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100 Jahre Chucks: Zur Schau getragenes Understatement

Mick Jagger trug sie bei seiner Hochzeit, Kurt Cobain hatte sie angeblich an seinem Todestag an, und selbst Lady Di streifte sie sich über die königlichen Füße: die Converse All Stars, auch Chucks genannt. Auf den Spuren einer Legende.

Von Susanne Kaloff

Das Foto ist unscharf. Man sieht ihn rücklings auf dem Teppichboden liegen, die Füße von sich gestreckt, nachdem er sich das Hirn mit einer Schrotflinte weggepustet hatte. Es ist nicht genau zu erkennen, aber es wird behauptet, Kurt Cobain habe an seinem Todestag schwarze Chucks getragen. Das war am 8. April 1994. Spätestens seit diesem Rock-'n'-Roll-Suicide gehörten die Converse All Stars zur Grunge-Uniform und waren einmal mehr geadelt.

Chucks, benannt nach dem Basketballspieler Chuck Taylor, waren schon immer ein Symbol für Freiheit, Autonomie, Rebellion, Jugendkultur, für hey ho, let's go! Punkrocklegende Joey Ramone von The Ramones trug sie, die Jungs von The Clash fegten damit über die Bühne. Heute haben sie Bands wie The Strokes und The Kills abgelöst, und Chucks gehören zum Rock 'n' Roll dazu wie das Groupie zur Band.

Im nächsten Jahr feiert der Converse All Star, der meistverkaufte Schuh der Welt, nun also seinen 100. Geburtstag, und man fragt sich: Wie kann ein billiger, unspektakulärer, simpler Turnschuh über Jahrzehnte so überaus erfolgreich sein? Wie macht er das, ohne sich anzubiedern, ohne sich zu verbiegen und ohne eine Spur peinlich zu sein? Chucks symbolisieren keinen Luxus, Chucks sind kein Statussymbol, sie sind Weltanschauung, und stehen vor allem für einen entspannten Rock-'n'-Roll-Lebensstil.

Das Jawort in weißen Chucks

Bereits 1962 war der schwarze "Oxford" der Lieblingsschuh der Beach Boys. Mit den Beach Boys entdeckten ihn auch die anderen lässigen Jungs am Strand für sich und Chucks wurden zum Must-have für Surfer. Der Schuh mit der weißen Gummikappe war schon immer einer, der sagte: Ich bin ein bisschen anders als ihr! Das wollte wohl auch Mick Jagger sagen, als er 1971 in St.Tropez seiner Bianca das Jawort gab. Er trug einen Dreiteiler und dazu, wie es sich für einen Rockstar gehört, weiße Chucks. Das Geheimnis eines Rockstars ist nicht Anpassung, nicht Veränderung, nicht Neuerfindung, sondern Authentizität. Ein Rockstar biedert sich nicht an, folgt keinen Trends. Ein Rockstar bleibt sich selber treu, macht sein Ding, immer schön gegen den Mainstream.

Auch die All Stars blieben sich treu und sahen schon immer so aus wie heute. Jede Generation ist mit dem gleichen Schuh groß geworden: ein schlichter Basketballschuh aus Canvas. Während die große Marken wie Nike oder Adidas durch immer neue Trends auf sich aufmerksam machten, blieben Chucks immer Old School, solide ohne Klimbim.

Der Verweigerungsschuh unter den Sneakers

Man könnte auch sagen, der Converse All Star ist der Verweigerungsschuh unter den Sneakers, der sich allen albernen Modeerscheinungen bisher beharrlich verweigerte. Verweigerung ist Widerstand, ist Revolte, ist Protest - alles Attribute, die etwas Cooleres atmen als Fitness und ergonomisches Fußbett. Sie sind hip, aber nicht zu hip, subversiv, aber nicht zu aufständisch, sie sind elitär, aber nicht arrogant, und sie sind vor allem wahnsinnig sympathisch.

Und deshalb sieht man sie mittlerweile auch überall dort, wo keine E-Gitarre gespielt wird: auf dem Schulhof, am Prenzlauerberg oder auf der Maximiliamstraße. An Politkern, an Sienna Miller und seit über zwanzig Jahren konsequent an Bernd Eichinger. Der simple Stoffschuh scheint die Fähigkeit zu besitzen, all diese Menschen modisch, man möchte fast sagen ideologisch, zu einen. Das einzige kleine Zugeständnis an das Alter scheint die Höhe zu sein: Frauen ab 35 Jahren sieht man eher in den flachen, braveren Modellen. Gerne in reinweiß oder creme, als käme man gerade vom verlängerten Wochenende aus den Hamptons. Oder vom Segeln auf der Alster, seltener von Backstage.

