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Rosa Oktoberfest: Allein unter Schwulen

Wie fühlt sich ein Hetero-Mann unter 3000 Schwulen? Der stern hat auf dem Oktoberfest den Test gemacht. Proband Jan werden eindeutige Avancen gemacht. Am Schluss mit unerwartetem Erfolg.

Von Jens Maier, München

Feierte mit 3000 Schwulen auf der "Prosecco-Wiesn", steht aber sonst auf Frauen: Jan aus München

Feierte mit 3000 Schwulen auf der "Prosecco-Wiesn", steht aber sonst auf Frauen: Jan aus München

Vor Anmachen kann sich Jan kaum retten. "Du bist der schönste Mann im Zelt", sagt ein Typ, Mitte 30, mit zurückgegelten Haaren zu ihm. Schleimig wie seine Frisur schiebt er hinterher: "Dir würde ich gerne mal meine Hand in die Lederhose stecken." Mit zunehmendem Bier-Pegel fallen die Hemmungen. Origineller werden die Anmachsprüche dadurch nicht. Im Gegenteil. Es ist Prosecco-Wiesn, der schwule Montag auf dem #link;www.stern.de/oktoberfest;Oktoberfest#. Mehr als 3000 Homosexuelle feiern in der Fischer-Vroni unter sich. Zumindest fast. Denn Jan ist heterosexuell.

Der 25-jährige Münchner ist das, was Bayern als fesch bezeichnen: sportliche Figur, blaue Augen, sympathisches Lächeln. Doch Jan sieht nicht nur gut aus. Sein Abitur hat der 1,78 Meter große Judo-Kämpfer mit der Note 1,1 bestanden. Er studiert an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Latinistik, Anglistik und Italianistik, nebenbei verdient er sich als Moderator von kleinen Events etwas dazu und steht außerdem mit seiner eigenen Band "NoSpam" auf der Bühne. Kurzum, Jan kommt an - bei Frauen und Männern.

Damit ist er der richtige Kandidat, um mit ihm ein Experiment durchzuführen: Wie fühlt es sich an, als heterosexueller Mann unter 3000 Schwulen zu feiern? Viele Frauen beklagen sich auf dem Oktoberfest über aggressive Flirts von Männern, fühlen sich als Freiwild. Wie wird es Jan unter Schwulen ergehen?

Jan ist der Typ "entspannte Hete"

"Es ist eine sehr interessante Erfahrung ", sagt der Frauen- und Männerschwarm nach der ersten Stunde im Zelt. "Ich war noch nie zuvor am schwulen Montag in der Fischer-Vroni und bin überrascht, wie angenehm die Atmosphäre ist." Die Stimmung sei gelöst und weniger aggressiv als in anderen Festzelten. "Da muss man manchmal ja schon Angst haben, nicht in eine Bierkrugschlägerei verwickelt zu werden." Die Blicke der Männer empfindet er als Kompliment. "Mal schauen, was noch so passiert", sagt er.

Jan steht zwar auf Frauen, ist aber das, was Schwule eine "entspannte Hete" nennen. Viele heterosexuelle Männer haben ein Problem damit, von anderen Männern angemacht zu werden. Oft weil sie das nicht als Schmeichelei für ihr eigenes Aussehen verstehen, sondern als Beleidigung. Denn der Flirt impliziert in ihren Augen, sie könnten selbst schwul sein. Trotz Trend zum metrosexuellen Mann und zu Toleranz und Gleichberechtigung für einige eine Grenzüberschreitung. Nicht für Jan. Er geht locker mit den Avancen seiner Geschlechtsgenossen um.

Das ist auch gut so. Denn nicht alles was er zu hören bekommt, beschränkt sich auf Schmeicheleien. Je mehr Maß im Bierzelt fließen, desto eindeutiger werden die Angebote. Die beginnen meist mit "Ich finde dich total süß", und enden mit "Wollen wir knutschen?". Höflich aber bestimmt lehnt Jan ab. Auch die Offerte, in eine nahegelegene Wohnung auszuweichen, schlägt er aus. Als es Jan zu viel wird, greift er zu einer Notlüge. Zu den hartnäckigsten Bewerbern sagt er: "Ich habe einen Freund."

Jan knutscht - zur Enttäuschung der Mannsbilder

Doch bei der "Prosecco-Wiesn" geht es um mehr als um Flirts. "Es ist das Fest der schwulen Münchner Szene", sagt Enno, der seit Jahren am zweiten Oktoberfest-Wochenende in die Fischer-Vroni kommt. "Das fühlt sich an wie ein großes Familientreffen", erklärt er. Schwule und Lesben hätten hier einen Rückzugsort, an dem sie trashige Musik hören und sich selbst feiern könnten. Dazu gehört auch, dass am späten Abend eine Drag-Queen auftritt und ein Conchita-Wurst-Double "Rise Like A Phoenix" trällert. Dass sie dabei ihren Einsatz verpasst scheint keinen zu stören. Das ganze Zelt grölt mit.

Jan allerdings hat sich in eine Boxe an der Seite verzogen. Er knutscht. Zur Enttäuschung vieler Mannsbilder im Zelt nicht mit ihnen - sondern mit einer Frau. Nathalie, 27, aus Hannover hatte Glück. Sie wurde von einem der wenigen Hetero-Männer in der Fischer-Vroni angesprochen. Jan glaubt, in einem anderen Zelt hätte er sich das vermutlich nicht getraut. "Da sind Frauen von den dummen Anmachsprüchen der anderen schon so genervt, dass sie irgendwann dicht machen", sagt er. Insofern sei die "Prosecco-Wiesn" auch für heterosexuelle Männer ein Geheimtipp. Jan möchte im nächsten Jahr jedenfalls wiederkommen. Oans, zwoa, Stößchen.

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