Was macht eigentlich... ...Jorginho?


Der Brasilianer spielte von 1989 bis 1995 in Leverkusen und München nicht nur göttlichen Fußball. Er gründete auch einen Bibelkreis für Sportler.

Tragen Sie ab und zu noch Lederhosen?

In Rio de Janeiro ist es dafür ein bisschen zu heiß. In München habe ich sie ab und an gerne getragen. Mir hat das damals alles gut gefallen: Wiesn, Weißwurst, Meisterfeier - schöne Erinnerungen.

Vermissen Sie München?

Überhaupt vermisse ich Deutschland. Deshalb bin ich jedes Jahr nach Möglichkeit mehr als einmal da. Ich habe Freunde zurückgelassen. In Brasilien denken viele, der Deutsche habe ein hartes Herz. Das weiß ich besser. Die Umstellung ist gerade für Brasilianer doch sehr schwierig.

Wie war das bei Ihnen?

Die ersten Monate waren furchtbar. Die Sprache des fremden Landes sprechen zu können ist der Schlüssel zu allem. Als das ging, verstand ich die Menschen und die Kultur. Ich habe in Deutschland gelernt, meine Flexibilität zu leben und dennoch diszipliniert zu sein.

Sie waren einer der Ersten, die den Torjubel für Ihre religiöse Botschaft einsetzten: Sie zogen Ihr Trikot über den Kopf - darunter kam ein T-Shirt mit Sätzen wie "Jesus liebt dich" zum Vorschein.

Mir ging es darum, meinen Glauben offen zu zeigen und andere daran teilhaben zu lassen. Heute gibt es diesen Jubel in allen Stadien. Es ist schon richtig zu verkünden. Aber mit allen Slogans bin ich nicht einverstanden. "Jesus liebt dich", ja. "Gott ist treu" ist mir dagegen zu speziell.

Von der Presse wurden Sie als "Weltfußball-Pastor" bezeichnet. Schmerzt der Spott?

Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, mich zum Pastor ausbilden zu lassen. Meine Arbeit heute hat ja viel damit zu tun.

Ihre Fußballschule in Rio entstand aus dem Glauben heraus?

Ja. Wir wollen diesen Kindern der Armut eine Chance geben. 700 Jungen und Mädchen spielen mit. Es geht nicht darum, Profifußballer zu züchten. Das schaffen ohnehin nur die wenigsten.

Und die anderen?

Wir geben Nachhilfe und Computerkurse, wir geben Orientierung. Die Kinder sollen fit fürs Leben werden. Die Armen werden in meinem Land doch meist vergessen. Hätte ich den Fußball nicht gehabt - mein Leben wäre heute kaputt.

Gibt es noch Kontakte zum Sportler-Bibelkreis, den Sie 1991 in Leverkusen gegründet haben?

Wenn ich in Deutschland bin, spreche ich mit Heiko Herrlich und anderen Spielern. Es war eine große Erfahrung zu merken, dass wir zusammen etwas auf die Beine stellen konnten mit unserem Glauben.

In der Regel interessieren sich Fußballspieler mehr für sich selbst.

Auch ich hatte diese Phase: Ich bin der Größte und Schönste. Aber irgendwann wird auch ein David Beckham begreifen: Diese Illusion ist nichts wert.

1992 wurden Sie vom Fußball-Weltverband zum fairsten Spieler gewählt. Welche Bedeutung hatte der Titel für Sie?

Mehr als ein WM-Gewinn. Jeder Spieler will Weltmeister werden. Und wenn es gelingt, ist das eine hervorragende Teamleistung. Diese Auszeichnung aber hatte allein etwas mit meiner Persönlichkeit zu tun. Und mit meinem Glauben.

Sie sind gerade mal 41 Jahre alt. Was machen Sie, wenn Brasilien bei der kommenden WM einen rechten Verteidiger braucht?

Bei meiner Fitness? Keine Chance! Ich fiebere aber vor Ort mit und wünsche mir ein Finale Deutschland - Brasilien. Und Sie wissen ja: Südamerikanern fällt das Gewinnen in Europa schwer.

Interview: Christoph Wöhrle

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker