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Vanessa Paradis: Lolita im Kräuterbeet

Als 14-Jährige kiekste sie sich mit "Joe le Taxi" zu Weltruhm und wurde zur Ikone des Plastik-Pop. Heute hat Vanessa Paradis mit Hollywoodstar Johnny Depp zwei Kinder und kümmert sich am liebsten um ihren Gemüsegarten. Nebenbei ist ein neues Album entstanden.

Von Oliver Fuchs

Es täte ihr leid, sagt die Managerin, Feriensommerhaut, Lipgloss- Schnute, Augen wie große schwarze Oliven, aber Frau Paradis würde sich ein bisschen verspäten. Eine Autopanne und überhaupt dieser Verkehr, Sie müssen wissen, Paris, Rushhour, ohgottohgott. Nach einer halben Stunde immer noch keine Spur. Die Managerin raucht, telefoniert, alles mit raumgreifender Gestik, und fährt sich regelmäßig höchst melodramatisch durchs Haar. Bitte noch etwas Geduld, Vanessa Paradis sei erkrankt, irgendein Virus, möchten Sie einen Kaffee? Nach weiteren 30 Minuten ist plötzlich von einer dringenden Familienangelegenheit die Rede. Die Managerin wirft ihr Haar in die Luft, wie ein Tennisspieler den Ball beim Aufschlag. Mysterium französische Frau.

Na gut, sollte Vanessa Paradis nicht erscheinen, dann interviewen wir einfach diese Madame hier. Denn die hat die Französinnen-Nummer auch perfekt raus, Haareschütteln, Augenklimpern, Lachen, das ganze flamboyante Theater. Aber erfunden hat diese Art von Französinnentum natürlich Vanessa Paradis, die mit ihrem Lied "Joe le Taxi" und dem dazugehörigen Video 1987 die halbe Welt verrückt machte. Eine 14-Jährige mit Zahnlücke im rosafarbenen Sweatshirt trippelt von einem Bein aufs andere und guckt betroffen wie ein Eichhörnchen, das im Unterholz Zuflucht vor einem Gewitter sucht. Dazu blökt ein einsames Saxofon. Großartiger, ergreifender 80er-Jahre-Trash. Die Bilder wecken vielerorts Beschützerinstinkte, nur nicht in Frankreich. Dort läuft der Song offenbar so oft im Radio, dass Vanessa Paradis bald zur meistgehassten Person wird, sozusagen zum Staatsfeind Nummer eins. Wildfremde Menschen spucken ihr auf der Straße ins Gesicht, reißen ihr vor Wut Haarbüschel vom Kopf und sprühen "Schlampe" an die Hauswand ihrer Eltern. Beistand kommt von Serge Gainsbourg, dem genialen Chansonnier und Spinnkopf, der mit ihr auf einem fabelhaften Album kollaboriert.

Never complain, never explain

Dann wird der Knackarsch-Rocker Lenny Kravitz ihr Mentor und Liebhaber, gemeinsam hauen sie einen Hit raus, "Be My Baby", ein wahres Werk der Liebe, er schrubbt die Gitarre, sie schluchzt herzzerfetzend. Aber all das kann die Franzosen in ihrem Furor nicht besänftigen. Und jetzt, 20 Jahre nach "Joe le Taxi", dieser Triumph! Es ist ein warmer Septembertag in Paris, die Sonne gibt noch mal alles, aber die Stimmung ist gedrückt. Eben hat Außenseiter Argentinien beim Eröffnungsspiel der Rugby-Weltmeisterschaft den Favoriten Frankreich mit 17 : 12 besiegt, und dann unterlag die Grande Nation im Fußball auch noch Schottland mit 0:1. In dieser Situation wird ausgerechnet Vanessa Paradis zur Retterin der nationalen Ehre. Auf dem Blackberry ihrer Managerin kommt gerade die Meldung an, dass das neue Paradis-Album "Divinidylle" von null auf Platz eins in der Hitparade eingestiegen ist, vor dem Konsens-Ökopopper Manu Chao. Gern würde man Vanessa Paradis jetzt fragen, ob sie Genugtuung empfindet, wenn sie denn endlich mal ... - ah, da ist sie! Sie flattert aus der Hotelflügeltür, mit einem mächtigen Luftstoß, hält ihren Hut fest, lacht augenklimpernd. Natürlich entschuldigt sie sich nicht, sie hat ja die Grundregel coolen Benehmens verinnerlicht: Never complain, never explain. Beschwer dich nicht, erklär dich nicht.

