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Moderatorin, Autorin, Milliardärin : Oprah, Madam President - eine Talkshow-Tante im Oval Office?

Seit ihrer großen Rede bei den Golden Globes halten Millionen Amerikaner Oprah Winfrey für eine mögliche Nachfolgerin von Donald Trump. Wer ist diese Frau?

Von Christine Kruttschnitt

Oprah Winfrey als nächste US-Präsidentin? – Porträt einer Aufsteigerin

Aus kleinsten und traurigsten Verhältnissen an die Spitze der amerikanischen Gesellschaft: Oprah Winfrey, 63, geboren in Kosciusko, Mississippi

Wird sie tatsächlich kandidieren? "Nun, ich bin berühmt und damit qualifiziert!", schnappt Amerikas erfolgreichste schwarze Unternehmerin. "Und anders als Trump bin ich tatsächlich Milliardär!" Was ihre Motivation sei, will der Interviewer jetzt wissen. "Zuerst muss ich die weißen Frauen wieder auf Kurs bringen", erwidert sie aufgebracht. "Seit dem Ende meiner Talkshow sind die völlig außer Kontrolle – und haben Trump gewählt!" Gibt es jemanden, fragt der Interviewer schließlich, der sie noch schlagen könnte? "Brot", gibt die Kandidatin zerknirscht zurück. "Da werde ich immer schwach. Ich darf keinesfalls gegen einen Brotkorb antreten."

Als am Wochenende in der Comedyshow "Saturday Night Live" die Komikerin Leslie Jones in gleich zwei Sketchen Oprah Winfrey spielte, fand die US-Fernsehnation das saukomisch – und kein bisschen lächerlich. Denn die Frage, ob die Mediengröße Winfrey tatsächlich ins Weiße Haus strebt und welche Chancen sie dabei hätte, diskutieren derzeit ganz ernsthaft auch Parteianalysten und Polit-Kommentatoren. Sie kommen dabei zum gleichen Ergebnis wie die Gag-Schreiber: Sooo verrückt, wie es im ersten Moment klingt – eine Talkshow-Tante im Oval Office?! –, ist das Ganze gar nicht; sitzt dort doch schon ein Reality-TV-Onkel.

"Ein neuer Tag wird anbrechen!"

Die "New York Post" erklärte Oprah Winfrey bereits im September zur "besten Hoffnung der Demokraten für 2020". Der Autor schrieb: "Es ist Unsinn anzunehmen, Trump könne geschlagen werden von einem konventionellen, seriösen Kandidaten. Um einen Dieb zu fangen, braucht es einen Dieb." Ein hochrangiger Republikaner sekundierte: "Nur ein Star kann es mit einem Star aufnehmen. Einer, der größer ist als Donald Trump."

Die Verleihung der Golden Globes wurde am 7. Januar zu Oprah Winfreys großer Bühne

Die Verleihung der Golden Globes wurde am 7. Januar zu Oprah Winfreys großer Bühne

Ein größerer als Winfrey wird sich nicht finden. Die 63-Jährige, die zu ihren Hoch-Zeiten mit der "Oprah Winfrey Show" täglich 13 Millionen Haushalte erreichte, hatte sich Anfang Januar bei der "Golden Globes"-Preisverleihung mit einer Rede ins Gespräch gebracht, die mittlerweile als "historisch" gefeiert wird; in den USA geht so etwas schnell. Oprah Winfrey hatte darin die Pressefreiheit, Zivilcourage im gespaltenen Amerika sowie das Engagement der #MeToo- und #timesup-Bewegung gegen übergriffige Männer gerühmt. Als sie der begeisterten Hollywoodelite "Ein neuer Tag wird anbrechen!" entgegenrief, klang das wie der Slogan fürs Wahlkampfkäppi.

Gerade jetzt, wo die Nation das Vertrauen in zwei ihrer mächtigsten Institutionen verloren hat – Hollywood entpuppt sich als krimineller Sumpf, die Regierung in Washington scheint bar jeder Integrität –, tut Versöhnung à la Oprah gut. Sie ist ein Spiegelbild von Trump – nur grandioser. Und gleichzeitig steht sie für die Anti-Bewegung, die das ganze Land erfasst: Sie ist schwarz, er weiß; sie ist eine Frau und er nicht nur ein Mann, sondern sogar einer, dem sexuelle Belästigung vorgeworfen wird. Sie vertritt klare liberale Positionen – er tweetet, was immer ihm in den Un-Sinn kommt.

