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Interview

Umweltaktivist Succow: Er war schon Umweltschützer in der DDR - und ist begeistert von "Fridays for Future"

Michael Succow ist Umweltschützer der ersten Stunde. Für ihn ist der Klimawandel keine Glaubensfrage. Allerdings hatte er den Glauben an die Menschheit schon verloren. Die Jugend gibt ihm die Hoffnung zurück.

Umweltschützer Michael Succow in seinem Garten in Brandenburg

Umweltschützer Michael Succow machte sich schon in der DDR für den Umweltschutz stark. Nun hat er, trotz düsterer Öko-Prognosen für die Welt, wieder Hoffnung. Nicht zuletzt dank der Fridays-for-Future-Bewegung.  

Biologe, Agrarwissenschaftler, Moor-Forscher, Professor, Naturschützer, stellvertretender Umweltminister der letzten DDR-Regierung: In seinen 78 Lebensjahren hat Michael Succow schon vieles getan. Heute ist er vor allem Naturschützer: 1999 erhielt er für sein Engagement den Alternativen Nobelpreis, mit dem Preisgeld gründete er die Succow-Stiftung, die sich weltweit für die Errichtung von Naturschutzgebieten einsetzt. 

Herr Succow, wir sitzen in Ihrem Garten in Vorpommern und essen selbst geerntete Aprikosen, dort hinten windet sich eine Kiwi-Pflanze...

...ja, mein Wein gedeiht, meine Mispel und mein Eisenholz - allesamt Pflanzen, die hier eigentlich nichts zu suchen haben.

Liegt das am grünen Daumen des Biologen oder am Klimawandel?

Gegen das Klima ist auch der Biologe machtlos. Diese Pflanzen hätten hier früher keine Chance gehabt zu überleben. Der Klimawandel sorgt eben auch für ein paar Gewinner. Es gibt hier oben in Vorpommern inzwischen sogar Weingüter, die an den Hängen der Endmoränen Spitzenweine erzeugen.

Und wer sind die Verlierer?

Verlierer sind alle, die Wasser brauchen. Aber vor allem Fichten, Kiefern, Flachwurzler, deren Triebe nicht an tiefer liegende Wasserschichten reichen. Und langsam gehen sogar diese Bodenvorräte aus. Es gibt immer weniger Grundwasser und immer mehr ist mit Nitrat belastet. 

Wegen der intensiven Landwirtschaft.

Die industrielle Landwirtschaft ist der Klimakiller Nummer eins. Das geht so nicht mehr weiter! Erst wird mit Glyphosat alles Unkraut vernichtet, das den Tau am Boden bindet. Es kann kein Humus mehr entstehen und so hält sich immer weniger Wasser im Boden. Und Regenwasser fließt einfach ab, statt einzusickern. Das hat starke Erosion zur Folge.

Ist die Dürre dieses Sommers denn wirklich schon ein Zeichen für den Klimawandel?

Was denn sonst! Unter diesem Klimawandel leidet bislang vor allem und am stärksten der Osten Deutschlands. Es regnet hier in der Vegetationsperiode immer weniger. Inzwischen herrscht das Klima der Waldsteppe. An Südhängen und trockeneren Sandstandorten wird es in absehbarer Zeit kaum noch Wald geben können.

Würde das nicht auch ohne Landwirtschaft passieren?

Wir müssen endlich verstehen, dass agrarindustrielle Landwirtschaft mit ihrem enormen Energiebedarf nicht nur einer der großen CO2-Produzenten ist, sondern irreversible Schäden in Ökosystemen hinterlässt. Der Daueranbau von Energiemais etwa führt zur Vertrocknung der Landschaft. Die kleinen Gewässer, Tümpel und Teiche, füllen sich mit den Bodensedimenten. Rund um das Brandenburger Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, gab es früher 40 davon. Zwei haben heute noch Wasser. Das waren nicht nur Feuchtgebiete und Lebensräume für Tiere und Pflanzen, sondern wichtige Kühlzellen.

