STARS Ganz oben, ganz unten


Alarm im Pop-Himmel: Mariah Carey hat einen Nervenzusammenbruch, Ben Affleck ist auf Entziehungskur. Viele Teenie-Stars leiden öffentlich an der Last, jung, begehrt und erfolgreich zu sein.

Stationen einer Karriere. Früher Kellnerin in Long Island, jetzt 23 Millionen Dollar Vorschuss pro Platte, neun Alben besungen, ein Leben im Platinformat - und dann plumpst ihr Geschirr aus den Händen, sie fällt, Schnittwunden an Haut und Seele, Nervenzusammenbruch, Klinik, Selbstmordgerücht. Mariah Carey, 31. Oder: A.J. McLean, 23, Mitglied der Teenie-Marktführer-Band Backstreet Boys. Nach jedem Konzert schlich der Mann in sein Hotelzimmer und machte eine Flasche Whisky leer. Manchmal war ein Groupie dabei, das er so achtlos auszog und beschlief, wie Betrunkene ihr Hemd auf den Boden werfen. Dann, Mitte Juli, lässt sich A.J. in die Klinik einweisen, die Backstreet Boys unterbrechen die Tournee. Zum Ausnüchtern meldete sich auch der Schauspieler Ben Affleck ab (»Pearl Harbor«); das Pop-Girl Britney Spears ließ nach Platten- und Film-Stress einen Nervenzusammenbruch mitteilen. Und vergangene Woche rollte der Rapper und Whitney-Houston-Gatte Bobby Brown ins Hospital, Schwächeanfall - die Show-Welt als der Emergency Room kollabierender, lallender Prominenz. Bekanntester Dauerpatient ist der Schauspieler Robert Downey Jr., der seit Jahren zwischen Entzug, Gefängnis und Filmgala pendelt.

Allein gelassen, drehen viele durch

Anders als früher, als Selbstzerstörung mit Suff und Drogen einen Rocker erst ausmachte, zeigt der Krankenstand der Teenie-Helden heute, dass eine enteignete Kindheit zwar das Konto füllt, aber die Psyche sprengt. So stolperten Carey und A.J. über den Verlust von Beschützern. Vaterfiguren, die Karrieren organisieren und die Welt von ihren Stars fernhalten. Allein gelassen drehen dann viele durch. So führt Mariah Carey seit ihrer Scheidung vom Entdecker und Sony-Chef Tommy Mottola einen bitteren Krieg gegen den Ex-Mann, leidet an Schlafstörungen, Erschöpfungszuständen.

Von Einsamkeit berichtet A.J. McLean, der es nicht verwinden konnte, dass er vor fünf Jahren vom Entdecker »Big Papa« Louis B. Pearlman fallen gelassen wurde. Pearlman gründete die Konkurrenz-Band »?N Sync«, was die Backstreet Boys fundamental verunsicherte. »Ich hatte keine Lust mehr, das Heile-Welt-Image aufrechtzuerhalten, und ging nach unseren Auftritten schnell ins Hotel, um zu trinken«, so der Patient.

Das Image wird angekratzt

Was Manager und Plattenbosse empfindlich stört, ist die Freimütigkeit der Geständnisse. Wurden früher Notlügen wie gebrochenes Bein oder »von der Leiter gefallen« vorgeschoben, berichten die Kollabierten und Verkaterten heute direkt vom Krankenbett über den Moloch Musikindustrie. Und das macht die Image-Architekten nervös.

»Ich will die Welt schockieren«

Britney Spears hat für den Herbst angekündigt: »Ich mag nicht mehr Vorbild sein. Ich will die Welt schockieren.« Um weiteren Zusammenbrüchen des Superstars zuvorzukommen, setzte das Management ihr bei Interviews der vergangenen Woche einen ständigen Begleiter zur Seite. Nicht, dass Britney sich einsam fühlt.

Jochen Siemens


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