Es vergeht wieder einige Zeit, bis sie den Besucher in ihre Suite bittet. Paradis trägt Jeans, ein Leopardenmuster- Top und diese urfranzösischen Ballerinaschuhe, die auch Sophie Marceau in "La Boum - Die Fete" und Julie Delpy in "Before Sunrise" anhatten. Ihr Blick ist fordernd, streng. "Ich war niemals Opfer", zischt Paradis, "glauben Sie bloß nicht an das Märchen von der 14-Jährigen, die man dazu zwingt, Sachen zu machen. So war es nicht." Und wie war es dann? Jetzt funkeln ihre Augen mit 100.000 Volt. "Ich hatte Lust zu naschen. Ich habe von Anfang an alles selbst ausgesucht. Ich habe viele Gelegenheiten genutzt bis zum Exzess." Dann war es offenbar auch ihre Idee, in einem Parfümwerbespot für Chanel üppig gefiedert im Vogelkäfig herumzuturnen und in dem gehobenen Schulmädchenfilm "Weiße Hochzeit" ihren Lehrer zu vernaschen, kurz: die Lolita-Masche derart auf die Spitze zu treiben, dass in Frankreich alle Lichter ausgingen. Vanessa Paradis heißt übrigens tatsächlich Vanessa Paradis, sie ist aufgewachsen in einer Kleinstadt bei Paris als Tochter eines Facharbeiters, der - kein Witz - Erfinder des nichtstützenden Zierbalkens ist. Mit sieben Jahren singt sie zum ersten Mal im Fernsehen, in einer Kinder-Castingshow. Die Blonde mit der glockenhellen Stimme rührt Millionen zu Tränen, lässt aber auch bereits ein Talent für hemmungslos überinszenierten Plastik-Pop erahnen. In ihrer weiteren Karriere wird sich Paradis beharrlich weigern, das für Kinderstars vorgezeichnete Schicksal nachzuvollziehen: Aufstieg, Blitzruhm, dann Depressionen, Drogensucht, schließlich geistige und körperliche Zerrüttung. Ende der 90er Jahre lernt sie, nach drei Platten und fünf Filmen, den Schauspieler Johnny Depp kennen.

"Ich fühlte mich überrollt von seiner Präsenz"

Die erste Begegnung findet auf einer Party in New York statt, im Treppenhaus, es ist stockfinster. "He had an effect on me even in the dark", sagt Paradis, "I felt his presence all over me", was sicher unzureichend übersetzt ist mit: "Er löste etwas in mir aus, sogar im Dunkeln. Ich fühlte mich überrollt von seiner Präsenz." Paradis spricht Englisch mit einem stolzen französischen Akzent, als wolle sie eine Art aristokratische Differenz zur Proletensprache ihres Lebensgefährten markieren. Die Nymphe mit der Zahnlücke kriegt den coolsten Typen des Planeten. Das führt nicht unbedingt dazu, dass ihre Beliebtheitskurve in Frankreich steigt, aber es macht sie glücklich. Es folgt der sogenannte Rückzug ins Private, die totale Idylle. Das Paar lebt abwechselnd in Paris, Los Angeles und Südfrankreich. In stiller Harmonie. Meldungen für die Boulevardpresse fallen dabei kaum ab. Bis heute ist nicht bekannt, ob die beiden verheiratet sind. Wie lautet also die korrekte Anrede, dürfen wir "Madame Depp" sagen? "Johnny und ich haben zwei Kinder. Mehr verheiratet kann man nicht sein." Kein weiterer Kommentar. Über ihr neues Album will Paradis sympathischerweise auch nicht sprechen (Kurzkritik: Es klingt lässig dekadent, angemessen sexy, insgesamt zum Glück überhaupt nicht nach "gereifter Künstlerin"), lieber redet sie über die Arbeiten, die im Garten anstehen. Die Tomatenernte ist reichlich dieses Jahr, ebenso Zucchini, Karotten, Paprika. Aber der Rasen macht Probleme, zu viel Moos. Und im Kräuterbeet sprießt Unkraut. So spricht eine Frau, die alles hat, inklusive Johnny Depp. Ihr kann keiner mehr was anhaben. Jetzt muss sie los, eine dringende Familienangelegenheit, und dann dieser Verkehr, Paris, Rushhour, Verzeihung, aber man habe ja nicht ewig Zeit. Sie schwebt davon wie ein Schmetterling, in ihren ewigen Pariser Sommer.

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