Ohne die es jetzt noch wärmer wird?

Genau. Und in solch überhitzten Landschaften regnet es dann noch weniger. Die Wolken ziehen einfach darüber hinweg und regnen erst ab, wenn sie in Polen die bewaldeten Berge erreichen. Oder es nieselt nur noch statt zu regnen, weil das meiste Wasser auf dem Weg zur Erde schon wieder verdunstet. 

Kein schönes Zukunftsszenario.

Wieso Zukunft? Das passiert in vielen Gegenden Ostdeutschlands schon heute. Ich kannte das bisher nur aus Regionen Mittelasiens und der Mongolei.

Als Wissenschaftler und als Naturschützer sind sie weltweit unterwegs. Wo finden Sie denn noch solche Anzeichen für den Klimawandel?

Überall, das ist ja das Problem. Genau davon will ich den jungen Leuten von Fridays for Future berichten auf ihrer Konferenz. Auf der ganzen Welt findet ein Drama in drei Akten statt: Erst vertrocknen die Böden und damit die Vegetationsdecke, danach kommt das Versalzen. Das habe ich überall gesehen, in Äthiopien, am Aralsee, in China, in Argentinien. So endet jede Übernutzung der Böden.

Und was ist der dritte Akt?

Die Sintflut, der Anstieg der Meeresspiegel. Und er wird sich ausgerechnet dort am dramatischsten zeigen, wo die meisten Menschen siedeln: in den einst fruchtbaren Ebenen der großen Flussdeltas. 

Bei der Größe der Probleme und der gleichzeitigen Trägheit der Politik - macht Sie das hoffnungslos?

Bis vor etwa zwei Jahren war ich wirklich tief deprimiert. Auf der ganzen Welt wird die Natur kaputt gemacht. Aber nun tauchte diese Bewegung auf, junge Menschen mit einer unheimlicher Klugheit und Wut im Bauch. Fridays for Future hat mir wieder Kraft gegeben. 

Warum gab es so eine Klima-Protestbewegung eigentlich nicht schon viel früher? 

Das habe ich mich auch gefragt. Das Potenzial für gesellschaftliche Veränderungen liegt meist in der studentischen Jugend, überall auf der Welt. Das hat mich eben so erschüttert, dass da in Deutschland überhaupt nichts kam, kein revolutionäres Denken. Nichts! Die meisten sind auf ihre Karriere fokussiert oder untätig, weil der Konsum sie träge gemacht hat. Jetzt haben das die Schüler übernommen, sie sind offenbar noch freier im Kopf.

Sie selbst haben sich schon gegen die Zustände in der DDR aufgelehnt.  

Mir ging es damals um eine Erkenntnis, die mich auch heute in der BRD wieder umtreibt: dass die Wirtschaft überhaupt nicht nachhaltig war. Mir ging es um Heimatschutz. Das hatte irgendwann sogar die Stasi begriffen. In meiner Akte heißt es: Der Succow hat nichts gegen den Sozialismus, aber er will ihn mit anderen Mitteln. Naja, trotzdem musste ich die Uni für vier Jahre verlassen und zum Meliorationsdienst antreten, Moore trocken legen für die Landwirtschaft. 

Die Ironie: Sie wurden einer der anerkanntesten Moor-Forscher der Welt. 

Ich verrichtete den Dienst mit einem weinenden und einem lachenden Auge: Mir tat es im Herzen weh, Moore trocken zu legen, gleichzeitig hatte ich Zeit, sie zu erforschen. Wenn man so will, war das der Anfang meiner wissenschaftlichen Karriere. 