Oprah Winfrey mit Schauspieler Sean Penn im haitianischen Flüchtlingscamp

Oprah Winfrey mit Schauspieler Sean Penn im haitianischen Flüchtlingscamp

Wäre kurz nach den Golden Globes gewählt worden, so ergab eine Umfrage, hätten die USA nun wohl doch eine "Madam President". Und zwar eine, die als Politikerin so unerfahren wäre wie Trump bei seinem Amtsantritt. Die noch nie ein öffentliches Amt bekleidet hat. Auch auf sie würde zutreffen, was ihr Freund Barack Obama vor Trumps Wahl gesagt hat: Wer in ein Flugzeug steigt, der möchte, dass der Pilot sich mit der Fliegerei auskennt. Wer sich im Krankenhaus operieren lässt, der möchte, dass der Chirurg Medizin studiert hat. Aber in Amerikas Politik gelten inzwischen andere Regeln. Da kann man es mit Starqualitäten weit bringen.

Wobei die Alte Welt sich mit dem Charme der großen O. ein wenig schwertut. Zuletzt geisterte die Milliardärin aus Mississippi hierzulande mit "Täschligate" durch die Medien: jenem unglückseligen Besuch in einer Züricher Boutique, wo Oprah Winfrey nach einer Krokoledertasche verlangte und die Verkäuferin ihr angeblich in knautschigem Englisch zu verstehen gab, die sei zu teuer. Winfrey – angereist zum Hochzeitsfest ihrer Freundin Tina Turner – witterte Rassismus und rauschte von dannen. Die Schweiz bat um Entschuldigung, bis Winfrey schließlich meinte, das Ganze sei aufgebauscht (als leidenschaftliche Tierschützerin hätte sie das Täschli ohnehin nicht einpacken dürfen).

Große Neugier, robuster Humor

"Zu teuer" ist für Oprah Winfrey erst mal gar nichts. Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" schätzt ihr Vermögen auf 2,8 Milliarden Dollar; sie ist die einzige schwarze Frau auf der illustren Liste der amerikanischen Superreichen. Ihre Einkommensquellen sind vielfältig – sie hat eine Film- und Fernsehproduktionsfirma, sogar einen eigenen TV-Sender, gibt eine Zeitschrift heraus, hat fünf Selbsthilfe- und Diätbücher veröffentlicht, besitzt Häuser und Ländereien in Kalifornien, Colorado, auf Hawaii; mit dem Lebensmittelkonzern Kraft Heinz füllt sie Supermarktregale mit Suppen, und Klamotten verkauft sie sowieso. 2015 erstand sie "Weight Watchers"-Papiere, die heute das Achtfache wert sind – rund 365 Millionen Dollar. Auch am Tag nach ihrem Golden-Globes-Auftritt schossen die Aktien in die Höhe – Oprah, die ein Leben lang öffentlich mit ihrem Gewicht gekämpft hat und immer wieder ihre tragische Liebe zu Teigwaren in tränenreichen Talkshow-Episoden bekannte, sah an diesem Abend nämlich bombig aus. "Unser Top-Alphaweibchen", schrieb die feministische Kolumnistin Maureen Dowd ergriffen.

Barack Obama verlieh ihr 2013 die Freiheitsmedaille des Präsidenten

Barack Obama verlieh ihr 2013 die Freiheitsmedaille des Präsidenten

Natürlich kennt sie all die Promis, die nun in der #MeToo-Debatte als Täter auftauchen. Von ihr und dem notorischen Harvey Weinstein existieren Bilder, auf denen sie sich drücken und herzen. Aber wirklich anhaben konnte das dem Mythos der O. nichts. Genährt wird er von ihrer Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen: Der amerikanische Traum begann in Kleidern aus Kartoffelsäcken.

Oprahs Mutter war ein Teenager, der zeitweise von Sozialhilfe lebte, die Schwangerschaft ein Versehen, die Geburt der kleinen "Orpah" mehr oder weniger ein Unglück (der biblische Vorname wurde, weil keiner ihn aussprechen konnte, später umgemodelt). Das ungewollte Kind wächst zunächst beim senilen Großvater und der überforderten Oma auf. Oprah lernt mit drei Jahren lesen, in der ganzen Gegend findet sie keine Spielkameraden. Das Alleinsein, sagt sie, hat sie geprägt. Sie lernt, dass sie nichts wert ist. Später, in ihrer Sendung, wird sie predigen: "Es ist wichtig, herauszufinden, wann man 'programmiert' wurde, damit man dieses 'Programm' ändern kann. Erwarte von niemandem, dass er dich glücklich macht. Nur du selbst kannst das." Amen.

Oprah mit Südafrikas Freiheitshelden Nelson Mandela

Oprah mit Südafrikas Freiheitshelden Nelson Mandela

Mitte der 80er Jahre beginnt sie mit Trash-TV. Lädt Paare ein, die sich vor der Kamera anschreien, bringt betrogene Ehefrauen zum Heulen. Einmal ist der Filmkritiker Roger Ebert in ihrer Sendung: Er erinnert sich an einen vegetarischen Koch und vier Zwerge, die als Erdhörnchen verkleidet sind und in Hula-Hoop-Reifen Weihnachtslieder singen. Der Koch verspritzt Zucchinimus auf der Gästecouch; Oprah dreht in einer Werbepause ungerührt die Kissen um. Sie ist praktisch, handfest, bodenständig.

