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Besuch bei Nadja Abd El Farrag: "Wenn ich tot bin, schreiben sie: 'Ach, die Arme'"

Besuch bei Nadja Abd El Farrag, die zum x-ten Mal versucht, ihr Leben zu ordnen und jetzt in einem Hamburger Hotel Unterschlupf gefunden hat.

Nadja Abd el Farrag

Als "Naddel" wurde sie bekannt: Nadja Abd el Farrag

Nadja Abd El Farrag sitzt im Garten eines Hamburger Hotels. Es ist schwül an diesem Nachmittag. Ihre spindeldürren Beine stecken in schwarzen Ugg-Boots, die mit Fell gefüttert sind. Sie trägt eine Schirmmütze, trinkt Cappuccino. Gerade war die 51-Jährige auf Mallorca. Hatte einen Auftritt in "Krümels Stadl" in Peguera. Eine "reine Promotiontour", also eine Reise, um sich ins Gespräch zu bringen und neue Auftraggeber anzulocken.

Doch das Presseecho ist alles andere werbewirksam. "Bohlen-Ex Naddel schockt mit Mallorca-Auftritt", höhnen die Blätter. Oder: "Naddels erster Arbeitstag am Ballermann. Offiziell gab’s nur Apfelsaft". Und: "Verwirrender Mallorca-Auftritt: Trinkt Naddel wieder?". Dazu Fotos, auf denen sie müde aussieht, unendlich müde.

"Es ist immer dasselbe", sagt Nadja Abd El Farrag. Sie sieht gut aus, ganz anders als auf den Fotos, wirkt wach und nüchtern. "Von mir werden 1000 Fotos geschossen, aber nur die schlimmsten werden veröffentlicht." Was war denn da los in "Krümels Stadl"? "Nichts", antwortet Nadja Abd El Farrag. "Ich habe Apfelsaftschorle getrunken. Und das Foto ist gephotoshoppt." Überhaupt die Presse. "Jetzt schreiben sie, dass ich ganz unten bin, bald von der Brücke springe. Und dann, wenn ich tot bin, schreiben sie: 'Ach, die Arme. Hätten wir ihr helfen können?'" Eine gute Frage.

Häme als Nadja Abd el Farrags ständiger Begleiter

Sie ist jetzt in diesem Hotel gestrandet, viel weiß, eingewachsener Garten. Darf bleiben, bis sie ihr Leben neu zusammengesetzt hat. Es ist der x-te Versuch Fuß zu fassen, nachdem ihr Lebensgefährte Dieter Bohlen sie 2001 verlassen hat. Nach der Trennung hat sie alles Mögliche gemacht, um Geld zu verdienen. Nadja Abd El Farrag hat ihre Biografie geschrieben ("Naddel tippt jetzt an einer Klarstellung gegen Dieter. Vorsicht!"). War bei "Big Brother" im Container ("Mit Naddel  ist es ein bisschen wie mit Herpes. Kein Mensch weiß, woher sie kommt. Und eigentlich mag sie auch keiner"). Versucht gerade mit RTL aus den Schulden rauszukommen ("Bohlens Ex lebt jetzt von Hartz IV").

Was sie auch macht, Häme, Spot, und Hohn sind ihr sicher. Eigentlich ist es wie früher in der Schule, als ihre Klassenkameraden "Igitt" schrien und sie beim Ringelpietz nicht anfassen wollten, weil Nadja Abd El Farrag schwarz ist. Nur dass sie jetzt nicht wegen ihrer Hautfarbe verhöhnt wird, sondern weil sie ihr Leben ohne Bohlen nicht auf die Reihe kriegt. Gerade heute habe sie eine Frau angesprochen, erzählt Nadja Abd El Farrag. "Die hat gesagt, 'der Bohlen, der hat doch Millionen, warum schenkt der dir keine Eigentumswohnung'? Früher habe ich ja immer gesagt, das mache ich nicht. Aber jetzt würde ich sie annehmen." Doch Dieter Bohlen habe sich in all den Jahren nicht gemeldet. "Egal, wie schlecht es mir ging."

