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Singles: Mann, geht's uns gut!

Immer mehr Frauen leben ohne feste Partner - und sind glücklich dabei. Recht so, sagt stern-Autorin Evelyn Holst und wettert über "Beziehungsbescheuerte", die ihre "schnarchenden Schlaffis" viel zu lange ertragen

"Schau dich mal um", sagt meine Freundin, "nur noch Weiber. Langsam sterben die Männer aus." Es ist Freitagabend, wir sitzen im Hamburger In-Lokal "3 Tageszeiten" - und sie hat Recht. Fast jeder Tisch ist mit Frauen besetzt, Frauen zwischen 40 und 60; die wenigen Männer wirken fast verloren. Der Laden brummt, Prosecco fließt reichlich. Als Ralph Larouette sein Restaurant vor fünf Jahren eröffnete, hielt er Frauentische für seinen gastronomischen Ruin. "Frauen teilen sich ein Glas Schorle und einen Salat ohne Dressing", wurde er gewarnt, "und wenn kein Mann am Nebentisch sitzt, mit dem sie flirten können, gehen sie schon vor dem Tiramisu."

Zum Glück von Ralph Larouette erwiesen sich diese düsteren Prognosen als blanker Quatsch. Denn nicht immer, aber immer öfter sind Frauen unter sich. Lange und lustig. Im Restaurant, auf Reisen, im Kino, im Fitnessclub. Wo das Auge hinschaut, Frauen ohne Männer. Wie in arabischen Ländern, nur ohne Kopftücher. Finden die keinen Mann - oder wollen sie etwa gar keinen mehr?

Laut Statistik kommen 52 Prozent männliche auf 48 Prozent weibliche Singles; da aber 20 Prozent der Frauen im Alter von 20 bis 55 Jahren allein leben, müssen sich die passenden Männer verflüchtigt haben. Wohin? Sie können doch nicht alle schwul oder Priester geworden sein oder noch an Mamis Rockzipfel hängen. Muss aber wohl so sein, denn die gefühlte Wirklichkeit der Frauen sagt, aller Statistik zum Trotz: Es gibt ganz eindeutig nicht genug Männer.

Die Chance für eine Singlefrau ab 40, einen passenden Partner zu finden, scheint kleiner zu sein als ein Sechser im Lotto. Ich kenne jede Menge toller Frauen, attraktiv, beruflich erfolgreich, witzig, die ohne Mann leben, aber keinen einzigen guten Mann, der ohne Frau lebt. Reines Verteilungsproblem, versichern Soziologen. Die Zahlen passen, nur die Kompatibilitäten nicht. Weil nämlich geschiedene Frauen oft schlau sind (sonst wären sie ja nicht geschieden) und deswegen einen schlauen Mann suchen, schlaue Männer ab spätestens 40 aber jüngere Frauen suchen - und finden. Auf gut Deutsch: Genug Männer sind zwar da, aber nicht genug gute.

Also: Vergiss George Clooney, vergiss den attraktiven Chefarzt mit dem Grübchen im Kinn und den Pianistenhänden. Den hat sich längst eine geschnappt, gegen die du so alt aussiehst wie unsere Fußballhelden in Portugal. Freunde dich an mit dem Gedanken an Dieter Pfaff, wenn der nicht schon vergeben wäre, oder an den verschlurften Briefträger, der immer die Pakete aus der Nachbarschaft bei dir abgibt. Das Leben ist ungerecht, hör trotzdem auf zu jammern und befolge den klugen Rat: "Erweitere deinen Horizont, es muss ja nicht immer der Richtige sein, auch mit dem Falschen kannst du jede Menge Spaß haben."

Wie die Stewardess Nadja S.*: "Die Palette derer, die ich von 30 bis 39 durchprobiert habe, reichte vom 21-jährigen Jurastudenten aus Bulgarien bis zu meinem Klempner, der mich zu seinem 58. Geburtstag einlud. Danach hab ich mir geschworen - keine Kompromisse mehr, nur noch der Urknall oder gar nichts." Das ist jetzt drei Jahre her, und dass es noch nicht geknallt hat, stresst Nadja nicht mehr. Es war ein langer Weg bis zu dieser Gelassenheit; ein Weg, den viele Single-Frauen noch vor sich haben. Sie brauchen zwar den Mann nicht mehr als Jäger, der ihnen das Bärenfell zu Füßen legt, sie brauchen ihn als eine Art Gütesiegel: Ich bin eine vollwertige Frau, seht her, hier ist der Beweis - ein Mann! Ich werde geadelt durch einen Kerl, der mein Nachbarkopfkissen voll schnarcht und seine Schmuddelwäsche vor den Wäschekorb werfen wird! Ich bin ganz Frau, weil ich endlich meinen Vibrator weglegen und einen waschechten Orgasmus vortäuschen kann!

