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Was macht eigentlich...: Eric T. Langer

Der Rechtsanwalt verlor am 26. April 2002 seine Lebensgefährtin Birgit Dettke. Die Lehrerin des Gutenberg-Gymnasiums zählte zu den Opfern des erfurter Amokläufers.

Zur Person

Eric T. Langer in seiner Kanzlei in Erfurt. Der 40-jährige Anwalt las über 8000 Seiten Ermittlungsakten und stieß dabei immer wieder auf Widersprüche und Lücken. Ruhe will er erst geben, wenn alle Fragen beantwortet sind. Als Sprecher der Angehörigen vertritt Langer inzwischen die Familien von 13 weiteren Opfern. Der 19-jährige Robert Steinhäuser erschoss am 26. April vergangenen Jahres zwölf seiner ehemaligen Lehrer, eine Sekretärin, einen Polizisten, zwei Schüler und anschließend sich selbst. Langers Lebensgefährtin, damals 39, hatte am Gutenberg-Gymnasium Kunst unterrichtet.

Ein Jahr ist seit dem Massaker vergangen, wird auch in Erfurt wieder normal Frühling?

Es gibt eine neue Normalität für die meisten von uns. Das Massaker ist Teil meines Lebens geworden. Seit Weihnachten zwinge ich mich dazu, keine schwarzen Krawatten mehr zu tragen. Aber seltsamerweise stellt man alles und sich selbst ständig infrage: Ist es schon Verrat an ihr, wieder eine bunte Krawatte zu tragen? Bin ich noch normal? Wie Sie merken: Nichts ist normal.

Ein Teil der Hinterbliebenen organisiert zum Jahrestag eigene Veranstaltungen. Warum?

Weil es uns wichtig ist. Es gab viele Gedankenlosigkeiten damals. Zu manchen Veranstaltungen vergaß man, die Angehörigen einzuladen. Lebensgefährten ohne Trauschein bekamen von der Stadt keine Kondolenzbriefe wie die anderen. Wenn ich nicht private Kontakte gehabt hätte, wäre ich bis heute nicht mal offiziell über den Tod meiner Lebensgefährtin informiert worden. Es gab auch viel unbürokratische Hilfe und echte Anteilnahme, ganz klar. Aber vor allem wollen wir nicht, dass der Jahrestag wieder nur eine politische Bühne wird. Denn von den großen Gesten und Reden zur Ursachenforschung war ja ganz schnell nichts mehr übrig.

Immerhin wurde das Waffengesetz verschärft und in Thüringen das Schulgesetz gelockert

Beides nur zu überfällig. Dass 16-Jährige Waffen besitzen durften und jemand keinen Schulabschluss hat, bloß weil das Abitur dann doch zu schwer ist - schlimm genug. Aber das hatte mit der Katastrophe nur peripher zu tun. Es ging und geht um Verantwortung - füreinander, für das, was passiert, für die Gesellschaft, nicht nur für sich selbst. Insofern geht Erfurt jeden etwas an, von der Verkäuferin bis zum Minister. Aber vielleicht ist dies genau das Problem: Niemand stellt sich und seine persönliche Verantwortung gern infrage.

Was hätten Sie sich denn gewünscht?

Dass eine große Diskussion begonnen hätte, damit es nicht ganz sinnlos war, dass man wenigstens anfängt, darüber nachzudenken, was in der Gesellschaft eigentlich los ist, warum Eltern nichts mehr von ihren Kindern wissen, warum sie nichts mit ihnen unternehmen, nicht miteinander reden und ihnen viel zu oft Geborgenheit und Vertrauen fehlen. Dann gehen sie eben nicht zu ihren Eltern, wenn sie Hilfe brauchen, und hinterher will niemand etwas bemerkt haben.

Monatelang wurde ermittelt, sogar der Landtag beschäftigte sich mit Pannen und Rätseln am 26. April. Eine Gruppe von Angehörigen, die Sie vertreten, verlangt immer noch Aufklärung: Worüber?

Wir waren entsetzt, als der Untersuchungsausschuss einfach feststellte, alles wäre nun geklärt. Ob nach der Katastrophe oder bei ihrer Vorgeschichte - alle klopfen sich immer nur auf die Schulter und versichern sich gegenseitig: Wir haben alles richtig gemacht. Allein zum Rettungseinsatz gibt es noch viele offene Fragen, Widersprüche, Ungenauigkeiten. Keinem der Angehörigen geht es um Geld - oder was man uns sonst unterstellt. Die 13 Familien brauchen sich vor allem gegenseitig. Wir wollen einfach nur wissen, was da passiert ist, manche gerade in allen Einzelheiten, weil sie erst danach anfangen können, richtig zu trauern. Vor zwei Monaten haben wir wieder einen Fragenkatalog abgegeben, bisher ohne Antwort.

Was dauert dabei so lange?

Ich weiß es nicht. Vielleicht wäre es sogar vernünftiger, sich und andere nicht mehr damit zu quälen. Auch das gehört zur Verantwortung.

Interview: Holger Witzel

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