Und mehr als das: Sie haben als stellvertretender Umweltminister in der Endphase der DDR mit dafür gesorgt, dass noch kurz vor der Einheit 4800 Quadratkilometer Natur in Nationalparks und Unesco-Biosphärenreservate verwandelt wurden. Und in den letzten 20 Jahren haben Sie mit Ihrer Stiftung geholfen, weltweit über 20 Schutzgebiete zu errichten und 20.000 Hektar Moore "wieder zu vernässen". Dagegen hat die Fridays for Future-Bewegung bislang noch nicht viel erreicht - außer großer medialer Aufmerksamkeit

Aber das ist doch schon viel! Natürlich kann so eine Bewegung auch schnell wieder verpuffen, manche hoffen das sogar. Deswegen ist es mir wichtig, die jungen Aktivisten zu unterstützen, um auf Augenhöhe für unser gemeinsames Ziel zu kämpfen.

Und was verspricht politisch dabei mehr Erfolg: Das Maximale fordern, auf die Gefahr hin, die Menschen zu verschrecken? Oder die Strategie der heutigen Grünen: das Realistische fordern, auch wenn man weiß, dass es nicht reicht?

Wer mit dem Weltuntergang droht, erreicht oft gar nichts. Das schalten die meisten Leute einfach ab. Allerdings: Nur mit Freiwilligkeit geht es im jetzigen Stadium nicht mehr. Es braucht Verbote.

Weil jeder nur an sich denkt?

Brot und Spiele: Die Menschen in unserem reichen Europa konsumieren immer mehr, obwohl sie alle längst satt sind. Wir sehen die Probleme im Fernsehen, wir verstehen sie auch, und freuen uns dann über das Billig-Huhn bei Aldi. 

Aber wir kaufen doch immer mehr Bio, verhalten uns ökologischer...

Naja, die meisten Bio-Produkte werden aus dem armen Teil der Welt importiert. Die echten Bio-Pioniere arbeiten längst am Limit, weil es die vermeintlich gleichen Produkte inzwischen viel billiger auch im Discounter gibt. Ich ertappe mich ja selbst manchmal dabei, wie ich auf die Verpackung hereinfalle.

Wir sind also gar nicht so bio, wie wir glauben?

Wir sind eben nur vermeintlich bio. Wir kaufen im Rausch irgendwas und fahren es dann im Geländewagen nach Hause. Überall nur Konsum und Verschwendung. Und welche Mengen an Küchengeräten die Menschen haben! Eigentlich will ich jetzt aufhören, darüber zu reden, das deprimiert mich.

Wir sind leider noch nicht fertig. Sie fliegen ja selbst unglaublich viel um die Welt. 

Ich tue es nicht zum Vergnügen, aber es ärgert mich auch. Ein Dilemma, das ich nicht imstande bin, aufzulösen. Ich versuche, in der Welt für den Naturschutz zu kämpfen, und dabei muss ich genau so schnell sein wie meine Gegner. Ich beruhige mich selbst ein wenig mit Kompensationszahlungen für das bei meinen Reisen entstehende CO2.

Grundsätzlicher gefragt: Geht es beim Klimaschutz überhaupt um das Verhalten des Einzelnen?

Die Politik ist natürlich entscheidend, sie muss die Rahmenbedingungen setzen. Wir brauchen unser altes Europa, um Klimaschutz umzusetzen. Das Klima kennt ja keine Grenzen. Aber wenn man sich ansieht, wie überall Populisten auf dem Vormarsch sind, Trump, Johnson, da fällt es sogar mir schwer, den Glauben an die demokratischen Systeme zu bewahren.

Wie meinen Sie das?

Ich muss kurz ausholen: Im Jahr 2000 hatte mich die chinesische Akademie der Wissenschaften nach Peking eingeladen. Die Chinesen hatten erkannt, dass sie kurz vor dem Öko-Kollaps stehen. Kein Wasser mehr, die Böden verseucht, die Wälder abgeschlagen. Die wollten wirklich Rat von Experten hören. Ich durfte dort ohne Tabus vor der strategischen Kommission meine Gedanken äußern. Und jedes Mal, wenn ich seitdem wieder nach China fuhr, konnte ich sehen: Die setzen das wirklich um, schneller und kompromissloser als anderswo. 