Dieses blöde, hartnäckige Mantra: Ich hab einen abgekriegt! Warum nur fühlen sich viele Frauen so wertlos, nutzlos, wenn sie keinen abgekriegt haben? "Ich habe mir eigentlich nie die Frage gestellt, ob ich einen Mann in meinem Leben brauche", erzählt die 52-jährige Maria. "Mein Leben lang war klar, dass es sich gehört, einen zu haben. Mein Vater war die Sorte Mann, die immer das größte Stück Fleisch bekommen und felsenfeste Ansichten haben. Eine Frau heiratet. Basta. Dass ich einen Beruf lernte, war schon eine Art Survival-Programm. 'Damit du dir notfalls dein Geld selbst verdienen kannst...' Notfalls! Was ich selber will, darüber habe ich nie nachgedacht."

Damit fing Maria erst an, als sie Ende 40 war und mehrere Partnerschaften hinter sich hatte. Mit sich allein und "ohne ständige Suchbewegungen" begriff sie, dass ihr ohne Mann nichts fehlte. Eine Erkenntnis, zu der mehr und mehr weibliche Singles gelangen: In einer vom stern in Auftrag gegebenen Umfrage des Instituts Forsa bei gut 1000 Frauen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren, die ohne Partner leben, sagten lediglich zwei Prozent, sie würden ihr Leben nicht genießen.

Der Pfad zur Erkenntnis ist aber immer noch steinig. Erzeugt nicht jede Trennung eine Urangst bei uns Frauen? Seine Zahnbürste steckt noch im Glas, seine Barthaare kleben noch im Waschbecken, da steigt bereits Panik hoch. Hektisch stürzen wir uns in die Suche nach neuer Zweisamkeit und erleben, wen wundert's, bittere Enttäuschungen. Bei Männern sind "Beziehungslücken" in Minuten zu messen, danach werden sie, sofern optisch nicht der Glöckner von Notre-Dame oder sonstwie innen oder außen der Albtraum, von ihrer Schwester oder Kollegin unter der Hand verkuppelt. Bei Frauen dauern diese Lücken oft Monate, manchmal Jahre. Oder werden zum Normalzustand.

Klar ist das ungerecht. Sehr sogar. In welchem frauenfeindlichen Schöpfungsplan, frage ich, ist es vorgesehen, dass der Mann eine blaue Mauritius und die Frau eine 55-Cent-Marke ist? Warum kann ein Mann, auch wenn der Sargdeckel schon leise klappert, noch Kinder zeugen, während wir uns mit 20 die ersten Brustimplantate einsetzen lassen, damit wir mit 40 nicht zu alt für einen 60-Jährigen sind? Warum steht ein Mann mit Bauch und Glatze vor dem Spiegel und sieht Brad Pitt? Warum steht eine Frau davor und findet immer was zu meckern? Vielleicht, weil wir Frauen uns selbst so schwer akzeptieren können. Ein Leben ohne Mann kommt Frauen wie "eine Kriegszone" vor und der Mann wie "der Helicopter, der uns daraus befreit". Schreibt Sabine Reichel in "Wenn ich den Blues im Herzen habe" (Rowohlt TB).

Wer bei google.de "Singles weiblich" eingibt, bekommt 141.000 Eintragungen. Die Regale von Buchhandlungen quellen über von Ratgebern, und immer geht es um das leidige Thema. Was muss ich tun, damit der Prinz kommt? Wirklich eine saublöde Frage. Wie viel Kummerspeck fressen wir uns an, wie viel Geld geben wir für Frustkäufe aus? Könnten wir nicht viel glücklicher sein, wenn uns Männer nicht so wichtig wären? Wenn wir sie betrachteten, richtig, wie den Sechser im Lotto - wäre super, aber ich rechne nicht damit. Es gibt Frauen, die sind so weit. "Man darf sich vom Beziehungsglück nicht abhängig machen", sagt die kluge Schauspielerin Hannelore Elsner, "die Liebe kommt, und die Liebe geht." So ist es.

