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Prozessauftakt: Zirkus der Unschuld

Michael Jackson hat seinen ersten Gerichtstermin zum Vorwurf des Kindesmissbrauchs in eine beispiellose Show verwandelt. Nachdem er sich für "nicht schuldig" erklärt hatte, feierte er mit seinen Fans auf der Neverland-Ranch.

Michael Jackson hat seinen ersten Gerichtstermin zum Vorwurf des Kindesmissbrauchs, bei dem er sich für "nicht schuldig" erklärte, in eine beispiellose Show verwandelt. Nie zuvor in der US-Justizgeschichte hat sich ein angeklagter Star derart provozierend für den Richter und die Staatsanwaltschaft von hunderten eigens herbeigerufenen Fans feiern lassen.

"Der Mann ist halt ein Entertainer, kein Jurist", sagte Jacksons neuer zweiter Verteidiger Ben Brafman, ein bekannter Mafia- und Staranwalt, als der Sänger am Freitag vor dem Gericht der kalifornischen Kleinstadt Santa Maria auf das Dach eines Autos stieg, unter dem Jubel von rund 600 Leuten Kusshände verteilte und wie einst auf der Bühne tänzelte. Die TV-Bilder dieser "Autonummer" gingen um die Welt. "Soviel Beifall hat er seit Jahren nicht erlebt", sagte ein Fernsehreporter. Die Jackson-Familie hatte an Michael-Fans appelliert, in Santa Maria gegen die Anklage zu protestieren.

Fans feiern auf Neverland-Ranch

Zu einer "Feier der Unschuld", wie seine Leibwächter von der dubiosen Organisation "Nation of Islam" es nannten, lud der Popstar seine angereisten Anhänger schließlich auf die 30 Autominuten entfernte Neverland-Ranch ein - in unmittelbarer Nähe des mutmaßlichen Tatorts. "Wir durften mit dem Kinderkarussell fahren und den Zoo anschauen", freute sich Fansprecherin Diana Dalo aus Italien. "Wir waren hunderte, wenn nicht gar eintausend. Michael ließ Speisen und Getränke auffahren", sagte sie.

Dani (25) aus Berlin erzählte: "Man konnte in den Amüsement-Park gehen und die ganzen Attraktionen mitmachen." Die Fans hätten "das Haus mit den Spielautomaten" besuchen können. Im Kino der Ranch sei Peter Pan gezeigt worden.

Jackson plädiert auf "nicht schuldig"

"Nicht schuldig" hatte Jackson wenige Stunden zuvor noch mit zarter Stimme im Gerichtssaal gesagt. Jackson wies damit offiziell alle neun Anklagepunkte zurück. Sieben Mal hat er nach Überzeugung von Staatsanwalt Tom Sneddon einen 13-Jährigen in seinem Schlafzimmer sexuell missbraucht. Zwei Mal habe er ihn dafür unter Alkohol gesetzt.

"Alles Lüge", war auf Plakaten zu lesen. Die Busse, mit denen die Fans und die Spruchbänder aus Los Angeles und Las Vegas nach Santa Maria gebracht wurden, bezahlte nach Angaben von US-Medien niemand anderes als Michael Jackson. "Der Zirkus nimmt seinen Lauf", kommentierte der vom Sender CNN für die Beobachtung des Verfahrens engagierte Jurist Christopher Darden. Er war einer der Staatsanwälte, die vor rund zehn Jahren vergeblich versucht hatten, dem Football- Star O.J. Simpson einen Doppelmord nachzuweisen. "Damals war der Rummel groß, aber dies stellt alles in den Schatten", sagte Darden. "Auch Simpson hatte ein 'Dream Team' von cleveren Anwälten."

"Sitzplatz-Lotterie" im Gerichtssaal

Was die Kameras nicht zeigen konnten, weil Richter Rodney Melville sie verbannt hatte, waren die teils grotesken Szenen, die sich im Gerichtssaal selbst abspielten. Neben Reportern saßen 60 Jackson-Anhänger auf den Zuschauerbänken. Sie verdankten ihre Anwesenheit einer "Sitzplatz-Lotterie". Viele trugen dunkle Sonnenbrillen wie Jackson sowie Perücken mit langem schwarzen Kunsthaar und schwarze Hüte. Die meisten hatten T-Shirts an, auf denen die "Unschuld" des Stars verkündet wurde.

Als Jacksons Millionärs-Familie wie bei einer Filmpremiere nach und nach den Saal betrat, standen die Fans jeweils auf und applaudierten. Beifall für den Vater, für die Mutter, für Schwester Janet und für Bruder Jermaine. Stehende Ovationen für Michael - bei einer Verhandlung, deren Thema der Verdacht auf sexuelle Schändung eines Kindes war. Richter Melville kochte. "Unterlassen sie das, dies ist ein Gericht."

"Eine Beleidigung des Gerichts"

Aber dann fand der Richter seine Ruhe wieder. Zwar wies er Jackson wegen dessen 20-minütiger Verspätung scharf zurecht ("eine Beleidigung des Gerichts"), aber Melville zeigte auch einen hollywoodreifen Sarkasmus. Als der Angeklagte über seinen Chefanwalt Mark Geragos schon nach kurzer Zeit darum bat, die Toilette benutzen zu dürfen, nickte Melville das mit dem Hinweis ab: "Kontrollieren Sie aber künftig ihre Flüssigkeitsaufnahme. Wir müssen hier alle eine gewisse Zeit durchhalten."