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Kommentar zum Oktoberfest: Uringestank und verknotete Leiber

Einmal im Jahr wird das Oktoberfest zum Mittelpunkt der guten Laune. Doch nicht alle freuen sich über die feschen Madln und Buam. Besonders die nicht, die nüchtern sind. Kommentar eines genervten Anwohners.

Von Björn Scheele, München

Die Achse des Deliriums legte vor drei Monaten ihre Auspizien in meinen Augenwinkel. Jeden Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, stahl dieser düstere Metallcontainer ein Stück Sonnenlicht und warf den ersten Schatten auf die Theresienwiese. "Hippo" stand weiß gekrakelt auf der Seite des Containers. Innen drin steckte der Keim, der jetzt mein Leben bestimmt - meinen Arbeitsweg, meine Laufstrecke, meine Nachtruhe.

Erst wuchsen die Festzelte in den blauweiß rautierten Bayernhimmel, danach fuhren die Fahrgeschäfte auf und durchkreuzten meinen morgendlichen Weg ins Büro. Aus "Hippo" entfaltete sich das Hippodrom, dieses berühmte Bierzelt, in dem sich High und Down-Society gegenseitig auf die Schenkel klopfen oder ins Dekolleté schielen. Die Wiesn hat begonnen. Nichts geht mehr, und ich versuche im Dunstkreis der Zelte zu überleben.

Uringestank und Erbrochenes

Drei Schläge auf den Zapfhahn und "O'zapft is" besiegelten meinen Alltag, der zusammen mit dem Gerstengold den Bach hinunterlief. Ich mittendrin und ungewollt dabei. Ab jetzt wird gehoben, gegrabscht, gepöbelt und verprügelt. All das im Namen der Tradition: Und die läuft durch die Kehlen und oftmals aus gleicher Öffnung wieder hinaus. Plötzlich verstopfen Menschenströme meine Wege. Die einen gehen hin, die anderen torkeln zurück. Meinen Fahrradreifen ging schon dreimal die Puste zwischen den Scherbenresten aus. Singversuche durchschneiden den Schlaf und der Geruch von Erbrochenen kriecht mir morgens am Radständer in die Nase.

Den Feiernden vernebelt die Wiesn die Sinne, mir prügelt sie auf die Stimmung ein. Ich stolpere jeden Tag über die Reste, die das Fest an seine Ränder spuckt. Vor meiner Haustür schlummern Wiesngänger. Mit verdrehten Gliedern knoten sich die Ausrauschenden in meinen Haustürrahmen. Am Abend vorher schmetterten noch totgesagte Hits auf die Schunkelden ein. Zusammen mit "Marmorstein und Eisen bricht" bogen sich die Bierbänke. Manche taten es auch dem Lied gleich und gaben unter den Bierliebenden nach. Jetzt liegen sie hier. Erst war ich noch nett, versuchte sanft über sie hinweg zu steigen. Nun schubse ich. Andere schaffen es nicht soweit. Die Gestrandeten, die das Bier an den Rand der Wiesn schwemmte, liegen regungslos im Gras. Egal ob die Sonne scheint oder es regnet.

An die Scherben habe ich mich gewöhnen können, ebenso an den Uringeruch in den Hausecken. Nur das Erbrochene, in all seinen Farben und Formen, das macht mir noch Probleme. Mal mit Mandelsplittern, Geschnetzeltem oder als beige schimmernde Qualle. Nein, daran will ich mich nicht gewöhnen.

In drei Schritten zum Wiesnglück

Ein Spießrautenlauf über den Festplatz zeigt worum es geht: Erstens: Frau/Mann kauft sich, für mehr oder minder viel Geld, ein Kostüm. Entweder ein Dirndl, das zünftig weibliche Argumente freilegt. Oder die Lederhosen, auf der schon eine Hendlfett-, Bier- und Urin-Patina schimmert. Natürlich nimmt sich der Verkleidete in seiner Saufuniform wahnsinnig ernst. Man fühlt bayrisch - selbst mit australischem Akzent.

Zweitens: Trinken. Die Wenigsten sind nüchtern. Das macht allein schon die Menge einer Maß aus. Hinterfragen? Fehlanzeige, oder würden Sie einen Liter Wasser, Milch oder Orangensaft in sich hineinschütten? Nein? Auf der Wiesn kippen Sie, nur eben Bier. Die Vernunft sollte vorsorglich mit den Euros im Portemonnaie angeglichen werden. Wenn nicht, spült sie sich spätestens mit der zweiten Maß aus dem Körper. Nüchtern halten es nur die aus, die am Ponystand Kreise drehen und nicht älter als 12 Jahre sind.

Drittens: Anbandeln. Klingt niedlich, bedeutet aber meist nichts anderes als grabschen und Distanzlosigkeit. Von beiden Seiten versteht sich. Viertens: Nach Hause kommen. Wie auch immer, meist über Umwege, mit langen Pausen und kurzen Nickerchen in der Öffentlichkeit. All diese Punkte sind schlecht verpackt zwischen Achterbahnen, Zuckerwatte und Blasmusik.

Auch der Wiesnfeind muss mal ran

Aber auch ich muss ran: Heute Abend werde ich meine Feuertaufe mit Bier erleben und löschen. Die Freundin wartet schon in der Wohnung, im Dirndl. Sie wird mich hetzen, mich in die Tracht jagen. Ja, auf geht's zur Wiesn und auf allen Vieren zurück. Hoffentlich schaffe ich es durch den Türrahmen.

Von Außen scheint die Wiesn nur ein Freifahrtsschein fürs Danebenbenehmen zu sein. In ihr drin, steckt sie an: Mit Bier und guter Laune.

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