Das Modell der einen heiligen lebenslangen Partnerschaft ist ausgelaufen, und der Anstoß zur Trennung einer Partnerschaft geht heute immer öfter von uns Frauen aus. Wir sind mutiger, leichter entschlossen, faule Kompromisse zu beenden, neue Wege einzuschlagen. Männer bleiben bei uns - solange Bier im Kühlschrank steht, die Hemden gebügelt sind und sie bei der "Sportschau" in Ruhe gelassen werden. Sie bleiben, bis sie nahtlos zu einer Neuen wechseln können. Sie bleiben aus Bequemlichkeit, die wir mit Liebe verwechseln.

Mal ganz blöd gefragt: Was verlieren wir eigentlich in einem Leben ohne Mann? Eine völlig irrationale Illusion: die Hoffnung auf einen Mann, der, während er die Kräuter für die Salatsauce schnippelt, die Börsenkurse in Asien abfragt, uns zwischendurch die Füße massiert und den Kindern Märchen vorliest. Wer kennt solche Männer? Aber unsere Sehnsuchtsbilder sind hartnäckiger als Fußpilz.

Egal, wie oft wir enttäuscht worden sind, wir wollen den Tannenbaum zu Weihnachten, das gemeinsame Sonntagsfrühstück und das Gutenachtküsschen - all diese Liebesbilder, die eingebrannt sind auf unserer inneren Festplatte, die Goldfolie, in die wir unser Leben so gern verpackt sehen. Und auf der roten Schleife, die an ihr hängt, steht in riesengroßen Buchstaben "Ehe". Das macht es uns immer noch schwer, die Vorzüge eines Lebens ohne Mann zu erkennen. Aber es gibt sie. Und die Zahl der Einsichtigen wächst.

"Ich bin doch nicht mehr dankbar, wenn mir ein Mann die Tür aufhält oder einen Orgasmus verschafft", sagt Geschäftsfrau Karina B., die sich früher "wie ein Salatblatt garniert nackt auf den Tisch" gelegt hat, um ihren Männern zu gefallen, und jetzt lieber "schwierig als geländegängig um jeden Preis" ist. Der war einfach zu hoch. Morgens frisch wie eine Rose, abends scharf wie eine Peperoni, das hat ihr Gatte dafür erwartet, dass sie seinen Nachnamen tragen durfte. Als sie nach der Geburt ihres ersten Kindes zu müde war für irgendeine Art von Schärfe, wurde sie ausgewechselt. Damals litt sie bis zur Magenschleimhautentzündung, heute kann sie darüber lachen.

Wie die erfolgreiche Optikerin Christine U., 51, nach eigener Angabe "sehr kompromiss- und leidensfähig". Nach der Trennung von einem jungen Starkoch war ihr Kummer so gewaltig, dass sie tagelang im Bett lag, zusammengekrümmt wie ein Embryo. Beim nächsten Mann war sie dann ganz anders. An dem stimmte eigentlich alles, nur sein Bauch war zu fett. Früher hätte sie still gelitten und ergeben geduldet, jetzt sagte sie es ihm. "Komm wieder, wenn du deinen Schwanz nicht nur im Spiegel sehen kannst." Der Mann blieb ein guter Freund. Zu dick ist er immer noch. Sie trifft ihn wie andere Freunde, manchmal zum Kino oder zum Essen, nie im Bett.

Frauen, die eine Partnerschaft hinter sich gelassen haben, so Psychologin Eva Jaeggi, "entdecken ihren eigenen Geschmack, ihren Lebensstil wieder. Wie soll die Einrichtung der Wohnung aussehen? Die Kleidung? Welches Essen mag man, welches nicht? Welche Filme will man sehen, welche Bücher lesen? All die Bereiche, in denen man sich bisher oft unterordnete, werden neu erobert. Dann pflegen Frauen ihren Freundschaftskreis, bauen ihn wieder auf, wenn er durch die Ehe vernachlässsigt war." Zurück ins eigene Leben - so könnte das Motto lauten, unter dem Frauen den Lebensabschnitt erfahren, den sie ohne Gefährten verbringen. Ein starkes Motto. Doch das Licht dieses eigenen Lebens leuchtet fast immer am Ende eines langen dunklen Tunnels, der Trennung heißt und Liebeskummer und die Vorstellung vermittelt, in einen Brunnen mit eiskaltem Wasser zu fallen.

