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Star-Nachwuchs: Geborene Stars

Sie heißen Willis, Roberts, Scorsese oder Nicholson. Sie drängen auf die Kinoleinwand oder den Regiestuhl. Hollywoods Nachwuchs ist darauf gepolt, es den berühmten Eltern gleichzutun.

Von Christine Kruttschnitt

Eigentlich ist das Beste, was Eltern ihren Kindern mitgeben können ins Leben, dass sie ihnen peinlich sind. Der leichte Ekel, den Teenager bisweilen vor ihren Erzeugern empfinden, erleichtert die Identitätsfindung. Insofern gilt unsere vollste Anerkennung Vätern wie Jack Nicholson, die durch johannestriebiges Starlet-Flachlegen in ihrer Brut das Bedürfnis wecken müssten, sich dem Studium der Sozialwissenschaft zu verschreiben.

Oder man denke an Bruce Willis, dreifacher Vater von Töchtern, deren Taufnamen allein frühkindliche Selbstständigkeit fördern: "Wie, ihr habt mich Rumer genannt?! Seid ihr noch ganz bei Trost?" Was sprach denn gegen Gisela? Außerdem singt Papa Willis komplett talentlos in einer Rockband. Welcher Gedanke also muss in Rumer keimen? Ab an die Uni, was Anständiges lernen.

Söhne, Töchter, Nichten und Neffen bekannter Stars treten ins Rampenlicht

Nun stellt man jedoch mit Erstaunen fest, dass gerade die potenziell peinlichsten Eltern - Schauspieler sind bedenkenlos als solche zu bezeichnen - Kinder in die Welt setzen, die schattenhaft fügsam dem Vorbild der Alten folgen. Die 16-jährige Lorraine Nicholson und Rumer Willis, knapp 18 und auch noch Tochter von Demi Moore, haben es bislang zwar nur zu Nebenrollen gebracht, sind aber prächtige Beispiele für die vielen Glitzer-Familien, die ihren Stammbaum in den weichen, fruchtbaren Boden des Showbiz rammen. Schaut man sich die Besetzungslisten zeitgenössischer Fernseh- und Kinoproduktionen an, so stößt man auf altbekannte Namen; nur nächste Generation. Sutherland Junior, Minghella Junior, Hanks Junior, Coppola Junioresse. Die Söhne, Töchter, Nichten und Neffen bekannter Stars treten ins Rampenlicht, also dahin quasi, wo sie eh schon aufgewachsen sind.

Wenige Tage nach ihrer Geburt krähte Domenica Scorsese am Filmset ihres Vaters Martin, der gerade "New York, New York" drehte. "Ich hatte nicht die geringste Chance, nichts mit der Filmwelt zu tun zu haben", sagt die Tochter heute. Die 29-Jährige stellte kürzlich auf dem Tribeca-Filmfestival in New York einen selbst inszenierten Kurzfilm vor und spielt eine Rolle in einem anderen dort gezeigten Werk. Chef des Festivals: Scorsese-Kumpel Robert De Niro, auf dessen Schoß sie als Kind oft gesessen hat.

"Im Alter von zwei Wochen war ich auf meinem ersten Filmset", erzählt stolz auch Emma Roberts, Tochter von Eric und Nichte von Julia. "Ich wollte schon immer Schauspielerin werden." Die 15-Jährige, die im US-Kinderkanal Nickelodeon eine eigene Fernsehserie hat und mit neun ihr Debüt in einem Johnny-Depp-Film gab, unterstreicht die Erkenntnis mit jenem vielzähnigen Lächeln, das ihre Verwandte weltberühmt gemacht hat. Natürlich sei es schmeichelhaft, mit Julia Roberts verglichen zu werden: "Sie ist schließlich eine begnadete Schauspielerin. Aber ich möchte mir doch selbst einen Namen machen."

Die Macht der Gene

Emma lebt in Los Angeles, wo es so viele ehrgeizige, junge Mädchen gibt, die sich einen Namen machen wollen, dass sie über ihren kleinen Vorsprung heilfroh sein sollte. "Natürlich hat man mich wegen meiner Familie schneller zum Vorsprechen eingeladen als andere", sagt Emma. "Aber das war nicht der einzige Grund." Sie glaubt an die Macht der Gene: Das Spielen liegt den Roberts im Blut.

Das ist wie beim Zirkus. Oh, mein Papa springt Salto, also springt auch Papas Liebling. Einerseits fantasielos, anderseits geht vom Entertainment-Geschäft ein unleugbarer Reiz aus, den Metzger oder Rechnungsprüfer selten erlangen. Selbst Jane Fonda, die unter der Kälte ihres weltberühmten Vaters Henry bis weit ins Erwachsenenalter litt, konnte sich als Kind dem exotischen Zauber von Drehorten, der aufgeregten Atmosphäre von Filmpremieren und starbestückten Partys nicht entziehen. Wie alle Kinder von Stars wurde sie hineingeboren in eine enge, exklusive Welt von Überfluss und Existenzangst, Extrovertiertheit und künstlerischer Zerquältheit, Narzissmus und Grandezza. Eine VIP-Schatten-Existenz: umgeben von very important und very impertinent people, umschwirrt von Papas Assistenten oder Muttis Presse-Corps, halb bewundert und halb bemitleidet von den anderen Kids: Dein Vater ist Robin Williams? Cool. Aber du musst ja wahnsinnig werden.

