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Fragen und Antworten

Klimakatastrophe: Noch haben wir 90 Milliarden Bäume in Deutschland – doch unsere Wälder sind todkrank

Lange nichts gehört vom Waldsterben, aber es ist beileibe nicht vorbei. Ganz im Gegenteil – Umweltschutzverbände warnen bereits vor einem Kollaps des Waldes. Wie schlimm ist die Lage wirklich? Und was macht die Politik? Der stern beantwortet die wichtigsten Fragen.

Waldsterben im Harz

"Waldsterben 2.0": Wie hier in einem Fichtenwald im Harz setzen unter anderem Schädlinge wie der Borkenkäfer den Bäumen zu, aber auch die Klimakatastrophe hat ihren Anteil

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Das Waldsterben ist zurück. Oder war es nie weg? Jedenfalls rückt der Schutz des Waldes auf der politischen Agenda wieder nach oben. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) kündigt einen nationalen Waldgipfel an und sagt in der "Rheinischen Post": "Mit vereinten Kräften stemmen wir die Mammutaufgabe, die vor uns liegt, um unseren Wald zu retten – nicht nur für uns, sondern für die nachfolgenden Generationen."

Was die Aufgabe so wichtig macht: Bäume sind in der Lage, aus CO2 und Sonnenlicht Biomasse und Sauerstoff zu produzieren und so das CO2 dauerhaft zu binden. In 100 Jahren kann eine Fichte der Atmosphäre zum Beispiel rund zwei Tonnen des Treibhausgases entziehen. Die Klimakatastrophe kann ohne gesunde und große Wälder nicht abgemildert werden.

Der stern beantwortet die wichtigsten Fragen zum Waldsterben.

Wie geht es dem deutschen Wald?

Auskunft gibt unter anderem der Waldzustandsbericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums, aber auch Umwelt- und Waldschutzorganisationen erfassen die Lage der deutschen Wälder regelmäßig. Ergebnis der Erhebungen: Um den deutschen Wald ist es überhaupt nicht gut bestellt.

Die Landfläche Deutschlands besteht zwar zu einem Drittel aus Wäldern, aber es kommt bundesweit zu einem großflächigem Absterben ganzer Waldbestände. Umweltschützer, Politiker, Waldbesitzer und Forstexperten sprechen einhellig von Schäden in einem bislang nicht gekannten Ausmaß an praktisch allen wichtigen Baumarten, etwa an Fichten, Kiefern, Buchen oder Eichen, den vier verbreitetsten. Demnach brechen ganze Waldflächen zusammen, die Rede ist von einem drohenden Kollaps.

Nach Angaben der Fachleute nehmen die Probleme nicht zuletzt bedingt durch die extreme Trockenheit zu. Bereits im Waldzustandsbericht des vorigen Jahres warnten die Behörden, dass die wahre Dimension der Dürreschäden erst in der kommenden Vegetationsperiode sichtbar werden könnte. 

Das Niederschlagsdefizit in Deutschland, das nach Angaben des Deutschen Wetterdiensts bisweilen "katastrophale Ausmaße" annimmt, lässt die Bäume nicht zwangsläufig direkt verdursten. Wassermangel erhöht aber den Umweltstress und macht sie etwa anfälliger für Schädlinge wie Borkenkäfer oder Pilze. Auch Stürme und Waldbrände werden zum Problem.

Fast drei Viertel der rund 90 Milliarden deutschen Waldbäume weisen inzwischen eine mehr oder weniger ausgeprägte sogenannte Kronenverlichtung auf, die als wichtigster Indikator für deren Zustand gilt; ein Viertel ist sogar "deutlich verlichtet" – Tendenz steigend.

Das Fazit von Landwirtschaftsministerin Klöckner: "Unser Wald ist massiv geschädigt."

Was plant die Politik?

Das Problem Waldsterben ist also angekommen, den Eindruck will Klöckner vermitteln. Bevor es auf bundesweiter Ebene angegangen wird, trommelt das CDU-geführte sächsische Forstministerium an diesem Donnerstag zunächst Klöckner und die zuständigen Landesminister der Union zusammen. In Moritzburg bei Dresden wollen die Vertreter aus Sachsen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern über Maßnahmen beraten. Sachsens Forstminister Thomas Schmidt etwa sagt: "Die schlechten Nachrichten aus dem Wald reißen nicht ab. Jeden Tag erreichen uns neue Hiobsbotschaften. Deshalb müssen wir dringend handeln."

Video: Der Wald leidet unter Hitze und Trockenheit

Noch im August will Klöckner dann ein Fachgespräch mit Vertretern der Wald-, Holzwirtschafts- und Umweltverbände und der Wissenschaft führen. "Es geht nicht nur um Investitionen in Millionenhöhe für Aufforstungen. Sondern auch um die langfristige Anpassung der Wälder an den Klimawandel", so die Bundeslandwirtschaftsministerin. Für den September kündigt sie einen nationalen Waldgipfel an. Dabei solle es nicht nur um millionenschwere Investitionen in den Baumbestand gehen, sondern auch um die langfristige Anpassung der Wälder an das sich verändernde Klima.

