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Ein Aufruf an alle Warum wir nicht warten können, bis unsere Kinder die Klimakrise stoppen

Fichten im Harz sind von der Klimakrise betroffen
Die Klimakrise hat Folgen: Neben dem Borkenkäfer setzen vor allem Dürren und Stürme den heimischen Wäldern (hier: abgestorbene Bäume im Harz) zu
© Rebecca Rütten, Fotostand / Grosshanten / Picture Alliance
Die Klimakrise ist sehr viel akuter als vielen bewusst zu sein scheint – auch den meisten Politikerinnen und Journalisten. Denn wir machen uns nicht klar, wie sehr die Krise unser Leben in den nächsten 30 Jahren verändern wird.
Von Sara Schurmann

Viele scheinen zu denken, die Klimakrise sei noch weit weg. Aber einige Auswirkungen der Erderhitzung haben etliche von uns sicher schon selbst erlebt: Dass die Obstbäume deutlich früher blühen, ihre Knospen dann aber kaputtfrieren. Allergikerinnen und Asthmatiker leiden schon jetzt unter den längeren Pollenflugzeiten im Frühjahr. Und mit jedem weiteren Grad Sommerhitze müssen mehr Menschen wegen Atembeschwerden behandelt werden.

Dürren haben auch in Deutschland in den letzten drei Jahren die Ernten der Landwirtinnen teils massiv beschädigt. Und obwohl es Anfang des Sommers örtlich mehr geregnet hat, herrscht eine teils extreme Dürre bis in tiefe Erdschichten. Stadtbäume müssen gegossen werden, große Teile des Waldes leiden unter Dürrestress und das Waldsterben ist den Förstern zufolge heute sehr viel schlimmer als in den 80ern.

Wenn wir Schlimmeres verhindern wollen, müssen wir jetzt handeln

Und dennoch denken viele offenbar, wir hätten noch genug Zeit, um die Klimakrise zu lösen. "Wir haben noch Zeit, das Schlimmste zu verhindern, wenn wir jetzt handeln", ist die Botschaft der Wissenschaft. Aber wir müssen es eben unbedingt jetzt tun. Genau jetzt. 

Wir haben dem aktuellen Stand der Forschung zufolge weniger als zehn Jahre, um die schlimmsten Folgen vielleicht noch zu verhindern. Zehn Jahre, in denen wir bereits handeln müssen, um die globale Erwärmung deutlich unter zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau zu halten. So wie es fast 190 Staaten in der Pariser Konvention vereinbart haben. Dafür müssen wir heute beginnen.

Den wenigsten Menschen scheint bewusst zu sein, was die Zahlen, Graphen und Fakten zur Klimakrise, die ständig auf uns einprasseln, mit unserem Leben zu tun haben. Welchen Unterschied es für sie selbst macht, ob wir bei 1,5 Grad oder zwei Grad Erderwärmung landen.

Aber dieses halbe Grad mehr bringt vielfach extreme Auswirkungen mit sich, auch in Europa: Es werden noch mehr Dürren kommen und den Anbau von Lebensmitteln erschweren, das Trinkwasser wird knapper werden, noch mehr Wald wird sterben und sich immer schwerer aufforsten lassen. Wie Miami und Venedig schon heute, werden immer mehr Städte regelmäßig oder sogar komplett überflutet werden.

Die Klimakrise trifft unsere Kinder – und sie trifft uns

Viele von uns denken wohl, es sei bildlich gemeint, dass unsere Kinder und kommende Generationen die Folgen der Klimakrise werden tragen müssen. Aber die Kinder, deren Leben die Klimakrise hart treffen wird, sind längst da. Es sind unsere Kinder. 

Wenn wir jetzt nichts tun, werden Kinder, die heute geboren werden, im schlimmsten Fall gerade mal zehn Jahre alt sein, wenn wir die 1,5-Grad-Marke dauerhaft durchbrechen. Wenn unsere Kindergarten-Kinder oder Enkel alt genug sind, um uns zu erklären, wie akut die Situation ist, werden wir unsere Chance auf eine Welt mit einem stabilen Klima vielleicht schon endgültig verspielt haben.

Im besten – aber relativ unwahrscheinlichen – Fall werden wir die 1,5-Grad-Marke erst 2050 knacken. Unsere heute dreijährigen Kinder oder fünfjährigen Enkel werden dann knapp über 30 sein. Das Alter, in dem sie vielleicht selbst gern Kinder bekommen würden. Auch dieses Szenario bedeutet nicht, dass wir Zeit haben, erst später zu handeln.

Klimaforschende warnen sogar davor, dass wir schon jetzt erste Kipppunkte erreicht haben könnten. Diese verstärken sich gegenseitig und führen uns immer schneller auf einen Punkt zu, an dem eine weitere Erhitzung der Erde nicht mehr aufzuhalten sein wird. 

Und nicht nur unsere Kinder werden die Auswirkungen der Klimakrise spüren, sondern auch wir. Denn die Folgen sind längst da und sie werden immer extremer, in den nächsten zehn, 20, 30 Jahren.

