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WAS MACHT EIGENTLICH ...: Eric Heiden

Bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid gewann der »Eisschnellläufer des Jahrhunderts« 1980 fünf Goldmedaillen.

Bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid gewann der »Eisschnellläufer des Jahrhunderts« 1980 fünf Goldmedaillen.

Zur Person:

Der Sportmediziner Dr. Eric Heiden lebt mit seiner Frau Karen, ebenfalls Ärztin, in Sacramento. Eric Heiden hatte sich nach der Olympiade 1980 vom Eissport zurückgezogen, lehnte diverse Werbeverträge ab und studierte lieber Medizin. 1984 arbeitete er bei der Olympiade in Sarajevo als TV-Kommentator, nahm 1986 als Profi des US-Teams »7-Eleven« an der Tour de France teil. Er ist eng mit dem dreimaligen Tour-Sieger Lance Amstrong befreundet. In Salt Lake City betreut er jetzt als Mannschaftsarzt Mitglieder des amerikanischen Teams.

Herr Heiden, wir stören Sie hoffentlich nicht gerade . . .

Nun ja, ich war auf dem Weg in den Operationssaal. Ich operiere an zwei oder drei Tagen in der Woche. Wir beginnen morgens um sieben und operieren bis nachmittags um fünf. Ununterbrochen.

Harter Job.

Einerseits. Andererseits: Es macht Spaß. Ich vergleiche Operieren sogar mit den Wettkämpfen von früher. Du musst dichkonzentrieren, du musst planen und vorausschauen. Du verspürst diese Nervosität. Und wenn's gut gelaufen ist, kommt die große Erleichterung.

Nun fahren Sie als Teamarzt der amerikanischen Eisschnellläufer zu den Spielen von Salt Lake City. Ein olympisches Comeback nach 22 Jahren.

Nicht ganz. Ich war als Fernsehreporter schon bei Olympischen Winterspielen. Aber es ist richtig: Die Spiele in Salt Lake sind besonders

Besonders patriotisch, wie viele befürchten?

Es ist tatsächlich eine Zeit, in der sich die Amerikaner wieder auf etwas Schönes und Großes freuen nach den Ereignissen des vergangenen Jahres. Das kann ich nachvollziehen. Ich hoffe aber, dass die Leute vor allem Top-Athleten und Top-Leistungen feiern. Unabhängig von der Nationalität. Ich möchte beispielsweise unbedingt einige Eishockeyspiele sehen. Wenn es die Zeit zulässt. Ich bin ja nicht zum Vergnügen da.

Sie haben mit 21 Jahren, unmittelbar nach Ihren fünf Goldmedaillen von Lake Placid, aufgehört. Damals galten Sie als amerikanischer Nationalheld. Werden Sie heute noch auf der Straße erkannt?

Die Leute erinnern sich noch an meinen Namen. In Europa, speziell in Holland und Norwegen, bin ich bestimmt bekannter alshier. Auf der Straße spricht mich hier kaum noch jemand an. Das ist mir auch ganz recht so. Ich habe zum Beispiel mal den berühmten Basketballspieler Charles Barkley behandelt. Auch der erkannte mich nicht.

Haben Sie manchmal bedauert, dass Sie so früh aufgehört haben? Heute kann man mit Eisschnelllaufen sogar reich werden.

Klar, ich habe oft darüber nachgedacht. Damals war einfach nicht so viel Geld im Spiel. Und ich wusste eben sehr genau und sehr früh, was ich nach meiner Karriere machen wollte. Im Prinzip kann ich froh sein, dass die Zeiten so waren. Ich bin dadurch gar nicht erst in einen Gewissenskonflikt geraten. Ich hatte doch eine wunderschöne Zeit. Und nach fünf Goldmedaillen: Was hätte da noch kommen können?

Danach haben Sie sich als Radprofi versucht, waren sogar amerikanischer Meister und haben 1986 an der Tour de France teilgenommen . . .

. . . und ich kann Ihnen sagen: Das war eine Erfahrung. Ich habe allergrößten Respekt vor den Radprofis. Das ist hart. Härter als Eisschnelllaufen. Ich glaube, man kann keinem Normalsterblichen vermitteln, was es heißt, die Tour durchzustehen. Es hat mir wirklich die Augen geöffnet.

Trotzdem erinnern sich die Leute natürlich eher an den Eisschnellläufer Heiden. Immerhin wurden Sie vor drei Jahren zum Winterolympier des Jahrhunderts gewählt.

Ach? Ist ja witzig. Davon wusste ich gar nichts. Da sehen Sie's.

Stimmt es, das Sie eine Ihrer Goldmedaillen verloren haben?

Verloren nicht. Ich hatte sie verlegt. Ich habe sie in einem Wandschrank wiedergefunden. Zwischen Socken und Unterwäsche.

Interview: Michael Streck