Was macht eigentlich ... ... Jürgen Blin?


Der gelernte Schlachter und frühere Schwergewichts-Europameister im Profiboxen war Mitte Januar während einer Boxübertragung in der ARD für tot erklärt worden.

Herr Blin, Sie kommen gerade von einer Beerdigung?

Ja, Joachim Jacobsen ist gestorben, der bekannte Ringrichter. 55 Jahre, Herzschlag, furchtbar. Die ganze Hamburger Box-Szene war da.

Und man war überrascht, Sie dort zu sehen?

Na ja, ein bisschen schon. Ich bin natürlich von allen angesprochen worden. Das geht ja schon seit Tagen so, seit mich Waldemar Hartmann für tot erklärt hat. Die ersten Anrufe hatte ich am Morgen danach, um halb sieben. Und dann sind viele persönlich vorbeigekommen. Für mich ist die Sache erledigt: Waldemar Hartmann hat sich entschuldigt, sogar Günter Struve, der Programmdirektor, hat sich gemeldet. Wahrscheinlich hat mich Waldi mit meinem Sohn Knut verwechselt. Der war auch Boxer und ist vor drei Jahren gestorben.

Sie leben also. Aber wie geht es Ihnen dabei?

Sehr gut, Totgesagte leben ja bekanntlich länger. Ich laufe dreimal die Woche sieben Kilometer, bin so fit wie nie. Und auch mein Kampfgewicht habe ich noch: 80 Kilo.

Mit 80 Kilogramm haben Sie in der Schwergewichtsklasse geboxt?

Das war ja mein Manko, ich war immer viel zu leicht, meine Gegner haben teilweise 40 Pfund mehr gewogen. Heute wäre ich mit 80 Kilo ein Cruisergewicht. Manchmal frage ich mich, wie ich das geschafft habe, mit diesen dicken Brocken im Ring.

Wie haben Sie es denn geschafft?

Durch meine Schnelligkeit, ich war flink. Und ich wollte raus aus dem Dreck, beim Boxen ist das ein ganz wichtiger Punkt. Mein Vater war Melker und hat getrunken, alle zwei Jahre mussten wir umziehen, ständig gab es Ärger mit den Bauern. Wissen Sie, wie sich das anfühlt, wenn man von anderen Kindern beschimpft wird, man würde nach Kuhscheiße stinken? Irgendwann bin ich von zu Hause weggelaufen, habe eine Fleischerlehre in Hamburg gemacht - und gegenüber der Schlachterei war eine Boxschule.

Und 1971 hieß Ihr Gegner Muhammad Ali. Im Internet gibt es einen kleinen Film über diesen Kampf, ein Kommentar lautet: "Kommt Leute, der weiße Typ hat's echt probiert ..."

Ja, das habe ich. Ich bin in der siebten Runde zu Boden gegangen - andere haben nicht mal zwei gestanden. Vielleicht der Grund, warum Ali sich an mich erinnert. Neulich hat er mir ein Poster geschickt, mit Bildern seiner schönsten Kämpfe. Ich sollte es signieren und zurückschicken, später hat er es für seine Stiftung versteigert. Das hat mich wahnsinnig gefreut.

War der Kampf gegen Ali Ihr größter?

Nein, mein größter Kampf war der zu meinem Europameisterschaftstitel 1972. Bei Ali wusste ich vorher, dass ich verlieren würde: Er war größer, schwerer, konnte sich besser verkaufen und hatte die bessere Technik. Aber ich wollte ihn unbedingt boxen. Und die Börse war auch nicht schlecht, meine höchste: 85 000 Mark.

Mein Gott. Wenn man das mit den Börsen von heute vergleicht ...

Es war eine andere Zeit. Als ich Europameister geworden bin, hatte ich ein Jahr zuvor meinen Meister gemacht. Tagsüber stand ich in der Schlachterei, abends im Ring. Am Freitagabend habe ich Ali geboxt, am Montag darauf war ich wieder in der Firma, da gab es keine zwei Meinungen. Und ich bin ja auch belohnt worden: Insgesamt habe ich mit dem Boxen eine Million Mark verdient.

Bei einigen Ihrer Boxkollegen hätte das gerade mal ein paar Monate gereicht.

Kann sein, ich bin anders. Der Hamburger Kiez, das war nie meine Welt, ich habe noch nie Bier getrunken. Jeden Tag stehe ich von halb sieben bis mittags in meinem Imbiss. Ein paar Jahre mache ich das noch, dann erfülle ich mir vielleicht endlich meinen Traum: als Trainer mit Jugendlichen in einer Boxschule arbeiten.

Interview: Iris Hellmuth print

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