bundesentwicklungsministeriums orientieren. Die damit ausgezeichnete ­Kleidung wurde sozial und ökologisch nachhaltig hergestellt.

Lebensmittel kauft man oft klimaneutral auf dem ­Wochenmarkt. Wobei regionale Früchte nicht immer ­besser sind. Je länger ein ­deutscher Apfel gekühlt wird, ­desto schlechter wird seine Klimabilanz. Apfelsaison ist der Herbst, im April ist der CO2-Verbrauch für ein deutsches Exemplar genauso hoch wie für ein neuseeländisches. ­Welche Lebensmittel man wann kaufen sollte, erfährt man hier: klimatarier.com.

Eine Obsthändlerin auf einem Wochenmarkt
© dpa

16.00 Uhr

Für diesen Freitag (25. September) ruft Fridays for Future zum ersten Klimastreik seit Beginn der Pandemie auf. In Corona-­konformem Abstand natürlich. Überall in Deutschland wird seit Stunden für den Kohleausstieg bis 2030 demonstriert. Die Aktivisten sagen: Konsumverzicht und Kritik an unserem Lebensstil reichen nicht. Die Politiker sollen den Druck der Straße spüren.

Wie berechtigt die Forderung nach dem Kohleausstieg ist, belegen Zahlen. Greenpeace errechnete, dass ein Vier-Personen-Haushalt 2,5 Tonnen CO2 im Jahr einspart, wenn er von Energie aus Kernkraft, Kohle oder Erdgas umsteigt auf Wasserkraft, Windkraft oder Photovoltaik. Bei vielen Anbietern spart der Wechsel auch noch Geld. Eine gute Auflistung liefert der Ökostromreport von Robin Wood.

17.30 Uhr

Der Haushalt muss erledigt werden. ­Zwölf Prozent unseres privaten Wasserverbrauchs verursacht die Waschmaschine. Deshalb: Trommel vollmachen. Eine Jeans, die müffelt, muss nicht gleich gewaschen werden. Wenn Platz im Gefrierfach ist, bis zum nächsten Morgen rein damit, das hilft. Mittel zum Putzen kann man auch umwelt- und klimaschonend selbst mixen: aus ­Essig, Waschsoda, Natron, Zitronensäure und Kernseife. Und möglichst plastikfreie Schwämme verwenden, damit keine Kunststoffpartikel in den Wasserkreislauf gelangen.

Vor dem Weg zum Altpapier noch mal kontrollieren, dass auch keine Küchentücher zwischen den ausgelesenen Zeitungen kleben. Küchentücher sind reißfest und lösen sich beim Recyclingprozess im Wasserbecken nicht auf. Kassenbons oder Bahntickets gehören ebenfalls nicht ins Altpapier. Sie sind mit Chemikalien belastet.

Bei Altglas ist wichtig zu wissen: Schon eine grüne Flasche im Weißglascontainer reicht, um die gesamte Ladung unbrauchbar zu machen, deshalb muss aufwendig und teuer sortiert werden. Noch schlimmer ist ausrangiertes Geschirr, denn das übersteht höhere Temperaturen und verunreinigt das geschmolzene Glas.

18.30 Uhr

Abendessen. Auf das Vor­heizen des Backofens zu verzichten spart 20 Prozent Energie, weitere 20 Prozent spart, wer unnötige Bleche und Auflaufformen aus dem Ofen räumt.

Für Kochmuffel gibt’s die App "Too Good to Go". Dort sind Restaurants, Bäckereien, Cafés aufgelistet, die kurz vor Ladenschluss günstig Mahlzeiten verkaufen, die sonst in der Abfalltonne landen. Nach eigenen Angaben hat das Start-up schon 1,5 Millionen Essensportionen gerettet und so 2500 Tonnen CO2 eingespart.

Wenn’s nur Salat sein soll, empfehlen umweltbewusste Gourmets: Romanasalat. Der wächst in die Höhe und ist damit klimafreundlicher als Kopfsalat. Dessen runde Form macht ihn anfällig für Schädlinge. Das erfordert den Einsatz von mehr Pestiziden, deren Produktion unser Klima belastet.

Ein Romanasalat
© Jiri Hera - stock.adobe.com

19.30 Uhr

Mit vollem Bauch kann man ja mal über den nächsten Urlaub nachdenken. Möglichst Urlaub in der Nähe. Vielleicht in einem Baumhaus? Oder im luxuriösen "Schlaf-Fass"? Solche Ideen stehen auf katzensprung-deutschland.de oder fairunterwegs.org.

Soll es doch eine Flugreise sein, rechnet einem die Non-Profit-Website atmosfair.de aus, wie man das Fernreise-CO2 wieder kompensieren kann. Durch Spenden für Klimaschutzprojekte. Zum Beispiel für saubere Öfen im Hinterland von Ruanda oder für Biogas aus Kuhmist in Nepal. Der Betrag ergibt sich aus Flugroute, Sitzklasse und Flugzeugtyp. Da kommen schnell ein paar Hundert Euro zusammen. Frankfurt–Sydney: 265 Euro für 11,5 Tonnen CO2. Wobei man sich leider klarmachen muss: In Wahrheit kann man den Schaden durch die Flug-Emissionen kaum wettmachen. Durch die Höhe, in der sie freigesetzt werden, sind sie für die Ozonschicht besonders schädlich.

20.30 Uhr

Zeit zum Chillen. Der Herbst naht, die Nächte werden kühl. Aber man muss die Heizung ja nicht gleich voll aufdrehen. Jedes Grad weniger spart satte sechs Prozent Energie.

Und dann die Königsfrage jedes Abends: Wie geht’s weiter in unserer Lieblingsserie? Fernseher an – klick! – Netflix läuft. Doch die Streaming-Dienste von Netflix bis Amazon Prime verursachen im Jahr einen CO2-Ausstoß von gut 300 Millionen Tonnen (Wert von 2018). So viel CO2 produziert ganz Spanien in einem Jahr. 80 Prozent des Stromverbrauchs für digitale Dienste gehen aufs Streamen zurück.

Umweltfreundlicher ist ein Besuch im Kino (7 Kilo CO2 pro Vorstellung). Noch besser ist es, ein Buch zu lesen. Zwar wird bei der Produktion eines Buchs auch etwa ein Kilo CO2 freigesetzt, aber danach kann ein Buch noch lange (im Durchschnitt zwölf Jahre) ohne Energieaufwand gelesen, getauscht und gelagert werden. Das schafft kein Computer, Fernseher oder E-Reader.

Und schließlich noch ein Tipp für alle, die zu zweit sind und weder Lust auf einen Film noch aufs Lesen haben: Kondome der Berliner Firma Einhorn werden aus fair gehandeltem Naturkautschuk hergestellt. Obendrein verpflichtet sich das Unternehmen, 50 Prozent seiner Profite in soziale und nachhaltige Projekte zu investieren.

23.30 Uhr

Eine Frau kuschelt sich in ihre Decke
© ullision - stock.adobe.com

Schlafenszeit. Runter mit der Heizung, aber in der kalten Jahreszeit nicht ganz, denn sie braucht morgens zu viel Energie zum Hochfahren. Ideal im Schlafzimmer sind 17 Grad. Und damit: schöne Träume.

* An dieser Stelle stand in einer früheren Version eine Zahl zur CO2-Bilanz bei Google-Suchen. Die Zahl war veraltet. Daher haben wir sie entfernt.

Erschienen in stern 40/2020

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