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"Eine Art Heiligtum": "Der fall Handtasche"

Stauraum, Kunst-Stück, gar mythisches Objekt: In Paris wird "Der fall Handtasche" beleuchtet - eine Ausstellung über die Lieblingsbegleiterin aller Frauen.

Olivier Saillard hatte einen Job, um den ihn viele Frauen beneiden. Der Kurator des Pariser "Musée de la Mode et du Textile" durfte in den vergangenen Monaten die ganze Welt bereisen, um kostbare Handtaschen zusammenzusuchen. Doch Saillard konzentrierte sich nicht auf die Designerschätze der Saison - ihm ging es darum, die schönsten und interessantesten Exemplare vergangener Epochen zu versammeln. Die mehr als 300 außergewöhnlichen Teile, die er fand, sind bis Februar 2005 in der Ausstellung "Le Cas du Sac" ("Der Fall Handtasche") zu sehen. Initiiert wurde das Projekt vom französischen Luxushersteller Hermès, der mit Kreationen wie der Kelly-Bag oder der Birkin-Bag maßgeblich dazu beigetragen hat, dass aus einem Stück Leder mit zwei Henkeln ein Schmuck- und Schaustück wurde.

Oft stecken kleine

Geschichten dahinter, warum diese Taschen die Namen berühmter Frauen tragen. Die Birkin-Bag beispielsweise hat Hermès-Chef Jean-Louis Dumas vor 20 Jahren auf einem Flug für seine Sitznachbarin entworfen. Die Schauspielerin Jane Birkin hatte sich bei Dumas darüber beklagt, dass sie keine genügend geräumige Tasche finde, die sie als Mutter mit entsprechendem Handgepäck einhändig öffnen könne. Deshalb trug sie jahrelang einen Korb mit sich herum.

"Es ist schon seltsam, dass wir heute die meisten Taschen nur über die Markennamen erkennen. Früher wäre das degoutant gewesen", erklärt Saillard beim Gang durch das Ausstellungsareal. "Da wurden Taschen für die Besitzer angefertigt und trugen selbstverständlich auch deren Namen." So wie bei der ausgebeulten Hermès-Reisetasche in beigem Canvas, die in einer Vitrine steht. Die hatte Humphrey Bogart um die ganze Welt begleitet; Lauren Bacall stellte sie dem Museum zur Verfügung.

In vielen Ländern ist eine Tasche mehr als nur Gebrauchsgegenstand. Für manche Völker ist sie Hüterin eines Schatzes, Zuflüsterin von Märchen oder sogar das Tor zum Jenseits. "Indianische Schamanen glauben, dass man mittels einer Tasche Verbindung in ein Paralleluniversum aufnehmen kann", erzählt Saillard. "Dort gilt sie als Heiligtum."

Wesentlich weltlicher

ist eine typische Damentasche. Die war von Anfang an für zweierlei nützlich: um das Puderdöschen zu transportieren und andere Frauen vor Neid erblassen zu lassen. Im 19. Jahrhundert waren mit Perlenstaub verzierte Beutel der "dernier crie" oder von Hand bemalte Exemplare, deren Form man am ehesten mit Butterbrotdosen vergleichen kann. In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts dann ging keine Frau von Welt und Geld ohne Krokotasche aus dem Haus - die kleine "Clutch" unter dem Arm gehörte selbstverständlich zum guten Aussehen.

In dieser Zeit begründeten Firmen wie Coco Chanel, Louis Vuitton oder Hermès ihre Welterfolge. Deren aktuelle Taschenkollektionen wurden bei der Ausstellung jedoch bewusst außen vor gelassen. "Ich wollte nicht, dass die Räume aussehen wie die Handtaschenabteilung in der Galerie Lafayette", betont Saillard. Lediglich besonders extravagante Objekte sind zu sehen, wie die "Disque"-Tasche von Chanel in Form einer Schallplatte.

Die Tasche als Mythos,

Kunstobjekt, Nutzgegenstand - jede Seite im "Fall Handtasche" wird in Paris beleuchtet. Aus einer Epoche konnte Saillard allerdings kein Exemplar anbringen: In der Zeit vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis zum Beginn der Französischen Revolution waren die Kleider dermaßen opulent, dass Frauen sich nicht auch noch eine Tasche umhängen wollten. Sie verstauten alles in eingenähte Beutel unter den Röcken.

Oliver C. Schilling / print
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