Mit einem ihrer Boyfriends raucht Oprah Winfrey Crack

"Was ihr an journalistischer Härte fehlt", schreibt damals "Time" über die junge Fernsehsensation, "macht sie wett durch Neugier, robusten Humor und vor allem Einfühlungsvermögen. Manchmal weint sie mit ihren Gästen zusammen – und die erzählen im Gegenzug Dinge, die sie niemals, schon gar nicht im Fernsehen, preisgeben wollten. So wird die Talkshow zur Gruppentherapie."

Oprah Winfrey feierte mit Tina Turner

Oprah Winfrey feierte mit Tina Turner

Als sie in einer Sendung mit Opfern sexueller Gewalt spricht, fängt sie selbst hemmungslos an zu heulen, erzählt von ihrem 19-jährigen Cousin, der sie vergewaltigt hat, da war sie gerade neun Jahre alt. Über lange Zeit sei sie missbraucht worden: auch von einem Onkel und einem "Freund der Familie". Mit 14 Jahren bekommt sie ein Baby, das nach wenigen Tagen stirbt. Winfreys Kindheit, so offenbart sie in vielen Interviews, war hart.

Ihre Mutter bekommt drei weitere Kinder, zwei davon sind heute tot, an den Folgen von Aids und Drogen gestorben. Erst 2010 erfährt Oprah Winfrey, dass sie noch eine Halbschwester hat, die zur Adoption freigegeben wurde. Sie spricht nicht viel über ihre Familie und will auch nicht, dass die mit den Medien redet. Die Prominenten-Biografin Kitty Kelley, die 2010 gezwungenermaßen um Oprah Winfrey herumrecherchierte für deren Lebensgeschichte, wurde boykottiert: Larry King zum Beispiel, damals Talk-Gott bei CNN, weigerte sich, das Buch in seiner Sendung vorzustellen, weil er es sich mit seiner Freundin Oprah nicht verscherzen wollte.

Oprah Winfrey mit dem legendären Late-Night-Talker Larry King

Oprah Winfrey mit dem legendären Late-Night-Talker Larry King

Dabei war Kelley "voll Bewunderung" für ihr Sujet. "Eine bemerkenswerte Frau, hoch kompliziert und widersprüchlich. Auf der einen Seite großmütig und großherzig. Auf der anderen kleinlich, egozentrisch. Sie hat eine warme Seite – und kann eiskalt sein. Sie ist einzigartig, und sie hat Amerika immens geprägt, gerade indem sie versucht hat, die Gesellschaft zu verändern."

In einer Rede vor Studenten der Stanford-Universität versichert Oprah Winfrey: "Ich bin in meinem Innersten intakt. Ich weiß, dass mein Leben großartig ist." Es habe Zeiten gegeben, in denen sie ihren Selbstwert daran maß, ob Männer sie liebenswert fanden. "In meinen Zwanzigern gab es keinen Unterschied zwischen mir und einem Fußabstreifer." Mit einem ihrer Boyfriends raucht sie Crack, einen anderen schließt sie, als er sie verlassen will, in der Wohnung ein. Ohne Mann, glaubt sie, ist sie nichts wert.

Gegner nennen sie Schamanin

1986 lernt sie Stedman Graham kennen. Er schreibt Selbsthilfebücher über Marketing, Teenager, Identitätsfindung. Irgendwann wollen die beiden heiraten, finden es heute aber prima, es nicht getan zu haben. Er ist immer an ihrer (einen) Seite. Auf der anderen: ihre Freundin Gayle King, mit der sie an "O", ihrer Monatsillustrierten, arbeitet und die als Moderatorin einer Fernseh-Frühstücksshow der Öffentlichkeit nun als Orakel für Oprahs Polit-Ambitionen gilt ("Ihr gefällt die Idee ...").

Oprah Winfrey mit New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani nach dem Terroranschlag 2001

Oprah Winfrey mit New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani nach dem Terroranschlag 2001

Oprah indes nennt es ihre "Bestimmung, Menschen zu sich selbst zu führen". Früher hat sie das so ausgedrückt: Sie sei ein Instrument Gottes. "Ich bin sein Botschafter. Meine Sendung ist meine Kirche." Kein Wunder, dass New Yorks Bürgermeister Rudy Giuliani sie zwölf Tage nach dem Anschlag auf das World Trade Center bat, im Yankee-Stadion eine öffentliche Trauerfeier abzuhalten.