Mit ein paar Chucks an den Füßen macht man nichts falsch, in fast jeder erdenklichen Lebenssituation sieht man darin beiläufig aus. Man kann ohne nachzudenken auf sie zurückgreifen, so, wie man beim Italiener auch ohne langes Überlegen Penne Arrabiata bestellt, und weiß, was man bekommt. Chucks sind eine günstige, stilvolle Alternative. Wo sonst kann man sich für nicht mal siebzig Euro ein Stück Jugend kaufen? Inklusive nostalgischer Erinnerungen an Teenagezeiten, als wir plattfüßig vor dem Spiegel standen und das Leben unbespielt vor uns lag wie ein großes Basketballfeld. Und plötzlich riecht man ihn für einen Moment wieder: den Teen Spirit. Es riecht jung, nach Anfang und so viel besser als der Geruch satten Wohlstands.

1908 der optimale Basketballschuh

Den Anfang machte Marquis M. Converse. Er gründete 1908 in Massachusetts die Converse Rubber Shoe Company. Der All Star, ein optimaler Basketballschuh, wurde 1917 erstmals in der Originalfarbe Schwarz produziert. Vier Jahre später kam der Basketballspieler Chuck Taylor zu Converse, um mit seinem Profiwissen dazu beizutragen, den Schuh zu verbessern. Er war es auch, der 1923 das runde Converse-Patch mit seiner Signatur auf den Schuh nähen ließ, damit die Knöchel der Sportler geschützt waren. Er ist der Grund, warum heute keiner mehr Converse All Stars sagt, sondern nur noch von Chucks die Rede ist, was ja immer ein bisschen so klingt, als spreche man von seinem guten alten Kumpel.

Der Umsatz von Converse verdreifachte sich in drei Jahren. Mitte der 1970er Jahre bedrohte jedoch eine neue Sportart die Stabilität: Jogging. Junge Firmen spezialisierten sich auf Laufschuhe - auch die Firma Nike. Eine Entwicklung, die in der Öffentlichkeit wenig breitgetreten wurde, war die Übernahme der Firma durch Nike im September 2003. Ein Grund dafür könnte sein, dass man seine Kundschaft weiter daran glauben lassen wollte, ein poppiges, politisches Statement gegen amerikanische Großkonzerne spazieren zu tragen.

Willy Umland, der als Lizenznehmer mit seiner Firma All Star D.A.Ch GmbH Converse in Deutschland, Österreich und der Schweiz vertreibt, winkt ab: "So würde ich das nicht sehen, man war eher darauf bedacht, die DNA von Converse nicht zu zerstören." Das größte Erfolgsmerkmal sei die Glaubwürdigkeit beim Endverbraucher: "Converse ist glaubwürdig, weil wir das Original sind, weil wir authentisch sind!"

Optische Beinverkürzer

Es gab jedoch auch durchaus Zeiten, in denen man lieber tot gesehen werden wollte, als in den ungepolsterten Flachtretern, in denen man sofort kalte Füße bekommt, die das Bein optisch verkürzen und einem vorgaukeln, man liefe auf Moos. Aber ein Klassiker kommt nie aus der Mode, er ist immun gegen jede Form modischer Grippe. Chucks sind Klassiker, die immer noch genauso unaffektiert und zeitlos aussehen wie vor hundert Jahren.

Egal ob ein Burberry Trenchcoat, Chanel Nr. 5, Lego oder ein VW Käfer - der Mensch sehnt sich nach Beständigkeit, der Klassiker stillt genau diese Sehnsucht. Ein sicheres Zeichen, in den Olymp der Unsterblichen aufgestiegen zu sein, ist immer die Kopie.

Und davon gibt es haufenweise. Böse Plagiate, schlechte Kopien, aber auch ehrfürchtige Zitate von Aldi bis Dior in jeder Preisklasse. Große Designer aus den Häusern Louis Vuitton, Chanel, aber auch Ed Hardy, haben sich schon an Chucks probiert. Aber darüber können echte Converse-Fans natürlich nur müde lächeln, geht es doch beim Tragen von Chucks nicht um glitzernde Statussymbole, sondern um zur Schau getragenes Understatement.

Der Century Chuck

Im Jubiläumsjahr wird die Eine-Milliarde-Schallgrenze an verkauften Chucks aller Wahrscheinlichkeit nach durchbrochen werden. Umland bestätigt: "Was wir sicher sagen können ist, dass das verkaufstärkste Jahr 2008 sein wird. Die Vororder für das erste Quartal zeigt schon jetzt eine Umsatzsteigerung von 60 Prozent, für das zweite Quartal sogar 80 Prozent." Eine Erfolgsgeschichte mit bis dato nie erreichten Verkaufszahlen eines Turnschuhs. Die Designs im nächsten Jahr werden sich an den unterschiedlichen Jahrzehnten orientieren. Es wird Retro-Chucks geben, die so aussehen wie das Urmodell des All Star, und natürlich einen "Century Chuck".

Bleibt zu wünschen, dass Converse das Wichtigste immer im Auge behält: Wir lieben diesen unaufgeregten, designfreien Turnschuh dafür, dass er uns Bewegungsfreiheit lässt, mit uns groß geworden ist, und uns einfach ein bisschen in Ruhe lässt, während die Welt auf gefederten Sohlen immer schneller läuft.