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Was macht eigentlich ...: ... Armin Hary?

Bei einem Sportfest in Zürich gelang ihm am 21. Juni 1960 die Sensation: Als erster Mensch lief er die 100 Meter in 10,0 Sekunden - handgestoppt und auf Aschenbahn.

Herr Hary, es ist ja fast unmöglich, Sie ans Telefon zu kriegen ...

Da sagen Sie was ... Ich bin ja auch ständig unterwegs.

Am Laufen?

Was für eine Frage, natürlich nicht. Die Zeiten, in denen ich 100 Meter gelaufen bin, sind vorbei! Ich bin für meine Stiftung unterwegs, die AHA-Förderung. In unserem Land gibt es Hunderttausende Kinder, die keinen Sport treiben, weil ihre Eltern es sich nicht leisten können; für die suche ich Partner auf kommunaler Ebene. Seit 40 Jahren predige ich, dass wir mit der Talentsuche ganz unten beginnen. Jeden Tag steigt die Zahl armer Kinder. Wenn ich darüber nachdenke, werde ich so wütend, das können Sie sich nicht vorstellen.

Liegt in dieser Wut auch Erinnerung an Ihre eigene Kindheit?

Nein. Ich weiß, wo ich herkomme, das habe ich nie vergessen. Meine Mutter war zu arm, als dass sie mich hätte zum Training oder Wettkampf bringen können. Ein Fahrrad hatten wir nicht, Busse sind nicht gefahren. Hätte ich nicht neben einem Sportplatz gewohnt, wäre ich nie mit einer Goldmedaille nach Hause gekommen. Doch vielen Kindern geht es heute so schlecht wie uns nach dem Krieg. Für sie wäre Sport ein Weg aus der Armut. Diese Kinder haben den absoluten Siegeswillen.

Andere Kinder haben den nicht?

Die Sportler heute sind doch viel zu satt, richtig kämpfen wollen die gar nicht. Schauen Sie sich die Ausbeute der deutschen Leichtathleten in Peking an. Ich bin damals nach Rom gefahren, weil ich gewinnen wollte. Dafür habe ich alles gegeben.

Haben Sie die Spiele von Peking im Fernsehen angeschaut?

Selbstverständlich. Aber mit gemischten Gefühlen. Spontan freuen kann man sich ja nicht mehr. Wenn es nach mir ginge, würde man Dopingsünder sehr lange vom Sport ausschließen. Dann würde in fünf Jahren niemand mehr über Doping reden.

Was sagen Sie zum fast unwirklichen Weltrekord des Jamaikaners Usain Bolt?

So ein Rennen sieht man nicht alle Tage. Bolt ist völlig locker gelaufen, ich traue ihm sogar zu, dass er die 100 Meter in diesem Jahr noch schneller schafft. Trotzdem frage ich mich, ob das alles mit rechten Dingen zugeht.

War Doping in den 60er Jahren unter Athleten schon ein Thema?

Das kam später, Ende der Sechziger hat man wohl gehört, dass es Mittel gibt, schneller zu werden. Die Spiele 1960 in Rom waren die letzten wirklichen Spiele. Da spielten noch nicht Kommerz und Medizin die Hauptrolle.

Sie sind als erster Mensch die 100 Meter in 10,0 Sekunden gelaufen. Dann traten sie zurück, Probleme mit den Funktionären ...

Ich hatte eben immer meinen eigenen Kopf. Und in meiner Jugend war das nicht gefragt. Sportler waren Menschen zweiter Klasse. Das wollte ich nicht sein. Die Funktionäre damals, die waren teilweise im "Dritten Reich" aktiv gewesen ... Ach, ich bin froh, dass all das vorbei ist.

Ihre Karriere war kurz, und doch kennt jedes Kind bis heute Ihren Namen.

Ich verstehe das selbst nicht ganz, aber es stimmt. Noch heute erhalte ich jede Woche zwischen 5 und 15 Briefe, Autogrammwünsche aus der ganzen Welt. Das japanische Kaiserhaus schenkte mir Anfang der Sechziger eine Medaille, die gibt es nur ein Mal auf der Welt. Für den ersten Menschen, der 100 Meter in zehn Sekunden gelaufen ist.

Wo verwahren Sie das alles?

In einer Vitrine. Eines Tages werde ich sie meiner Förderung und der deutschen Jugend in irgendeiner Form überlassen.

Interview: Iris Hellmuth / print
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