Kathryn Lofton, Professorin für Religionswissenschaften, hat ein Buch über Winfreys spirituelle Mission geschrieben ("The Gospel of an Icon") und nennt ihr Studienobjekt "eine moralische Instanz". Kritiker indes halten sie für eine postmoderne Schamanin, die gern mal auf New-Age-Humbug reinfällt. Auf "The Secret" zum Beispiel, die Autosuggestions-Bibel von 2006: Darin behauptet die Autorin, wenn man sich etwas nur intensiv wünscht – seien dies lange Beine oder die neue Hermès-Tasche –, dann gehe der Wunsch auch in Erfüllung; Winfrey promotete den Bestseller heftig.

Für ihre Fans ist sie eine Freundin, die sie mit ins Reich der Meditation und Selbsterkenntnis nimmt. Sie predigt von kleinen "Aaaaahhh"-Momenten, die sich jeder schaffen sollte: Jeden Nachmittag um vier trinkt sie ihren Chai mit aufgeschäumter Mandelmilch, "um meine Batterien aufzuladen, wieder zu mir selbst zu finden".

Ihre Glücksmomente sind ganz einfach: mit den Hunden im Wald spazieren, ihr selbst gezogenes Gemüse ernten. Sie freue sich über den Grünkohl und über ihre Radieschen, "dick wie Affenärschchen". Dass dieses simple Glück sich auf ihrem 170.000 Quadratmeter großen Anwesen in Montecito bei Santa Barbara entfaltet, sei ihr wohl bewusst: "Ja, ich habe viel Geld für dieses Grundstück ausgegeben. Aber es vergeht kein Tag, an dem ich nicht dankbar bin und mich glücklich schätze, hier zu leben." Die südkalifornischen Schlammlawinen haben das Paradies gerade schwer verwüstet. 2006 feierte Oprah Winfrey dort eine legendäre Drei-Tage-Sause mit Alicia Keys und anderen berühmten Freunden. Im Goodie-Bag zum Abschied warteten für die weiblichen Gäste kleine Diamantohrringe.

170.000 Quadratmeter groß ist das Anwesen im kalifornischen Montecito, unweit von Santa Barbara

170.000 Quadratmeter groß ist das Anwesen im kalifornischen Montecito, unweit von Santa Barbara

Oooh, überhaupt Winfreys Großzügigkeit: Ihr Studiopublikum ging in der Regel reich beschenkt nach Hause. Mit Toastern oder Kleinwagen oder Flugtickets nach Australien. In Südafrika investierte sie 40 Millionen Dollar in eine Mädchenschule, und auch nach Naturkatastrophen wie Hurrikan "Katrina" greift Oprah Winfrey in der Regel tief in die Tasche.

 "Oprah-Effekt" als Wirtschaftsfaktor

Dabei kann sie auch ohne Geld viel bewirken. Wen sie lobt, der wird profitieren. Nicht nur die Hausfrauen des Landes – aber die vor allem – hängen an ihren Lippen. Lest Faulkner!, ruft Winfrey, und längst vergriffene Werke toppen die Bestsellerlisten. Esst weniger Rind!, ruft Winfrey, und die Fleischindustrie sieht sich nach dramatischen Verlusten gezwungen, die Moderatorin gar auf Schadensersatz zu verklagen (geschehen 1998; erfolglos). Der "Oprah-Effekt" ist ein Wirtschaftsfaktor.

Stedman Graham ist seit mehr als 30 Jahren an Winfreys Seite

Stedman Graham ist seit mehr als 30 Jahren an Winfreys Seite

Ein Politikum ist er auch. In einem Interview mit dem Wirtschaftssender Bloomberg sagte Oprah Winfrey nach Trumps Wahl: Sie sei mehrfach gefragt worden, ob sie ihren Hut nicht in den Ring werfen wolle. Vor Trump habe sie gedacht: Oh nein, mir fehlt die Erfahrung, ich weiß einfach nicht genug!

Und jetzt?, fragt der Interviewer.

Sie lacht. "Jetzt denke ich: Oh. Oh!"

Jeden Tag, schreibt sie in ihrem Buch "Was ich vom Leben gelernt habe", könne man sich doch entscheiden, ob man aus voller Lust leben oder ängstlich in der Ecke sitzen wolle. Jeder Tag biete die Möglichkeit, aus den Schuhen zu schlüpfen und zu tanzen und Spaß zu haben ... "Und wenn du die Wahl hast zwischen tanzen oder rumsitzen, kann ich nur hoffen, dass du tanzt", neckt sie ihre Leser.

Warten wir mal ab, ob sie tanzt.

Vor einer blauen Wand mit "Golden Globe Awards"-Logos hält Oprah Winfrey ihre Trophäe in die Kameras
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