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Was macht eigentlich ...: ... Leonardo Boff?

Der Brasilianer, wichtigster Vertreter der Befreiungstheologie, wurde 1985 vom Vatikan mit einem Redeverbot gemaßregelt. Sein großer Widersacher damals: Kardinal Ratzinger.

Grüße Eahna Gott, Herr Boff!

Grüße Eahna Gott! Jaja - so habe ich damals Kardinal Ratzinger begrüßt, als ich vor die Glaubenskongregation geladen wurde. Weil er doch ein Bayer ist. Ich wollte die angespannte Atmosphäre ein bisschen auflockern.

Und, waren Sie erfolgreich?

Nein. Die Situation war extrem formal und streng. Der Kardinal führte mich ins Verhörzimmer der Heiligen Inquisition, ich musste mich auf den Stuhl setzen, auf dem schon Galileo Galilei angeklagt worden war. Dann diskutierten wir drei Stunden.

In dem Gespräch ging es um Ihr Buch "Kirche - Charisma und Macht", in dem Sie unter anderem die undemokratische Struktur und den Alleingeltungsanspruch der katholischen Kirche angriffen.

Ja, und in der Kaffeepause passierte etwas Kurioses: Mehrere Angestellte der Glaubenskongregation baten mich, ebendieses Buch für sie zu signieren. Da wurde Ratzinger ganz schön nervös.

Kurz nach dem Gespräch wurden Sie mit einem einjährigen "Bußschweigen" bestraft. Waren Sie enttäuscht von Ratzinger, den Sie aus Ihrer Zeit in Deutschland gut kannten?

Ich hatte Ratzinger in Deutschland als brillanten, offenen Theologen kennengelernt. Als Ratzinger dann nach Rom ging, übernahm er die Logik des römischen Systems, die Logik der Macht. Das enttäuschte mich. Als Papst wurde er noch schlimmer.

Inwiefern?

Zuerst war Ratzinger konservativ, heute ist er von Grund auf reaktionär. Er verurteilt alles Moderne, will die Kirche des 19. Jahrhunderts erhalten. Ratzinger ist ein Professorenpapst, kein Hirte. Kein Charisma, keine Ausstrahlung.

Hatten Sie in den letzten Jahren Kontakt mit ihm?

Nein. Aber wenn er mich einladen würde, würde ich gerne mit ihm diskutieren. Der heilige Franziskus hat schließlich auch mit dem Wolf gesprochen.

Nach weiteren Konflikten mit dem Vatikan traten Sie 1992 aus dem Franziskaner-Orden aus und legten das Priesteramt nieder. Haben Sie diesen Schritt später bereut?

Nein, eigentlich nicht. Ich habe nur den Schützengraben gewechselt, nicht die Schlacht. Ich wurde vom Priester zum Laien, mache aber weiterhin Theologie, schreibe Bücher, halte Vorträge in der ganzen Welt, begleite Basisgemeinden und soziale Organisationen.

Sind Sie immer noch ein gläubiger Katholik?

Ich sehe mich als franziskanischen und ökumenischen Katholiken - nicht als römischen. Römisch-katholisch ist die autoritäre, juristische Form des Christentums.

Ist Befreiungstheologie heute noch aktuell?

Die Theologie der Befreiung lebt in vielen Kirchen weiter. Überall auf der Welt, wo sich Christen den Unterdrückten, der Armut und der Umwelt zuwenden - den Schrei der Erde hören. Und dieser Schrei wird immer lauter. Die Befreiungstheologie ist aber nicht mehr so sichtbar, weil sie nicht mehr so polemisch ist wie früher.

Fehlt es an jungen, mutigen Theologen, die sich Rom offen entgegenstellen?

Heute werden neue Pfarrer ganz in der Mentalität des Vatikans ausgebildet - nach innen gewendet, ohne Interesse an sozialen Fragen. Und wenn sie sich für die Befreiungstheologie interessieren, werden sie überwacht und manchmal auch verfolgt. Deshalb sind es vor allem Laien, die sich engagieren. Wir alten Befreiungstheologen haben kaum Nachfolger.

Also können Sie sich noch nicht aufs Altenteil zurückziehen?

Ich bin da wie ein Schwabe: schaffen, schaffen, schaffen. Ich werde bis zum Jüngsten Gericht für Gerechtigkeit kämpfen.

Interview: David Klaubert/print

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