Wie kann unser Wald gerettet werden?

Durch radikale Aufforstung, eine Reform der Waldbewirtschaftung und deutlich mehr Klimaschutz. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland hat zum Beispiel einen Forderungskatalog mit zehn Punkten aufgestellt:

  • "Klimakrise stoppen, jetzt wirksame Klimaschutzmaßnahmen ergreifen
  • Waldumbau von Nadelforsten zu Laubmischwäldern vorrangig betreiben
  • Wildtiermanagement und Jagd waldfreundlich umgestalten
  • Mehr Forstpersonal bereitstellen
  • Waldbesitzer und Kommunen beim Waldumbau unterstützen
  • Waldflächen nach Extremereignissen schonend behandeln
  • Begiftungen von Wäldern unterlassen
  • Wälder ökologisch verträglich bewirtschaften, Holz schonend ernten
  • Kompetenzen in Laubholzwirtschaft ausbauen
  • Naturwälder auf zehn Prozent der Waldfläche zulassen"


Der Bund Deutscher Forstleute (BDF) erklärt: "Der Wald ist der Klimaretter schlechthin, aber aktuell ist der Wald selbst Opfer der Klimakatastrophe." Der BDF fordert unter anderem eine "auskömmliche Finanzierung der Aufräumarbeiten im Wald." Auch die Forschungsarbeit müsse vertieft werden, heißt es.

Die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt verlangt neben dem Umbau des Waldes eine "Urwald-Offensive" in Deutschland. Sie sagt in der "Rheinischen Post": "Fünf Prozent der Waldfläche wollen wir der Natur überlassen, so dass dort Natur wieder Natur sein kann, ohne menschliche Eingriffe."

Der Bund solle in Wäldern vorangehen, die ihm selbst gehörten und dazu Nadel- in Misch- und Naturwälder umwandeln. Die Bundesregierung müsse zudem die Länder im Kampf gegen das Waldsterben finanziell unterstützen.

Auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze schaltet sich in die um die Rettung des deutschen Waldes ein. Die SPD-Politikerin fordert eine Aufforstung, sodass "gesunde, klimastabile und naturnahe Mischwälder" entstehen. Es sei wichtig, die durch Waldbrände und Wetterextreme verlorenen Wirtschaftswälder aufzubauen. Das helfe auch im Kampf gegen den Klimawandel. Wälder seien dabei ein wichtiger Teil der Lösung.

Doch was nützen Anpflanzungen, wenn sie schon bald wieder vertrocknen? Klar ist daher: Der Klimaschutz funktioniert nicht ohne Wald und der Wald nicht ohne Klimaschutz.

Waldsterben – hatten wir das nicht alles schon einmal?

Jein. Das Waldsterben war in den 1980er Jahren eines der bestimmenden Umweltthemen in Westdeutschland. Es war die Zeit, in denen Autos ohne Katalysatoren fuhren, dafür aber mit verbleitem Benzin, und in der Fabrikschlote und Kraftwerksschornsteine Giftcocktails in die Luft bliesen. Eine der Folgen: Saurer Regen, der unter anderem als Ursache des Waldsterbens galt. Er veränderte den ph-Wert im Boden, Bäume warfen ihre Blätter und Nadeln ab und starben. Einige Wissenschaftler befürchteten, der deutsche Wald könnte innerhalb weniger Jahre flächendeckend tot sein.

Doch das Horrorszenario trat nicht ein. "Die Bundesregierung legte das bislang teuerste Programm zum Umweltschutz auf, um die Abgase aus den Schornsteinen der Industrie und der Kraftwerke von Schwefel und anderen Schadstoffen zu befreien; deutsche Autos bekamen bleifreies Benzin und einen Katalysator; die Umweltverbände erhielten starken Zulauf und die neu gegründete Partei 'Die Grünen' zog in die Parlamente ein", bilanziert die Bundeszentrale für politische Bildung.

Waaldsterben im stern

"Es war einmal der Wald", "Schauen Sie ihn noch mal an", "Wettlauf gegen das Gift" – so und ähnlich titelte der stern in den 1980er Jahren mehrfach

Das Bewusstsein in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft für unsere Umwelt änderte sich nachhaltig. Der Wald erholte sich ein wenig, gut ging es ihm jedoch immer noch nicht. Dabei ist nach Ansicht von Experten aber schwer zu sagen, inwieweit das Ausbleiben des Waldsterbens den Gegenmaßnahmen zuzuschreiben ist. Auch der Zusammenbruch der veralteten Industrien in der DDR und anderen Ostblockländern Anfang der 90er Jahre half.

Für das "Waldsterben 2.0" werden andere Hauptursachen genannt. Häufigere und heftigere Stürme, weniger Regen und immer mehr Schädlinge, die den Bäumen zusetzen. Und doch gibt es eine Parallele mit dem Waldsterben der Achtziger: Nur mit einem Kraftakt können wir unseren Wald schützen und retten. Wir brauchen ihn.

Quellen: Waldzustandsbericht, Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Bund Deutscher ForstleuteBundeszentrale für politische Bildung, "Rheinische Post", Nachrichtenagenturen DPA und AFP