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Public Viewing von Kate und William: Deutsche im royalen Hochzeitstaumel

Viele Deutsche haben die Hochzeit von Kate und William zum Happening genutzt, manche Mittagspause fiel XXL aus. Ein Streifzug zu den Public Viewings in Kneipen und Kinos.

Von Friederike Ott

Linda Struck sitzt in der überfüllten englischen Kneipe Kemp's Pub am Mittelweg in Hamburg. Überall um sie herum schauen William und Kate von Union-Jack-Plakaten, die an den Wänden aufgehängt sind. Tee wird in Union-Jack-Tassen serviert, es gibt Newcastle Brown und London Pride aus Fässern und englisches Frühstück. Selbst die Uhren hier gehen anders als draußen. Sie zeigen die britische Zeit an – eine Stunde früher. Schon um elf Uhr deutscher Zeit ist das Pub so überfüllt, dass die Leute draußen stehen müssen. Manche schauen durch die Scheiben auf die riesige Leinwand, auf der die Hochzeit live übertragen wird.

Nicht nur im Kemp's - quer durch die Republik verfolgen Millionen Deutsche das Spektakel. Die royale Trauung ist ein Happening für viele. Ob Berlin, München oder Hamburg: Viele Pubs, Restaurants und Hotels sind ganz auf die britische Hochzeit eingestellt und bieten Besuchern ein Royal Viewing auf riesigen Leinwänden. In vielen Betrieben herrscht der Ausnahmezustand: Mitarbeiter verfolgen das Ereignis auf dem Fernseher, Chefs verlängern großzügig die Mittagspausen.

"Ich wünsche mir, dort zu sein"

Linda Struck muss ihren Chef nicht nach einer längeren Mittagspause fragen. Sie kann frei über ihre Zeit entscheiden, denn sie ist selbständige Übersetzerin, und so widmet sie ihren Tag ganz der Hochzeit von William und Kate. Sie trägt ein schwarzes Kleid mit kleinen bunten Punkten und eine pinkfarbenen Hut. Sie ist Vorsitzende des British Clubs in Hamburg. Vor ihr steht ein Korb mit britischen Fähnchen, Union-Jack-Servietten, Feuerzeugen und Schlüsselanhängern mit dem Konterfei des royalen Paars. "Die habe ich aus England mitgebracht", erzählt sie. "Es war ein ganzer Koffer voll." Sie verkauft die Artikel im Kemp's. Das Feuerzeug kostet fünf Euro, der Schlüsselanhänger vier, die Fähnchen zwei Euro pro Stück.

Um sie herum sitzen etwa 20 Mitglieder des Clubs. Sie verfolgen die Hochzeit auf der Leinwand. "Es ist schön, all den Prunk und die Traditionen zu sehen", schwärmt sie. "Das ist ein kleines Highlight in der sonst so tristen Nachrichtenwelt." Sie hat sich entschieden, nicht in ihre Heimat England zu fahren. Aber jetzt, wo sie das bewegende Ereignis im Fernsehen sieht, bekommt sie doch ein wenig Sehnsucht. "Gerade wünsche ich mir schon, dort zu sein", sagt sie. Sie ärgert sich zudem über den Übersetzer, der immer dazwischenquatscht. "Man konnte das 'I will' gar nicht hören. Die sollten das lieber lassen mit der Übersetzung. Es weiß doch eh jeder, was da gesprochen wird."

"Sie meistert das so fabelhaft"

Kate erscheint in ihrem Brautkleid auf der Leinwand. "Sie meistert das so fabelhaft", sagt Struck, die neben ihrem Ehemann sitzt, mit dem sie seit fast 40 Jahren verheiratet ist. "Als wäre sie dafür geboren. Man glaubt gar nicht, dass sie ein bürgerliches Mädchen ist." Wenn sie, Linda Struck, da stünde, würde sie am ganzen Körper zittern, bei zwei Milliarden Zuschauern weltweit, gesteht sie. "Ich glaub, an Kates Stelle hätte ich eine ganze Pulle Baldrian geschluckt."

Im Gegensatz zum Kemp's wirkt das "Cinemaxx" am Dammtor auf den ersten Blick wie ausgestorben. Nur ganz hinten, in Saal Nummer drei, steigt eine Party. Rund 170 Gäste sitzen hier und schwenken britische Fähnchen, während sie gebannt auf die Leinwand starren. Einige Frauen haben kleine goldene Kronen auf dem Kopf. Ein permanentes Gemurmel geht durch den Raum. Nicht nur in Hamburg – in 15 weiteren deutschen Städten überträgt der Kinokomplex die Hochzeit live.

Ganz oben links sitzt Kerstin Bardenhagen. Die 45-Jährige hat ihre blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. In der Hand hält sie eine kleine Flasche Pommery. Sie war im Eintrittspreis von neun Euro enthalten. "Ich hatte heute frei", erzählt sie. "Aber wenn ich nicht freigehabt hätte, hätte ich mir freigenommen. Ich will die Show nicht verpassen. Dieser ganze Prunk, einfach traumhaft. Das kriegt nur das britische Königshaus hin."

Wetten, die Queen trägt gelb?

Nicht weit entfernt sitzt eine Britin, die ihren Namen nicht verraten will, weil sie eigentlich arbeiten müsste. "Ich mache meine Mittagspause von halb elf bis halb zwei", sagt sie und lacht. Auf dem Bildschirm erscheint die Queen, ein zustimmendes Raunen erfüllt den Saal, die Fähnchen wirbeln ein bisschen schneller. "Ich hab mir schon gedacht, dass sie gelb trägt. In England wetten wir, was die Queen trägt. Ich hätte gewonnen."

Sie blickt auf die Leinwand. "Ein Alptraum, so eine Schleppe zu tragen", sagt sie mit englischem Akzent. "Sie ist bestimmt froh, wenn das vorbei ist." Auf dem Bildschirm wird Kate von ihrem Vater in den Westminster Abbey geführt. Im Kinosaal herrscht Totenstille. "Uh, ich hab eine Gänsehaut", flüstert sie und fügt hinzu: "Das muss man nicht verstehen."

Während es vielen Deutschen so geht wie der Britin im "Cinemaxx", muss eine vorerst auf eine Gänsehaut verzichten: Kanzlerin Angela Merkel hat keine Zeit, die Hochzeit von William und Kate in London live am Bildschirm zu verfolgen. Doch ihr Sprecher Steffen Seibert sagte, sie werde es sicherlich zu einem späteren Zeitpunkt "schaffen, die schönsten Bilder zu sehen".