Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,
in meinem Viertel in Tokio, in dem ich derzeit untergebracht bin, sind die Wohnungen nach deutschen Maßstäben klein bis sehr klein. Geradezu winzig sind die Zimmer der vielen jungen Leute, die an der nahegelegenen Waseda-Universität studieren. Offizielle Vermittler bieten Studentenzimmer an, die sind fünf Quadratmeter groß: Tischchen, Stuhl, Klappbett, Reiskocher und Mikrowelle.
Laut Statistik leben Singles in Tokio auf 13 bis 20 Quadratmetern. Wohnungen für zwei Personen sind typischerweise 25 bis 40 Quadratmeter groß, Familien mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern leben auf 50 bis 70 Quadratmetern.
Das wenige, was man so an Platz hat, wird in Japan sehr flexibel genutzt. Was tagsüber Wohnzimmer ist, wird abends zum Schlafzimmer. Dann werden auf den Reisstrohmatten die Futons ausgerollt, die tagsüber in einem Einbauschrank, dem sogenannten „oshi-ire“, verstaut sind. Die Zwischenwände sind dünn und können in modernen Gebäuden ganz einfach versetzt werden, je nach Bedarf. Es gibt sogar automatische Systeme, da verschieben sich die Wände auf Knopfdruck. Kommt Besuch, wird das Wohnzimmer größer, das Schlaf- oder Arbeitszimmer kleiner geschoben. Jeder Quadratzentimeter wird genutzt.
Japanische Wohnungen haben fast nie Keller oder Dachboden.
Stellplätze oder Garagen (ein Luxus!) für Autos sind so eng, dass man nur von einer Seite ins Auto hineinschlüpfen kann. Hier entscheidet die Größe des Abstellplatzes beim Autokauf.
Beliebt in meinem Viertel sind Kei-Cars. Das sind Leichtbau-Autos, klein und kompakt, sie sehen aus wie Schuhkartons auf Rädern. Ihr Vorteil ist, sie bieten erstaunlich viel Platz und sie verbrauchen wenig Benzin oder Strom. Die würden auch gut in unsere Städte passen.
Mit weniger Platz gegen die Wohnungsnot in Deutschland
Der Effekt von all der Kompaktheit ist: Viele Menschen können auf wenig Raum ganz gut leben – und vor allem, Wohnraum bleibt einigermaßen bezahlbar. So ließe sich langfristig auch das Problem der Wohnungsnot lösen oder zumindest lindern, das Deutschland so sehr plagt.
Leichte Anzeichen für diesen Wandel gibt es bereits. Auch in deutschen Großstädten haben Forscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) beim Neubau einen Hauch von Japanisierung festgestellt. Die Zahlen dazu: Zwischen 1965 und 2024 erhöhte sich die durchschnittliche Wohnungsgröße um mehr als ein Drittel – von 69 auf 94 Quadratmeter. Doch nun, so zeigen erste Erhebungen, stagnieren diese Zahl, Neubauwohnungen werden sogar kleiner.
Die DIW-Experten schätzen: Bis 2050 dürfte die durchschnittliche Wohnung etwa sechs Quadratmeter kleiner sein als heute und bei etwa 88,5 Quadratmetern liegen.
Das Wohnungsschrumpfen liegt in Deutschland vor allem am demografischen Wandel.
Der Anteil der Einpersonenhaushalte hat sich seit den 1960er Jahren auf 41 Prozent verdoppelt – in Großstädten wie Berlin oder München liegt er sogar bei rund 50 Prozent. Auch der starke Anstieg der Immobilienpreise führt dazu, dass kleinere Wohnungen nachgefragt werden. Viele können sich größere Wohnungen nicht mehr leisten, und für Bauträger wiederum sind kleine Wohnungen wirtschaftlich attraktiver.
In Japan sehe ich: Es kommt nicht so sehr auf die Größe der Wohnungen an. Wichtig sind vor allem flexible Raumkonzepte und damit die Frage, wie man den Raum nutzt. „Mein Viertel“ mit seinen engen Straßen, den kleinen Nachbarschaften wirkt auf mich richtig heimelig.
FBI-Chef Kash Patel wird zum Problem für Trump
Kash Patel war US-Präsident Donald Trumps Wunschkandidat für den Posten als FBI-Chef. Loyal, kompromisslos und bereit, politische Gegner auch juristisch ins Visier zu nehmen. Doch selbst Trump merkt nun: Mehr Kompetenz und weniger Skandale wären auch nicht schlecht.
5-Minuten-Talk: Die Woche zwischen Wal und Kanzler Merz
Für den Kanzler war das eine Woche zum Vergessen – und Friedrich Merz selbst ist nicht ganz unschuldig daran. Die Reformen stecken fest, die Koalitionäre streiten sich und Merz erntet einen Shitstorm für seine Aussage, die gesetzliche Rente reiche künftig „allenfalls“ noch als Basisabsicherung. Meint er das ernst?
Und über allem schwebt das Schicksal des Wals. Timmy kämpft, sein Minister auch. Till Backhaus steht für sein Engagement sogar in der Kritik. Er mache Wahlkampf auf dem Rücken des Wals. Stimmt der Vorwurf? Das fragen sich auch die stern-Politikchefs Veit Medick und Jan Rosenkranz im Talk über die Themen der Woche.
Weitere Schlagzeilen im Überblick
Das passiert am Freitag, dem 24. April 2026
- Deutschlandweite Proteste von „Fridays for Future“ für den Ausbau erneuerbarer Energien
- Bundestag und Bundesrat stimmen über das Energiesteuersenkungsgesetz und die Entlastungsprämie ab
- Der ifo-Geschäftsklimaindex wird in München veröffentlicht. Darin werden die aktuelle Lage und die Erwartungen der deutschen Wirtschaft erfasst
Unsere stern+-Empfehlung des Tages
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Herzliche Grüße
Alexandra Kraft