"Kennst du das Gefühl nicht, wenn's vorbei ist, Spätzchen?" Als der Mann, mit dem sie lebte, diesen Satz aussprach, stürzte die 37-jährige Fotografin Marianne K. in ein tiefes Kummerloch. Sie litt und litt und litt. Vier Jahreszeiten lang. Dann wachte sie eines Morgens auf und dachte: Irgendwas ist anders. Es war einer der ersten warmen Sommertage, sie stand auf dem Balkon und wusste: Es ist vorbei. "Merkwürdig", sagt sie, "fast so, als hätte ich mich in mich selbst verliebt."

Bis dahin stehen sich die meisten Frauen immer noch selbst im Weg. Sie sind zu anhänglich, trennen sich nur schwer. Wir sind oft beziehungsbescheuert. Wir verzeihen Männern, die kalt neben uns her leben, die im Bett frostige Fische sind, die uns belügen und betrügen - nur weil sie Männer sind! Nur weil wir glauben, dass ihr Dasein unser Dasein verschönert. Wir verbiegen uns bis zur Verkrüppelung dafür, dass wir in Gesprächen "Mein Mann sagt ..." einflechten können. In Wahrheit brauchen wir Männer weniger als sie uns. Eigentlich brauchen wir sie gar nicht.

Moment. War da nicht noch was?

Etwas, das Männer eben doch unverzichtbar macht? Was als das Unterpfand des Zusammenlebens von Mann und Frau betrachtet wird? Und nebenbei auch noch gesund ist, geil und gute Gefühle verursacht? Kurz, das hormonelle Erdbeben, das die Frau mit Mann jeden Tag erleben kann, die Frau ohne Mann nie?

Wirklich? Dann frage ich einfach mal meine verheirateten Freundinnen, wann sie dieses Erdbeben zum letzten Mal erschüttert hat - falls es sie erschüttert hat. Und mit wie vielen schlaflosen Nächten an der Seite eines schnarchenden Schlaffis sie ihn erkauft haben - falls sie ihn erkauft haben. Einer unserer Kardinalfehler ist, dass wir Liebe und Sex nicht trennen können.

Aber wir sind lernfähig. "Die meisten jüngeren Frauen können Affären und Partnerschaft sehr gut trennen", hat Eva Jaeggi festgestellt. "Sexualität ist nicht mehr klar gekoppelt an Partnerschaft."

Für die 50-jährige Psychologin Thalea Z. ist das glasklar. "Was stört an einem schönen Schwanz, ist oft nur der Mann, der dranhängt", sagt sie und meint es so. Sie lebt wie ein Mann. Zumindest sexuell. Wenn sie Lust hat und kein Mann da ist, geht sie in einen Swingerclub, holt sich eine heiße Nacht und fährt nach Hause in ihre gemütliche Wohnung. Seit acht Jahren lebt sie so, allein und zufrieden. Sie schließt eine neue Partnerschaft mit einem Mann nicht grundsätzlich aus, wartet aber nicht darauf. Sie fühlt sich frei. Und ziemlich glücklich.

"Irgendwann verliert die Jagd nach der Liebe ihren drängenden Charakter", sagt Sabine Reichel. Dann schlägt die Stunde der männerlosen Tischrunden im "3 Tageszeiten". Die Stunde der fröhlichen Frauen, die gelernt haben, dass sie weder unvollkommen noch unglücklich sind. Frauen, die Freude an ihrem Leben haben und imstande sind, der Welt ihr Herz zu öffnen. "Wenn man das durchlebt", schreibt Sabine Reichel, "dann ist vielleicht auch wieder Platz für einen Mann." Oder auch nicht. Beides ist gut.

Evelyn Holst
Mitarbeit: Kerstin Möser/ Hannelore Schütz

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