Und rücksichtsloser.

Sicher, das funktioniert im Schlechten, bei der Unterdrückung etwa, aber manchmal eben auch im Guten. Und das lässt mich gelegentlich über eine Art Ökodiktatur nachdenken, die die Kraft hat, noch vor ihrem Untergang eine echte ökologische Gesellschaft zu errichten. 

Sie träumen doch nicht ernsthaft von einer Diktatur!

Natürlich nicht, ich traue den Demokratien in Fragen der Ökologie nur immer weniger zu. Wir müssen längst schnell und radikal handeln - und das widerspricht eben dem demokratischen Gedanken.

In jedem Fall müssten wir wohl auf Wohlstand verzichten. Glauben Sie, dass die Menschen dazu inzwischen ehrlich bereit sind? 

Wäre das denn wirklich Verzicht, wenn wir nur noch kaufen würden, was wir wirklich brauchen? Und eines zeigt das Beispiel Chinas ja:  Nur im Angesicht von Katastrophen sind Menschen dazu bereit sich zu ändern.

Dabei wissen wir ja seit vielen Jahren, was passieren wird, wenn sich nichts ändert.

Theoretisch ja, aber praktisch spüren die Menschen erst jetzt die ersten Auswirkungen. 

Manche sagen trotzdem: "Ach was, das ist doch nur Wetter!"

Und Sie glauben gar nicht, wie viele es davon gibt, die sogar zur Elite ihrer Länder gehören. Wenn diese Leute offensichtliche Fakten nicht anerkennen wollen, dann haben wir ein ernstes Problem. Der Klimawandel ist keine Glaubensfrage!

Was halten Sie diesen Menschen dann entgegen?

Dass Natur einerseits zwar hochkomplex ist, anderseits aber auch ganz simpel: In der Natur geht es immer um die Bindung von Kohlenstoff. Mithilfe von Sonnenenergie regulieren die Pflanzen den CO2-Gehalt der Atomsphäre. Sie speichern Kohlenstoff im Boden als Humus, in Feuchtgebieten als Torf. Das passiert in jedem Ökosystem, egal, ob Mangrove, Steppe, Wald oder Tundra. Irgendwann beging der Mensch aber den Sündenfall: Er grub nach Kohle, bohrte nach Erdöl und Erdgas und holte durch Verbrennung so den längst entsorgten Kohlenstoff als CO2 zurück in den Kreislauf. 

Und wohin damit?

Das ist exakt das Problem. Durch unsere Art des Ackerbaus und der Forstwirtschaft berauben wir uns unserer wichtigsten CO2-Speicher. Wir verbrauchen den Humus in unseren Böden. Wir holzen Regelwälder ab, wie legen Moore trocken. Die Klima-Kerze brennt also von zwei Seiten. 

Ein weiterer Grund, Ihre Hoffnung auf die junge Generation zu richten? 

Wir müssen schon den Kleinsten die Liebe zur Natur nahe bringen, die Erdverbundenheit. Wie man Kartoffeln pflanzt und erntet. Dass sie Regenwürmer achten und nicht tot trampeln. Es ist ein Dreiklang: Mit dem Wissen kommen Liebe und Verantwortung und daraus resultiert Handlung. Dafür braucht es eine gewisse Spiritualität. 

Was meinen Sie damit?

Es braucht eine spirituelle Prägung der Menschen, eine Naturverehrung. Zum ersten Mal habe ich diese Spiritualität 1973 in der Mongolei gespürt. Man findet sie bei allen indigenen Völkern, egal, ob im Amazonas oder auf Kamtschatka. Natur ist diesen Menschen heilig, und was ihnen heilig ist, das würden sie niemals zerstören. Das verteidigen sie.