Viele scheinen zu glauben, die Probleme würden sich schon irgendwie lösen

Weil der saure Regen, das Ozonloch und der Atomkrieg in den 80ern unsere Zukunft nicht zerstört haben, nehmen zu viele wohl an, auch wir hätten heute keinen Grund zur Sorge. Die aktuellen Probleme würden sich schon irgendwie lösen. 

Aber damals gab es einen entscheidenden Unterschied: Die Probleme wurden ernst genommen und Lösungen gerade noch rechtzeitig konsequent politisch durchgesetzt. Auch, weil genug Leute dafür auf die Straße gegangen sind und demonstriert haben. 

Für die Klimakrise gibt es nur eine Lösung: Wir müssen den Ausstoß von Treibhausgasen reduzieren und letztendlich stoppen. Das ist Klimaschutz, alles andere ist Pillepalle. 

Viele denken offenbar, die Politik würde sich schon kümmern

Viele denken offenbar, dass sich die Politiker doch kümmern würden, wenn das Problem wirklich so schlimm wäre. Zumindest unsere sonst so bedachte Bundeskanzlerin, die ja schließlich Physikerin ist, würde doch die Reißleine ziehen, glauben wir. So unverständlich das auch ist, die bisherigen Reaktionen der Politik zeigen: Die Bundesregierung nimmt das Problem noch immer nicht ernst genug. 

Das Klimapaket aus dem September 2019 ist nicht annähernd ausreichend, der Kohleausstieg 2038 mindestens acht Jahre zu spät. Und dass zur Konjunkturförderung immer wieder ernsthaft über eine Abwrackprämie diskutiert wurde, ist völlig realitätsfern und unverantwortlich, wenn man weiß, wie klein das Zeitfenster noch ist, in dem wir handeln können, um unter 1,5 Grad zu bleiben. 

In Kalifornien, dem Amazonas und Australien wüteten zuletzt Feuer von historischem Ausmaß, in Angola und dem Kongo standen sogar noch mehr Wälder in Flammen, auch wenn man kaum davon hört. Auch in der Arktis brannte es großflächig. Die Temperaturen schossen dort so hoch, dass selbst Wissenschaftlerinnen überrascht waren. 

Das Arktis-Eis und die Gletscher schmelzen immer schneller. Ihr Verschwinden hat Auswirkungen auf das lokale Klima und auf die Wasserversorgung. Auch die Permafrostböden tauen, in Sibirien setzen sie weiteres CO2 frei und das mehr als zwanzigmal klimaschädlichere Methan. In den Alpen drohen Felsen abzubrechen, Hänge abzurutschen und Gebäude einzustürzen, je mehr das Eis im Boden taut.

In diesem Sommer waren ein Drittel Bangladeschs und große Teile Nord- und Südkoreas überschwemmt, im Iran und Irak gab es an mehreren Orten 53 Grad – normales Leben ist unter diesen Umständen nicht mehr möglich.

Die Erderhitzung macht das Wetter immer unberechenbarer – auch bei uns

Das sind keine hinnehmbaren Entwicklungen. Sie gefährden die Menschen vor Ort – und sie gefährden uns alle. Denn diese Brände und Schmelzen tragen dazu bei, dass sich die Erde immer schneller und stärker erhitzt, das Wetter immer unberechenbarer und extremer wird. Auch bei uns. 

2020 ist das Jahr, in dem wir spätestens beginnen müssen, unseren CO2-Ausstoß drastisch zu reduzieren, wenn die Erderwärmung unter 1,5 Grad bleiben soll. Das ist seit Jahren bekannt. Und wir haben damit zwar begonnen, jedoch noch lange nicht stark und entschlossen genug. 

Derzeit steuern wir auf drei bis vier Grad Erderwärmung zu. Was das heißt? Unsere Erde würde damit zum Teil unbewohnbar. Das hätte extreme Auswirkungen auf jeden einzelnen Menschen auf diesem Planeten.

Digitalisierung und individuelle Entscheidungen reichen nicht aus, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren

Wir hören oft, dass Digitalisierung und technischer Fortschritt die Folgen der Klimakrise abmildern werden. Und das Potential haben sie tatsächlich. Doch derzeit sind viele dieser Lösungen weder gefunden, noch bekommen wir sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren weltweit flächendeckend umgesetzt. Wer verfolgt, wie lange etwa Breitband- und Mobilfunknetzausbau in Deutschland schon dauern, wird daran kaum Zweifel haben. 

Viele beruhigen sich anscheinend damit, es werde schon genug getan. Und ja, es gibt unzählige Engagierte und Forschende, die Lösungen suchen und finden. Viele Pläne liegen bereit – nur werden sie nicht großflächig durchgesetzt oder viel zu langsam. 