"Bei uns zu Hause läuft keine Kamera", wiegelt Zelda Williams, 16, ab, die vor zwei Jahren an der Seite ihres notorisch aufgedrehten Vaters einen Film in New York gedreht hat. "Er ist nicht immer auf Sendung." Trotzdem verstehen nur die Sprösslinge anderer Stars so richtig, was es heißt, eben keine "normale" Kindheit zu erleben. Sondern im Privatjet in die Ferien zu fliegen und von Egos umgeben zu sein, größer als Jumbos. Öffentlich aufzuwachsen: von Paparazzi beäugt, von einer Klatschblattleserschaft beurteilt.

Scott Caan, 29, Sohn von James Caan ("Der Pate") und demnächst mit George Clooney in "Ocean's Thirteen" zu bewundern, bemerkte einmal, dass "viele Leute zu mir sagen: Wieso ist aus dir eigentlich so ein netter Junge geworden? Wo doch meine Eltern offensichtlich völlig bekloppt sind".

Die Verwandtschaft zu leugnen ist sinnlos

Bryce Dallas Howard, 25, Tochter des "Da Vinci Code"-Regisseurs Ron Howard, lügt manchmal, wenn sie gefragt wird, was ihr Vater macht. "Architekt, sage ich. Ich finde die Filme von meinem Vater zwar toll, aber wenn die Leute erst mal gemerkt haben, mit wem sie es zu tun haben, verhalten sie sich mir gegenüber sofort ganz anders."

Bryce ist Schauspielerin ("The Village - Das Dorf", "Manderlay"), eine milchweiße Rothaarige mit den Augen einer Nixe, die im neuen Film von Gruselmeister M. Night Shyamalan genau das spielt, nämlich ein Wasserwesen auf Landurlaub ("Lady in the Water"). Als sie Schauspiel studierte, gab sie nur ihre beiden Vornamen an ("Dallas" wegen ihres Zeugungsortes; eine dieser typischen peinlichen Elternideen). Inzwischen findet sie, dass "Bryce Dallas" nach "einer Porno-Darstellerin" klingt. Und die Verwandtschaft zu leugnen ist ohnehin sinnlos, seit ihr Vater, selbst Kind von Schauspielern, sie 2002 in seiner Oscar-Dankesrede bedachte.

So ein berühmter Name ist nicht nur der fliegende Teppich zum Ruhm. Er bedeutet auch Stress. So, Sie sind also die Tochter von Meryl Streep? Sind Sie denn auch so gut wie Ihre Mutter? Die 22-jährige Mamie Gummer - Vater ist der Bildhauer Don Gummer - versucht es ausgerechnet im Fahrwasser von Amerikas meistbewunderter Aktrice. Das ist kühn.

Und das war zu erwarten. Der Sohn des Nobelpreisträgers Saul Bellow, Adam Bellow, hat über die Vorzüge des Nepotismus ein Buch geschrieben. Seine These: Die Nutznießer der berühmten Vorgänger rackern sogar noch mehr als ihre Alten, weil sie den Ruch der Vetterleswirtschaft loswerden wollen, so schnell wie möglich.

Nicht jeder Sprössling erbt Talent

Jason Reitman, Sohn des Filmemachers Ivan Reitman ("Ghostbusters"), wurde jüngst mit Lob überhäuft für seine Regie-Arbeit "Thank You for Smoking" (Deutscher Start: 31. August). Erleichtert sagt der 29-Jährige: "Ich hatte Angst, dass ich ewig gegen das Klischee vom arroganten, unbegabten Star-Blag ankämpfen muss. Wieso Angst, sagte mein Vater. Folge deinem Herzen."

Nun erbt nicht jeder Sprössling das Talent der allseits bewunderten Vorfahren. Charlie Chaplin hat zum Beispiel so viele hochbegabte Schauspielerkinder in die Welt gesetzt, da macht seine Enkelin Kiera mit ihrem Job als Model geradezu eine Arschbombe in den Gen-Pool. Dafür hat die 24-Jährige Opas Filmproduktionsfirma wiederbelebt und es als Chefin eines Internetunternehmens auf ein geschätztes Vermögen von 44 Millionen Euro gebracht.

Oder Harrison Ford. Einer seiner Söhne ist Koch. Vor einer Kamera Gesichter zu schneiden würde ihm seiner Lebtag nicht einfallen. Der Alte hält Junior dennoch für großartig. Egal, was er macht.

Und das wäre dann das Zweitbeste, was Eltern ihren Kindern mitgeben können ins Leben.

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