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Thronfolgediskussion in Japan: Aufgeschoben, nicht aufgehoben

Dem Kaiserhaus wurde ein Sohn geboren - und den Töchtern der Aufstieg auf den Thron damit vorerst verbaut. Dabei war Japan einer Änderung der Thronfolgegesetze so nah.

Die Geburt des ersten männlichen Erben des Chrysanthementhrons seit mehr als 40 Jahren hat die drohende Thronfolgekrise in Japan entschärft. Pläne der Regierung, den Thron auch für weibliche Nachkommen zu öffnen, liegen schon seit Monaten auf Eis. Die Zeitung "Yomiuri Shinbun" sagt pünktlich zur Entbindung sogar das Ende der Überarbeitung der Thronfolgegesetze voraus.

Doch die Atempause ist möglicherweise nur vorübergehend. Mit dem Sohn des zweitältesten Kaisersohns Akishino und seiner Frau, Prinzessin Kiko, ist die nach dem Thronfolgegesetz vorgeschriebene männliche Linie vorerst gesichert. Dennoch muss die Nachfolgeregelung nach Ansicht von Beobachtern geändert werden, um eine ähnliche Krise in künftigen Generationen zu verhindern. "Yomiuri Shinbun" warnt, dass nur so eine stabile Nachfolge garantiert werden könne.

Nur für den Augenblick entronnen

"Die Kaiserfamilie ist der Nachfolgekrise entronnen, aber nur für den Augenblick", sagt Koichi Yokota, Professor für Verfassungsrecht an der Ryutsu-Keizai-Universität in Ibaraki. "Die Familie hat immer noch nur einen männlichen Nachfolger in der jüngsten Generation, und das System ist bei weitem nicht stabil." Vor Kikos Schwangerschaft war in der japanischen Öffentlichkeit über die Nachfolgeregelung aus dem Jahr 1947 eine heftige Debatte ausgebrochen.

Erst nach Bekanntwerden der Schwangerschaft im Februar nahm Ministerpräsident Junichiro Koizumi ein Gesetz zur Änderung der Thronfolge zu Gunsten weiblicher Nachkommen von der Tagesordnung. Doch sollte der neugeborene Junge eines Tages keinen männlichen Erben produzieren, droht dem Land eine neue Erbfolgekrise. "Das gegenwärtige System ist langfristig nicht zukunftsfähig", sagt Sanae Fukuto, Historikerin an der Saitama-Gakuen-Universität westlich von Tokio. "Wenn die Kaiserfamilie weiter dieser lediglich auf Männer ausgerichteten Regel folgt, wird sie eines Tages aussterben."

Keine Konkubinen und entfernte Verwandte

In der Vergangenheit war es vergleichsweise einfach, einen männlichen Erben zu produzieren: Über Jahrhunderte wurden Kaisern Gefährtinnen zugeführt, die für männlichen Nachwuchs sorgten, sofern die Kaiserin nur Mädchen bekam oder keine Kinder bekommen konnte. Diese Praxis ist allerdings seit langem nicht mehr üblich. Der verstorbene Kaiser Hirohito widersetzte sich erfolgreich Druck, eine Konkubine zu nehmen. Sein Vater und sein Großvater waren beide Söhne solcher Gefährtinnen. Konservative Kreise haben die Wiedereinführung von Konkubinen vorgeschlagen. Sie sind der Ansicht, dass das Wesen der kaiserlichen Linie mit dem Y-Chromosom des Kaisers verbunden ist.

Zudem zählte der japanische Adel früher viel mehr Mitglieder. Mehrere Männer aristokratischen Blutes konnten ihre männliche Linie auf einen Kaiser zurückführen. Diese Möglichkeit wurde jedoch nach der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg eingeschränkt. Bei der Umwandlung des Landes in eine moderne Demokratie wurden Teile der Aristokratie abgeschafft. Entfernte Verwandte, die nach dem alten System für die Thronfolge in Frage gekommen wären, sind seither davon ausgeschlossen.

Sexistisches Relikt aus der Vergangenheit

Seit Akishinos Geburt 1965 wurden in der Kaiserfamilie zuletzt neun Mädchen in Folge geboren. Viele Japaner betrachten die männliche Erbfolgeregelung inzwischen als sexistisches Relikt aus der Vergangenheit. "Es ist heutzutage unglaublich, dass die Kaiserfamilie immer noch Druck auf Frauen ausübt, Jungen zu gebären", sagt Historikerin Fukuto. "Dass Frauen keine Monarchen werden können, widerspricht dem Prinzip der Geschlechtergleichheit, auf dem das moderne Japan angeblich basiert." Konservative Kreise scheinen allerdings erleichtert, dass die Reform zunächst einmal vom Tisch ist. "Jetzt haben wir vielleicht rund 40 Jahre", sagt Außenminister Taro Aso, einer der Bewerber um die Nachfolge von Ministerpräsident Koizumi. "Das gibt uns ausreichend Zeit für Beratungen."

"Es ist ein Thema, das die Bevölkerung entzweit, und nichts, was der neue Ministerpräsident gleich anpacken wird", sagte der Verfassungsrechtsexperte Koichi Yokota von der Ryutsu-Keizai-Universität in Ibaraki. Kabinettssekretär Shinzo Abe, der als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Amtsinhaber Koizumi gilt, äußerte sich zurückhaltend: "Wir müssen die Debatte vorsichtig und auf ruhige Art fortführen."

AP/son / AP