Es reicht nicht mehr aus, wenn Einzelne regionale Lebensmittel kaufen oder Solaranlagen auf Schuldächern installieren. Damit werden wir die Klimakrise nicht mehr stoppen. Die nötigen Veränderungen so herbeizuführen, dauert einfach viel zu lange. 

Zu viele von uns hoffen, dass andere das Problem schon für uns lösen werden. Die Schülerinnen und Schüler von Fridays for Future, ein paar engagierte Unternehmerinnen und Entwickler oder eine der zahlreichen Aktivistengruppen. Aber sie allein sind offensichtlich nicht genug. 

Wir brauchen große, politische Lösungen und massive Veränderungen

Um diese gewaltige, uns alle betreffende Krise noch zu stoppen, brauchen wir große, politische Lösungen und massive Veränderungen: eine Verkehrs-, eine Agrar- und eine Energiewende. Das klingt radikal und das ist es auch. Nur leider können wir uns nicht einfach irgendwas in der Mitte aussuchen, was uns besser gefällt. Mit der Physik können wir nicht verhandeln. 

Wenn die Fakten so eindeutig sind, warum handeln wir dann nicht längst danach? Dazu wird seit Jahrzehnten geforscht, die Gründe sind komplex, aber eine Mitschuld trägt auch die mediale Berichterstattung

Deutschland entscheidet, erst 2038 aus der Kohle auszusteigen – und es ist nicht wochenlang ein Skandal. Die EU beschließt ein riesiges Corona-Finanzpaket – und Journalistinnen berichten darüber fast ausschließlich als historische Meisterleistung. Forschende diskutieren tagelang öffentlich, ob der Grönländische Eisschild nun unaufhaltsam schmilzt – und daraus wird in den meisten Fällen nicht mehr als eine Meldung.

Das zeigt: Auch viele Journalistinnen scheinen noch immer nicht verstanden zu haben, wie ernst die Klimakrise ist und an was für einem historisch entscheidenden Punkt wir gerade stehen. Noch immer berichten viele über die Klimakrise wie über etwas, wofür man sich interessieren kann – oder auch nicht. Dabei betrifft sie längst die Leben von uns allen. 

In ihrem Streben nach Objektivität verzerren viele Medien die Realität

Viele Medienschaffende scheinen das Gesamtbild gar nicht mehr zu sehen, dass die vielen Rekord- und Katastrophenmeldungen ergeben. Sie machen sich – und anderen – gar nicht klar, was all diese Entwicklungen zusammengenommen für die Welt bedeuten, in der wir leben.

Ein Großteil der Medien bringt zwar immer wieder exzellente Beiträge zur Klimakrise, hält dann aber auch täglich politische Meinungen und wirtschaftliche Interessen gleichberechtigt neben klimawissenschaftliche Fakten – und benennen das allzu oft nicht klar. In politischen Debatten sorgt dieses direkte Gegenüberstellen für Ausgewogenheit und Objektivität, aber wenn es um wissenschaftlich gesicherte Fakten geht, verzerrt es die Realität. 

Die nächsten Monate sind unsere wohl letzte Chance, genug Druck auf die Regierungen dieser Welt aufzubauen, damit geeignete Maßnahmen ergriffen werden, um unter 1,5 Grad zu bleiben. Den Klimaschutz, den wir jetzt verpassen, können wir nicht später nachholen.

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Solange eine kritische Masse an Journalisten das nicht verstanden hat und ihre Arbeit nicht danach ausrichtet, solange werden auch Politikerinnen nicht entsprechend handeln. Darauf weisen auch die Aktivisten von Fridays for Future immer wieder hin, die mit der stern-Redaktion für die aktuelle Ausgabe zusammengearbeitet haben.

Nicht nur die Klimawandelleugner sind das Problem, auch wir sind es

Es sind nicht nur die Klimawandelleugner, die verhindern, dass die Klimakrise entschlossen bekämpft wird. Es sind die vielen, die wissen, dass wir ein Problem haben, aber nicht wissen oder nicht wissen wollen, wie groß und dringend dieses Problem ist. Dass diese Menschen nicht aktiv werden, sich kein Gehör verschaffen. 

Und ja, wir haben gleichzeitig viele andere Probleme, jeder von uns privat und wir als Gesellschaft. Besonders in der Coronakrise, deren Ursprung eng mit der Klimakrise und dem schwindenden Lebensraum für Tiere verknüpft ist. Auch diese müssen entschlossen gelöst werden. Aber wenn wir dabei die Klimakrise vergessen, werden ihre Auswirkungen viele andere Probleme in den nächsten Jahren weiter verschärfen.

2020 ist kein Ausnahmejahr, 2020 ist erst der Anfang.

Viele von uns haben die Gefahr bisher nicht gesehen, einige wollten sie nicht sehen, viele konnten es nicht. Aber wenn wir jetzt nicht hinschauen, dann ist es endgültig zu spät, um die 1,5 Grad vielleicht doch noch zu halten.

Wir müssen jetzt handeln. 

Unsere Kinder allein können uns nicht retten. Unterstützen wir sie dabei. 

wue

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