Wollte sie nicht ein Buch darüber schreiben, dass Dieter Bohlen doch die Liebe ihres Lebens war? "Hat sich zerschlagen." Nadja Abd El Farrag wedelt mit der Hand durch die Luft. "Und dass Bohlen die Liebe meines Lebens war, ist quatsch. Das war die Idee der Frau, mit der ich das Buch schreiben wollte."

Mit der Wirtin von "Krümels Stadl" will sie nun eine CD aufnehmen. "Aber 'Zieh dich aus kleine Maus' singe ich nicht mehr." Zurzeit lebe sie von 400 Euro. 300 Euro gingen drauf für die Einlagerung ihrer Möbel, bis sie eine neue Wohnung gefunden habe. "Gar nicht so einfach, in Hamburg ist alles so teuer. Ich will nicht so weit raus."

Herr S. will ihr helfen

Herr S. setzt sich an den Tisch. Ihm gehört das Hotel, in dem Nadja Abd El Farrag seit einiger Zeit lebt. Sie muss hier keine Miete zahlen. Herr S. will seinen Namen und den seines Hotels nicht mehr in den Medien lesen. Er telefoniert mit der Psychologin, wenn sein Schützling den Termin für die Gesprächstherapie verpasst hat, versucht ihr Leben neu zu ordnen. Man nimmt ihm ab, dass er es gut meint. Doch wie lange wird Herr S. durchhalten? Es haben schon so viele versucht, Nadja Abd El Farrag zu helfen. Herr S. winkt ab. "Bakterien" seien das, die sich "bei Nadja immer wieder ansiedelten". Er meint damit die vielen falschen Freunde und Manager. Er war gegen den Auftritt in "Krümels Stadl". "Die sind jetzt bekannt. Nadja ist blamiert."

Er findet, dass sie "was Vernünftiges machen sollte, was mit Zukunft." Und sie? "Deko, Tiere, Pflege, könnte ich mir vorstellen", sagt Nadja Abd El Farrag. Doch dann erzählt sie von einem Altenheim, in dem sie sich vorgestellt habe. "Vorarbeiten, Praktikum und dann ist noch nicht mal sicher, ob die mich nehmen." Vielleicht, überlegt Herr S., sollte er ihr eine Ausbildung zur Tierpflegerin finanzieren. Bevor Nadja Abd El Farrag das Gymnasium schmiss, wollte sie Tierärztin werden. "Ich bin zu alt für eine Ausbildung. Drei Jahre, bis ich fertig bin. Und dann noch ein paar Jahre arbeiten bis zur Rente", hält Nadja Abd El Farrag dagegen. Zurück in ihren alten Beruf als Pharmazeutisch-kaufmännische Assistentin kann sie auch nicht mehr. Ihre Ausbildung ist zu lange her.

Vielleicht will sie gar keinen normalen Job. "Das Schlimme ist nicht die Armut, denke ich, es ist das Herausfallen aus der Glitzerwelt", schreibt Robert Kisch in seinem Roman "Möbelhaus". Es ist die Biografie eines preisgekrönten Journalisten, der keine Aufträge mehr kriegt. Um Geld zu verdienen, fängt er in einem Möbelhaus als Verkäufer an. "Ich verstehe inzwischen all diese C-Promis, die ihr letztes Hemd herschenken, wortwörtlich teilweise, die den letzten Strohhalm nutzen, sich gewissermaßen prostituieren, nur um irgendwie drin zu bleiben, in dieser Welt. In der Scheinwerferwelt. Weil es da aufregend ist. Das normale Leben ist tot. Und grausam."

"Ich denke positiv." Nadja Abd El Farrag sagt das jedes Mal, wenn man sie trifft. Man möchte ihr so gerne glauben, ihr Glück wünschen. Montag fliegt sie wieder nach Mallorca.