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was-macht-eigentlich: Helmut Harff

Der 61-jährige General war Befehlshaber der deutschen Kfor-Truppen im Kosovo. Der Elitesoldat, genannt der »Habicht«, schonte mit harscher Kritik weder Freund noch Feind

Der 61-jährige General war Befehlshaber der deutschen Kfor-Truppen im Kosovo. Der Elitesoldat, genannt der »Habicht«, schonte mit harscher Kritik weder Freund noch FeindZur Person :

Harff im Alten Museum Berlin. Der General a. D. hat eine lange militärische Karriere hinter sich - unter anderem als Kommandeur der deutschen Truppe 1993 in Somalia . Jetzt geht er mit seiner Frau nach Damaskus

stern: Herr General, Sie haben eine gewisse Berühmtheit erlangt durch eine Szene, die im Fernsehen zu verfolgen war: Sie zeigen auf Ihre Uhr und bellen einen serbischen Grenzoffizier an: »Sie haben 30 Minuten, den Posten zu räumen. Inzwischen noch 28. Ende der Diskussion.«

Harff: Das war am albanischen Grenzübergang Morina. Es war vereinbart, dass die Serben sich zurückziehen, um den deutschen Truppen den Einmarsch ins Kosovo zu ermöglichen. Als ich mit dem Hubschrauber landete, machten die serbischen Kommandeure aber überhaupt keine Anstalten dazu. Wenn Sie in so einer Situation anfangen zu verhandeln, sind Sie verloren.

stern: Seit Ihrem Auftritt gibt's dafür ein eigenes Verb: harffen.

Harff: Damit kann ich gut leben. Ich bin ein Freund klarer Worte.

stern: Das hätte auch schief gehen können.

Harff: Wenn Sie 40 Jahre Soldat waren, haben Sie ein gutes Gespür, auch für die andere Seite. Ich wusste: Die versuchen zu bluffen, die haben Schiss. Von dem Moment an, als der Kfor-Einmarsch begann, hatten die serbischen Soldaten nur noch eine Sorge: Wie kommen wir unbeschadet nach Hause zurück?

stern: Sie waren schon bei den Bundeswehreinsätzen in Somalia und Bosnien in vorderster Linie dabei. Wie kommt ein alter Haudegen mit dem Wechsel ins Pensionärsdasein klar?

Harff: Das ist nicht ganz einfach. Aber ich habe Anfang Juli geheiratet. Meine Frau arbeitet im Diplomatischen Dienst und wird demnächst nach Syrien versetzt. Wir werden dann in Damaskus leben. Um es als Soldat zu sagen: neue Lage, neuer Auftrag.

stern: Stehen Sie immer noch um sechs auf?

Harff: Ich gönne mir jetzt auch mal das eine oder andere Stündchen mehr Schlaf. Aber dass ich als Soldat um sechs Uhr aufgestanden wäre, muss ich zurückweisen. Ich war Fallschirmjäger. Da steht man nicht um sechs auf, sondern früher.

stern: Können Sie die Erlebnisse auf dem Balkan jemals vergessen?

Harff: Das lässt Sie nie mehr los. Ich habe nach meiner Rückkehr an die 20 Vorträge gehalten, vor Soldaten, Gewerkschaftern, politischen Stiftungen. Ich wollte meine Erfahrungen weitergeben. Noch in diesem Sommer will ich eine Balkanreise machen, durch Bosnien, Kosovo, Kroatien und Montenegro. Ich will einfach sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Serbien werde ich allerdings auslassen müssen. Ich glaube, da bin ich eine unerwünschte Person.

stern: Welche Bilder sehen Sie vor sich, denken Sie an Ihren Einsatz zurück?

Harff: Leichen. Leichen überall. Blut an den Häuserwänden von Erschießungen. Verstreute Gliedmaße. Hier ein Kopf, ein Meter weiter der Rumpf. Zum Teil nur noch Reste, von streunenden Hunden abgenagt. Man fällt von seinem Glauben ab, wenn man das sieht.

stern: Welche Fehler hat der Westen gemacht?

Harff: Auf politischer Ebene war dieser Konflikt nicht zu Ende gedacht. Die Politiker machten nach Beginn der Luftangriffe ihre Truppenbesuche, sagten dann im kleinen Kreis: »Wir wissen, dass die Sache irgendwie weitergeht, aber fragen Sie nicht, wie.«

stern: Was hätten Sie geraten?

Harff: Man hätte den Einsatz von Bodentruppen nie kategorisch ausschließen dürfen. So gebe ich dem Gegner doch die Information, dass ich zum Äußersten nicht bereit bin. In Tetovo rauschten die Marschflugkörper nur so über unsere Köpfe hinweg. Und dann sehen Sie jeden Tag diese Flüchtlingsströme, die trotzdem immer mehr anschwellen. Und vor Ort haben Sie wirklich fähige Bodentruppen, die aber nicht eingreifen dürfen. Das ist als Soldat schwer zu ertragen.

stern: Würden Sie den Nato-Einsatz rückblickend dennoch als Erfolg bezeichnen?

Harff: Wenn es das Ziel war, dem flächendeckenden Vertreiben und Morden ein Ende zu machen: ja. Aber haben wir den Balkan befriedet? Nein.

stern: Können Serben und Kosovo-Albaner jemals wieder friedlich zusammenleben?

Harff: Für die nächsten ein, zwei Generationen ist das eine abenteuerliche Vorstellung. Sie müssten neben jedes Haus einen Soldaten stellen, der aufpasst. Und das schafft keine Armee der Welt.