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Medienhype: Haare auf Ebay, Leichnam im Keller

Britney Spears und Anna Nicole Smith versetzen die US-Klatschpresse derzeit in eine "Feeding Frenzy", einen Futterrausch. Und dabei steht mit den Oscars das ganz große Society-Event erst noch vor der Tür.

Von Alex von Roon, L.A.

Das musste ja so kommen. Auf Ebay sollen die dunklen Locken von Britney Spears versteigert werden. Für einen guten Zweck, versteht sich. Darauf will Salon-Betreiberin Esther Tognozzi dann schon noch hinweisen, bevor sie dem nächsten TV-Sender, dem dritten an diesem Tage, ein "exklusives" Interview gibt. "Aber bitte das Salonschild ins Bild rücken, ja?", so das pfiffige Schneiderlein aus dem sonst so langweiligen San Fernando Valley.

Tognozzi nämlich ist die Besitzerin der Haarpracht, die "Brit" am Freitag vergangener Woche in eigener Rasurarbeit auf den blanken Fußboden befördert hatte. Weil Mrs. Spears - da sind sich gleich eine ganze Armada von interviewten Psychologen aus Amerika einig - wohl endgültig den Vernunftslöffel zur Seite gelegt hat, stößt eine ganze Flotte von Klatschreportern in den USA Jubelschreie aus. "Britney durchgedreht und Anna Nicole einbalsamiert, das kann man ja gar nicht besser erfinden", sagt ein Redakteur vom Verlag American Media, Vertreiber von solch verruchten Blättern wie dem "Globe", "National Enquirer" und dem "Star". Und ein Fotograf der Paparazzi-Agentur X-17 fügt hinzu: "Ich verdiene in dieser Woche soviel Geld wie sonst in sechs Monaten."

Live-Schalte zum Tattoo-Studio

Tatsächlich überstürzen sich derzeit die "Society-Ereignisse" in den USA. Smith ist tot, Spears auf dem besten Wege zur Selbstzerstörung, das macht Kasse, das bringt Schlagzeilen. Der familienfreundliche Disney-Sender ABC schaltet seit drei Tagen ununterbrochen live zum Friseursalon, um "Augenzeugen" vom Glatzen-Chaos der einstigen Popqueen berichten zu lassen.

Kameracrews aus der ganzen Welt haben sich auf den warmen Bahamas versammelt, um die Besucherströme im "Anna-Haus" filmen zu können. "Es ist völlig abstrus. Da stirbt eine junge Mutter und eine andere erliert die Kontrolle über ihr Leben. Und die Medien schauen zu, anstatt nach der Ursache zu forschen", sagt Carole Lieberman, Psychiaterin aus Beverly Hills. Ob denn keiner sehe, dass die 25-jährige Spears mit der Glatzen-Attacke nach Hilfe rufe, fragt die Expertin. Ob denn niemand erkenne, dass "unsere Gesellschaft nur noch an dem Augenscheinlichen, an der Tragödie, interessiert ist?"

Aus Britney Spears wird "Britney shears"

Sicher, antworten die Medienprofis. Aber die Odyssee eines Superstars von Los Angeles nach Antigua, ein misslungener Aufenthalt in einer Entgiftungsklinik und ein Rückflug in der Economy-Klasse nach Los Angeles, "ist halt besseres Schlagzeilenmaterial", sagt ein Nachrichtenchef der Zeitung "New York Post", der nach Britneys Scherenschnitt titelte: "Shear Madness" - Scheren-Wahnsinn. Und die Konkurrenz stand dem in nichts nach und machte aus Britney Spears "Britney shears" (Britney rasiert).

Da muss auch Tabloid-Königin Anna Nicole Smith mal für einen Tag auf Seite zwei rutschen. Selbst wenn Bodyguard "Big Moe" das großartige Geheimnis verrät, dass sie kurz vor ihrem Tod ständig ihren Namen gegoogelt habe im Hotelzimmer. Nun also geht es weiter im Zweikampf um die Schlagzeilen. Britney hat sich angeblich schon eine blonde Perücke zugelegt und habe am Wochenende "ganz entspannt" am Pool des Mondrian Hotels mit einigen Tänzern abgehangen, berichtet der TV-Sender ABC in aller Ernsthaftigkeit. Live-Schaltung vom Beckenrand folgt. Garantiert.